Susanne Scharffs erstes Projekt ist eines, wie sie zu Dutzenden um die Wendezeit im Osten gegründet wurden, mit großer Ambition. Nicht alle überlebten, MONAliesA schon. »Sachen, die unlösbar scheinen«, sagt Scharff, »spornen mich richtig an.« Mit Bücherspenden von Verlagen und aus privater Hand baute Scharff damals die Bibliothek auf: Belletristik, Sachbücher, Zeitschriften, historische Dokumente wie die DDR-Frauenzeitschrift »Für Dich«, alles da, alles offen für Frauen und auch Männer im Leipziger Haus der Demokratie. Auf öffentliche Finanzierung angewiesen, blieb die Bibliothek stets bedroht vom Rotstift. Im Frühling wussten die Mitarbeiterinnen nicht, ob sie nicht schon seit Januar arbeitslos waren. Als 1997 Sparzwänge überhand nahmen, schlossen sie die Bibliothek und schrieben ein Flugblatt, auf dem stand in der ersten Zeile: »Wir geben auf«, in der zweiten aber: »keinen Fall auf!«. Ansteckend entschlossen fanden sie Verbündete in anderen Projekten. Die sächsische Staatministerin für Gleichstellung in Dresden wurde aufmerksam und sagte die Finanzierung einer halben Stelle zu, wenn die Stadt Leipzig die zweite Hälfte übernähme. Es ging weiter. Zehn Prozent ihres Budgets erwirtschaftete MONAliesA selbst. Die »Bücherfrauen«, der deutsche Zweig der Berufsorganisation »Women in Publishing«, nominierten 1997 Susanne Scharff und MONAliesA zur Bücherfrau des Jahres, und es gab »richtig Presse«, Rita Süssmuth kam und stärkte den MONAliesen den Rücken. Als Scharff tatsächlich auf der Frankfurter Buchmesse »Bücherfrau des Jahres« wurde, war die Bibliothek erstmals auf Dauer gesichert. Eine Erfolgsgeschichte: 2009 ist MONAliesA immer noch da. Wo ist Scharff?
Scharff steht schmal und kerzengerade in einem geräumigen Laden in der Leipziger Innenstadt, der vollgestopft ist mit englischen Seifen am einen Ende, erzgebirgischen Spirituosen am andern, dazwischen weißes Porzellan, französische Düfte, Schmuck aus Israel, gläserne Engel aus Lauscha, antike Gläser, Schokolade, eine Seekiste voll Stofftiere, die schon mehr als eine große Liebe hinter sich haben. Lauter Dinge, die man nicht unbedingt braucht, aber unbedingt besitzen will. »Feines für den Alltag« heißt die Zeile unter dem großen grünen »Frau Scharff« an der Fassade. »Die besten Sachen passieren im Alltag. Wenn wir in die sechs Tage Alltag all das reinpacken, was sonst nur Sonntag passiert, verlängern wir unser Leben sechsfach.« Klingt logisch, ist mehr, wie sich zeigen wird: der Schlüssel für die Berufsleben der Susanne Scharff.
Von den ersten acht Kundinnen dieses Dienstagvormittags kennt sie sechs mit Namen, die Namen, sagt sie, merkt sie sich spätestens beim zweiten Besuch. Dann kommt eine Frau, die hat viel, viel Zeit und fragt nach dem und jenem und zeigt schließlich auf ein Püppchen aus der Puppenstube, die etwas versteckt auf dem Boden steht. Was kostet das? »Das«, sagt Scharff freundlich, »ist unverkäuflich. Die Puppenstube ist für die Kinder. Sie sollten mal sehen, wie die von der Tür dorthin flitzen.« Dann fügt sie hinzu: »Aber wenn Sie möchten, können Sie auch damit spielen.« Es klingt kein bisschen ironisch.
