29.09.2009

»Morales berücksichtigt den politischen Willen der sozialen Bewegungen sehr«

Filmemacher Jorge Sanjinés über den Wandel in Bolivien und den Einfluss der Konzerne

Mit seinem Dokumentarfilm »Yawar mallku« (»Das Blut des Kondors«) von 1969 klagte Jorge Sanjinés die heimlichen Zwangssterilisationen bolivianischer Frauen seitens des »US-amerikanischen Friedenscorps« an. Der Film wurde zum Wegbereiter für die neue Generation kritischer Dokumentaristen auf dem Subkontinent. Heute lebt Sanjinés in La Paz und ist Vorsitzender der kulturellen Stiftung der bolivianischen Zentralbank. Von dieser Position aus versucht er, die »demokratische kulturelle Revolution« zu verbreiten. Mit ihm sprach für ND Diego González.
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Herr Sanjinés, Sie erzählen oft, wie Sie in den 70er Jahren dem deutschen Fernsehen gesagt haben, dass es nicht so lange dauern würde, bis ein indigener Bolivianer Präsident würde. Jetzt ist es so weit gekommen und es sieht so aus, dass für die Wahlen am 6. Dezember die Kandidaten der Opposition, selbst die rechten, einen indigenen Hintergrund haben. Wie deuten Sie dieses Phänomen?
Sanjinés: Das darf uns doch nicht wundern. Die Mehrheit der bolivianischen Bevölkerung ist indigen und diese Menschen sind zufrieden mit dem Aymara-stämmigen Präsidenten Evo Morales. Das zeigten die vor Kurzem durchgeführten Referenden und das zeigen laufend die Umfragen. Die Rechten haben gemerkt, dass ihre historische weiß- mestizische Zeit vorbei ist. Der Grund ist ihre Unfähigkeit, eine Realität wie die unsere zu verstehen. Und die einzige Möglichkeit, den Staatsapparat wieder zu kontrollieren, ist, sich hinter einem indigenen Kandidaten zu versammeln, der ihre Interessen vertritt.

Viele Experten behaupten, dass in Bolivien eine neue Bewegung, der »Evismo«, entsteht, ein Führungstyp, der eher auf dem Charisma von Evo Morales als auf der horizontalen und kollektiven Macht der sozialen Bewegungen beruht. Stimmen Sie den Experten zu? Sehen Sie das mittelfristig als ein Problem?
Nein, ich bin nicht damit einverstanden. Der Präsident berücksichtigt den politischen Willen der sozialen Bewegungen sehr. Ich bin sicher, dass er ganz genau weiß, dass diese Bewegungen nicht zu beachten, einen Machtverlust bedeuten würde. Die Politologen sind ratlos. Die meisten, die der konservativen Partei angehören, können aufgrund ihrer Vorurteile das soziale Phänomen nicht assimilieren.

In ihrem Dokumentarfilm »Das Blut des Kondors« klagten Sie die geheimen Zwangssterilisationen bolivianischer Frauen an. Diese waren Teil der Maßnahmen der »Allianz für den Fortschritt« des damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy, mit der die Verbreitung des Kommunismus in Lateinamerika vermieden werden sollte. Machte es Sinn, jenen Film heutzutage zur Warnung neu zu zeigen?
Ich denke schon. Die transnationalen Unternehmen, die reale politische Macht in diesem Land, fürchten sich vor den politisch engagierten Massen, die die Welt verändert haben. Ich glaube nicht, dass diese Unternehmen über Nacht darauf verzichten werden, darüber nachzudenken, wie man das Bevölkerungswachstum bremsen kann. Vielleicht hängt der Mangel am politischen und moralischen Willen der Hegemonialstaaten, die globale Erwärmung zu bremsen, damit zusammen, dass viele ihrer Aktionen, die sie in unseren Ländern unternommen haben, um die Völker zu kontrollieren, gescheitert sind. Vielleicht sehen sie den Klimawandel als eine Waffe, um den Süden besser unter Kontrolle zu kriegen.

Übersetzung: Romina Agostino

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