Der Potsdamer Dr. Peter Freudenberger greift nach den Sternen. Schier unermüdlich engagiert er sich dafür, Astronomie als Pflichtfach in den Schulen einzuführen – und zwar in ganz Deutschland. Bisher schrieb er vor allem Briefe an Politiker. Jetzt greift er zu einem anderen Mittel. Für Mittwoch, 17 Uhr, meldete er eine Demonstration am Brandenburger Tor in Berlin an.
Eine Massendemonstration wird es ganz bestimmt nicht. Mit 50 bis 100 Leuten rechnet Freudenberger, vielleicht kommen auch 300. Allerdings wollen ihm zufolge Experten teilnehmen: Wissenschaftler, Lehrer und Bildungspolitiker.
In der DDR gab es das Schulfach Astronomie seit 1959. Eine Stunde pro Woche beschäftigten sich alle Schüler der zehnten Klasse mit der Sternenkunde. Davon blieb nicht viel übrig. Brandenburg beschloss bereits 1992, Astronomie als reguläres Fach abzuschaffen. Freiwillig kann man noch Astronomiestunden in der 9. und 10. Klasse besuchen. Doch die Ausbildung der Astronomielehrer in Potsdam sei 1995 eingestellt worden, rügt Freudenberger. Es gebe deswegen nur noch knapp 80 zumeist ältere Pädagogen auf diesem Gebiet. In absehbarer Zeit werde es nicht mehr genug Kollegen geben. Das Wenige, dass es noch gebe, könnte ganz sterben, befürchtet Freudenberger. »Ich sehe die Gefahr.«
Sachsen entschloss sich im Jahr 2002, den Astronomieunterricht abzuschaffen. Vorbildlich kümmert sich dagegen Thüringen. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena studieren nach wie vor angehende Astronomielehrer. Weil Thüringen in den 90er Jahren aber kaum junge Kollegen einstellte, wanderten etliche Absolventen nach Bayern ab, wo es zwar Astronomiekurse für interessierte Gymnasiasten gibt, jedoch kein Pflichtfach für sämtliche Schüler.
Astronomie sei nach wie vor die Wissenschaft, die »zur Ausformung eines zeitgemäßen Weltbildes den nachhaltigsten Beitrag liefert«, findet Dieter B. Herrmann, der von 1976 bis 2004 als Direktor der Berliner Archenhold-Sternwarte arbeitete und vielen Ostdeutschen durch seine populärwissenschaftlich angelegte Fernsehsendung »Aha« in Erinnerung ist.
Astronomie sei enorm wichtig für die Allgemeinbildung und darüber hinaus – mit Blick auf die Raumfahrt – ein Wirtschaftsfaktor, betont Freudenberger. Er selbst unterrichtete das Fach von Anfang der 70er Jahre an in Senftenberg, Großräschen und Potsdam. Er wirkte als Astronomie-Fachberater für ganz Brandenburg und erstellte am Landesinstitut für Schule und Medien in Ludwigsfelde die Rahmenlehrpläne. Am 1. Oktober tritt Freudenberger in den vorgezogenen Ruhestand, doch er wird sicher keine Ruhe finden. Die Zukunft des Astronomieunterrichts treibt ihn um. 150 Euro bezahlte er aus eigener Tasche für Transparente, die übermorgen am Brandenburger Tor hochgehalten werden sollen. Die Idee zu einer Demonstration trieb ihn seit über einem Jahr um. Einen Termin im Winter blies er jedoch wegen der ungünstigen Witterung ab.
Leider halte Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) den bisherigen Zustand für ausreichend, bedauert Freudenberger. Er lässt aber nicht von seinem Ziel: zwei Stunden Astronomie pro Woche für alle Zehntklässler in der Bundesrepublik.
»Das Anliegen ist nicht verkehrt«, bestätigt die Landtagsabgeordnete Gerrit Große (Linkspartei). Sie plädiert dafür, astronomische Kenntnisse im Unterricht »stärker zu vermitteln«. Angesichts einer Stundentafel, die schon so voll gepackt sei, glaubt sie jedoch nicht, dass sich ein richtiges Pflichtfach durchsetzen lässt. Es sei auch schon bei so wichtigen Kernfächern wie Deutsch und Mathematik gekürzt worden. Wo sollte man jetzt noch etwas wegnehmen?, fragt die Deutsch- und Musiklehrerin, die seit 2001 im Landtag sitzt.
Immerhin borgt die brandenburgische Linkspartei Freudenberger für seine Demonstration am Brandenburger Tor aber ein Megaphon. Er dürfe es sich am heutigen Montag im Wahlquartier im Potsdamer Hauptbahnhof abholen, verrät der Unermüdliche. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) habe ihm zwar zuvor auch eine Flüstertüte gegeben, doch die habe sich als funktionsuntüchtig erwiesen.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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