Vom gut etablierten Frauenprojekt in die Idylle eines Geschenkeshops, von dem ungewiss ist, ob er sich auf Dauer trägt? Da muss man etwas ausholen. Frau Scharff, 1964 geboren in Karl-Marx-Stadt, ist 1989 Lehrerin für Deutsch und Englisch in Leipzig, verheiratet mit Siggi Scharff, gleichfalls Lehrer, ein Sohn, Philipp, zwei Jahre. 1989 passiert. Siggi bricht aus. Er gründet die Freie Schule Leipzig, das bringt wenig Geld, viel Arbeit, große Freude. Soll Susanne Scharff mitmachen? Ein Freund sagt: »Probier dich lieber selbst aus!« Muss man es zweimal sagen? Scharff liebt Bücher, es gibt jetzt so viele Bücher, die sie zuvor nicht lesen durfte, Scharff beginnt Bücher zu sammeln: im Mütterzentrum, im Familienzentrum, im Frauenzentrum, auf das sie sich bald konzentriert. 1990 kommt Laura zur Welt: »Das war günstig. Da hatte ich Zeit. Laura war immer mit und kann heute genau wie ich nicht ohne Bücher sein.« Als das Babyjahr um ist, 1991, heißt die Frauenbibliothek MONAliesA und ist ein Zimmer voller Bücher, ehrenamtlich zusammengetragen. Aber nun. Scharff muss, Scharff will zurück in die Schule. Eine Bibliothek betreibt sich nicht nebenbei, deshalb sucht sie eine, die – nun bezahlt – dort arbeitet. »Und bei diesen Vorstellungsgesprächen habe ich Frauen kennengelernt, die nur rumgenörgelt haben.« Nicht nur, dass ihnen der Bezug zum Feminismus abging: »Schon dass es für Frauen war, hat gereicht, war zu viel.« Diesmal ist es eine Freundin, die sie schubst: »Mach's selber, wenn du nicht willst, dass es kaputt geht.« Die Entscheidung fiel leicht und schwer zugleich, denn Lehrerin: »Mein Gott, das hat mir Freude gemacht!«, bis heute hält sie Kontakt zu Schülerinnen, die selbst schon starke Frauen mit starken Geschichten sind. Chefin von MONAliesA zu werden war nicht mal ihre eigene Idee. Aber sie trägt fünfzehn Jahre weit. Nur einmal, sie beherbergt wie so oft eine Autorin nach der Lesung, blitzt eine andere Idee durch die Nacht. Die Autorin nämlich bewundert alten Schmuck in Scharffs Wohnung, und Scharff sagt: »Einen Laden mit solchen Sachen, den hätte ich gern.« Dann vergisst sie es wieder.
Warum machen wir etwas anderes, wenn eine Sache gut läuft? »Weil man's satt hat.« Langeweile ist das nicht, nur »das Gleichmaß«: Scharff ist vierzehn Jahre dabei, da beginnt sie sich zu fühlen, »als ob jemand immer an die gleiche Stelle tritt. Ich hatte keine Ideen mehr.« Sie will, dass die Kolleginnen mehr Aufgaben übernehmen. Aber was Susi Scharff immer gemacht hat, soll Susi Scharff immer machen. Sie beginnt, in Versehen und Unfälle zu stolpern. Da weiß sie: Etwas muss sich ändern. »Das war schrecklich, aber ich hatte Vorbilder.« Denn auch Siggi war von der Freien Schule, seinem Projekt, weggegangen – ohne äußeren Druck, in andere, selbstständige Arbeit. Die Freie Schule hatte es überlebt. Ohne dieses Beispiel, sagt Scharff, »wäre ich vor Schuldgefühlen krachen gegangen«. Alle sagen: »Das ist dein Baby, das kannst du nicht verlassen.« Ein Baby? Sind nicht die Babys Philipp und Laura längst Jugendliche und beginnen, aus dem Haus zu gehen? MONAliesA ist kein Kind mehr, und hier ist es Scharff, die gehen muss. Wie bei jeder guten Trennung kommt die Trennung zuerst, dann die neue Liebe. Dazwischen ein Absturz, sagt Scharff. Es muss ein Absturz gewesen sein, der mit neuer Kraft begabt. Zuerst schreibt sie einen Lebenslauf, das war »heilsam«. Damit bewirbt sie sich. Ausgelastet hat sie das nicht. Mit ihrer Freundin, der Göttinger Verlegerin und Schriftstellerin Susanne Amrain, reist sie viel: »Ich hatte Zeit.« Scharffs Augen leuchten.
Sie bewirbt sich und landet wieder bei kulturellen und sozialen Projekten, tolle Stellen sind frei in Leipzig 2005, auch wenn sie alle ein wenig MONAliesA ähneln. Das ist nicht der Haken. Der Haken ist ein Satz, der in jedem Vorstellungsgespräch früher oder später fällt: »Und dies und das müssen Sie bis dann und dann fertighaben.« Scharff fühlt: »Ich habe gar nichts fertigzuhaben. Ich weiß selbst, wann es fertig ist.« Am Ende bleibt zweierlei, das sie interessiert: Leitungspositionen und Selbstständigkeit. Und weil sie noch in jeder Leitungsposition einen über sich sieht, der sagt, was sie wann fertigzuhaben hat, bleibt Selbstständigkeit.
Vorstellungen steigen auf, noch unklar: ein Erotikshop für Frauen, ein Bioladen, sie verwirft beides. »Jetzt setzen wir uns hin und reden wie Geschäftsfrauen«, sagt Susanne Amrain und fragt klug: »Was willst du verkaufen?« Und plötzlich sprudelt es nur so, lange Listen füllen sich: »Weißes Porzellan und rote Gläser, so konkret war das.« Fast alles, was auf den Listen steht, gibt es heute im Laden und viel mehr. »Damals hatte ich nicht viel Ahnung, wo überall auf der Welt es schöne Dinge gibt, heute könnte ich über Nacht ein Kaufhaus füllen.« Amrain macht sie mit einer Göttinger Händlerin bekannt, die sich auf Waren aus der Provence spezialisiert hat. »Sie meinen es ernst«, urteilt die, weil Scharff ihrem Blick standhält. Dann öffnet sie den Schatz ihrer Erfahrungen, nennt Zahlen, teilt Geschäftsgeheimnisse. Auch andere sprechen offen. Am Ende weiß Scharff, was wichtig ist vom Gewerbeschein über den Mietvertrag bis hin zum nötigen Kreditvolumen: 30 000 Euro, die schwindeln machen und die keine Bank vergibt ohne Sicherheit. Trotzdem muss Scharff jetzt nur noch Fäden ziehen und Listen abarbeiten, das ist noch genug Arbeit, aber Arbeit, »wie ich es liebe zu arbeiten: unangestrengt«. Die Kredite geben schließlich Freunde, alles ordentlich mit Vertrag und doppelt und dreifach verpflichtend, denn Rückzahlung an Freunde bedeutet mehr als nur Zahlungsfähigkeit. Das also ist das neue Baby. Und weil Frauen in der Bibliothek manchmal sagten: »Wir kommen doch nur wegen dir«, nennt sie den Laden »Frau Scharff«. »Wenn ich schon kein Kapital habe, gebe ich meinen Namen.«
Zum zweiten Mal schlägt Frau Scharff hat alle Warnungen in den Wind. Als sie ihr berufliches Schicksal MONAliesA, dem Kind der Liebe zu den Büchern, auslieferte, nannte ihre Mutter sie verrückt. Gibt man einen guten Beruf auf für etwas Unanständiges wie Frauenarbeit, Politik womöglich? In diesen Zeiten? »Und als ich bei MONAliesA kündigte, hoben viele die Hände: Mach das bloß nicht! Ich war blind und taub.«
Sie zittert, als sie den Laden eröffnet. Was, wenn alle anderen die Sächelchen als »Schrummel« ansehen würden? Heute, drei Jahre später, kann sie sich zwar kein dickes Gehalt auszahlen, aber der Laden trägt sich, die Kredite zahlt sie pünktlich ab. Was ist jetzt anders? »Ich bin klarer, weil es ums Überleben geht. Wenn du in der Selbstständigkeit nicht klar bist vor dir selber und vor anderen, gehst du baden.« Als eine sie »Kapitalistin« schimpft, sagt Frau Scharff: »Ich beute nur mich aus und erwirtschafte jeden Cent selbst. Und davor ziehe ich selbst meinen Hut.« Ranschaffen musste sie das Geld in der Bibliothek auch. Aber: »Ranschaffen und erwirtschaften ist zweierlei.« Manche sagten, Scharff hätte nur das Geld im Kopf, als sie die Einnahmen der Bibliothek verbessern wollte, eine Lesegebühr einführte, Eintrittsgelder für Veranstaltungen nahm und Publikationen verkaufte. Das bringt sie bis heute in Rage. Was man selbst erwirtschaftet, kann man selbstbestimmt ausgeben!
Früher hat sie ihre Ideen mit Engelszungen beworben, bis alle sie für ihre eigenen hielten. Heute, als Selbstständige, steht sie zu ihren Ideen. Netzwerkerin ist sie geblieben. Einem ihrer Lieferanten hat sie geholfen, den Laden gegenüber zu mieten, das tut beiden gut, denn wer in die stille Reichsstraße hinter dem Bildermuseum kommt, braucht mindestens zwei gute Gründe dafür. Zwei Französinnen, anfänglich Kundinnen, gibt sie im in einem Nebenraum Gelegenheit, den Leipziger Markt für feine Schokolade zu erproben. »So hatten sie gleich Kundschaft.« Nach einem Jahr haben die zwei nun mit »La Chocolaterie« ein eigenes Geschäft gegründet.
Und wo sind die Verluste? »Mir fallen keine ein. Das ist die schönste Überraschung, dass ich nichts verliere: keine Menschen, keine Ansprüche, im Gegenteil! Ich hätte beinahe noch Ideale gesagt, ich sag lieber: Wünsche.« Das Beste, was sie bei MONAliesA gelernt hat, ist im Laden aufgehoben, vor allem die Freude an Veranstaltungen, Lesungen, einmal im Monat, manchmal öfter. Bücher und Schmuck wollte sie zuerst nicht verkaufen, aus Angst, selbst ihre beste Kundin zu werden. Heute verkauft sie diese Dinge, die sie liebt, sehr gut: »Ich will es gut haben, und die anderen sollen es auch gut haben.« Deshalb rät sie Frauen manchmal, etwas, mit dem sie andere beschenken wollen, doch für sich zu behalten.
Dass der Laden ihre letzte Berufsstation ist, glaubt Frau Scharff nicht. »Vielleicht bin ich so ein Mensch, der in Abständen was andres machen muss, auch wenn ich eine Höllenangst davor habe. Ich vertraue darauf, dass dann wieder was Schönes kommt. Es ist im Grunde immer schöner geworden.« Arbeiten würden Siggi und sie »sowieso bis zum Schluss, wir sind solche Typen. In Leipzig gibt es Unternehmerinnen, die sind 80 und 90 Jahre alt«.
Auch in ihrem nächsten Berufsleben wird sie wieder mit Menschen arbeiten, »nur nichts Stilles«. Und ich wette, dass, von ihr selbst unbemerkt, schon eine Idee vorbeigeblitzt ist, die nur darauf wartet, im rechten Moment erfragt zu werden. »Was machen Sie als nächstes, Frau Scharff?«
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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