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China hat andere Horizonte

Hans Modrow: Nichts wäre falscher als die Ratschläge Unwissender

Hans Modrow, Vorsitzender des Ältestenrates der LINKEN, besuchte im September die Volksrepublik China – nicht zum ersten Mal. ND befragte den ehemaligen Ministerpräsidenten der DDR nach seinem Urteil über 60 Jahre Volksrepublik.
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Hans Modrow

Nach Ihren wiederholten China-Reisen: Was halten Sie für das Wichtigste an 60 Jahren Volksrepublik?
Als ich Ende 1959 vier Wochen lang durch das Land reiste, hatte China knapp 700 Millionen Einwohner, heute sind es mehr als 1,3 Milliarden. Ende der 50er Jahre gab es eine Hungersnot in China, heute gibt es die Gefahr einer solchen Not nicht. Die Armut vieler Menschen, die Spuren des Weges aus dem Feudalismus sind dennoch bis heute nicht zu übersehen. Aber selbst wenn mir die rapide wachsenden Städte mit ihren 200-Meter-Hochhäusern nicht unbedingt gefallen – von gewaltiger Investitionskraft zeugen sie schon. Kurz gesagt ist für mich das Wichtigste, dass die Volksrepublik China besteht, eine beeindruckende Entwicklung erlebt und sich auf einen Sozialismus chinesischer Prägung orientiert.

Zu ihrer Geschichte gehören aber viele »Windungen und Wendungen«, wie es zeitweise beschönigend hieß...
Windungen und Wendungen gibt es bei genauer Betrachtung in allen Staaten. Die ersten 30 Jahre der Volksrepublik waren bestimmt von der Überwindung des Feudalismus, der Freundschaft mit der Sowjetunion folgten die Abgrenzung und die zeitweilige Annäherung an die USA. Von der Missachtung der Intelligenz bis zur physischen Vernichtung und Zerstörung von Kulturgütern – die Kulturrevolution hat schlimme Bilder hinterlassen.

1978/79 begann jedoch eine Entwicklung, die unvergleichlich ist, nicht nur mit früheren Etappen der 5000-jährigen Geschichte Chinas, sondern auch mit der Entwicklung anderer Regionen. Über bald 30 Jahre liegen die Wachstumsraten der Wirtschaft um die zehn Prozent. Natürlich reicht Wachstum allein nicht, um eine allseitig angemessene Entwicklung der Gesellschaft zu sichern. Da spielen Innovationen, Ressourcenverbrauch, Umweltpolitik, Bildungs- und Gesundheitswesen eine Rolle. Solche Herausforderungen wachsen nun auf einem höheren Niveau und in einem Tempo wie noch nie.

Was unterscheidet die KP Chinas denn von ihren einstigen »Bruderparteien« in Europa?
Als erstes ist festzustellen, dass die KP Chinas noch existiert, während die anderen untergegangen sind: Die Mitglieder verließen ihre Parteien, wie in der SED geschehen, in Scharen und die Führungen trugen mit ihrer Unfähigkeit dazu bei, dass dieses Tempo ständig zunahm. Die KP Chinas hat durch Führungswechsel von Generation zu Generation Brüche im Wesentlichen verhindern können. Sie hat die maoistische Theorie von der permanenten Revolution und vom ständigen inneren Klassenkampf aufgegeben und sich auf Reformen in einer sozialistischen Gesellschaft orientiert. Wie weit die unterschiedlichen Formen staatlichen und gesellschaftlichen Eigentums den Drang nach privatwirtschaftlichem Eigentum in notwendigen Schranken halten, wird sich zeigen müssen. Und das Einparteiensystem, für das die KP Chinas steht, sollte für die Zukunft auf eine breitere Einbeziehung der demokratischen Kräfte einer sozialistischen Gesellschaft ausgerichtet sein.

Aber nichts wäre falscher als die Ratschläge Unwissender. Die KP Chinas setzt andere Zeithorizonte als etwa die SED einst: Bis zum 100. Jahrestag der KPCh im Jahre 2021 soll eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand errichtet werden, zum 100. Jahrestag der Volksrepublik 2049 soll das Prokopf-Bruttoinlandsprodukt das Niveau der Länder mit mittlerem Entwicklungsstand erreichen. Das mag bescheiden klingen, tatsächlich aber enthalten solche Ziele die größten Herausforderungen, die sich eine Partei in dieser Welt stellt.

Wie versteht die chinesische Führung andere Sozialismusmodelle, wie sie heute etwa in Lateinamerika entwickelt werden?
Die KP Chinas hat immer eigene Wege in Theorie und Praxis gesucht. Sie hat dabei, wie sie selbst einschätzt, Fehler und Fortschritte gemacht. Über Mao wird gesagt, seine Leistungen und Bestrebungen seien zum Teil positiv, zum Teil grundlegend falsch gewesen. Von Bedeutung bleibt, dass mit seiner Person der Wiedergewinn nationaler Selbstachtung verbunden ist. Heute heißt es, die Partei sei Führungskern beim Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung. Damit ist auch gesagt: Wir sind kein Modell für andere und andere sind keins für uns.

China mischt sich politisch in anderen Ländern nicht ein, bleibt aber auch nicht bloßer Beobachter. Ich habe gerade erst in Kuba die Solidarität Chinas beobachtet. Dort fährt eine Flotte von über 1000 chinesischen Bussen, die über alle Ausrüstungen für die Instandhaltung verfügt. Ganz eng sind die Kontakte auch mit Venezuela.

Eine generelle Diskussion über Sozialismus im 21. Jahrhundert steht noch aus. Wer sie führen will, sollte die Volksrepublik China aber nicht außer Acht lassen, auch wenn dazu bei den vielen Angriffen gegen China hierzulande Mut gehört.

Wie sollte man sich Ihrer Meinung nach gegenüber Defiziten und Problemen des Landes verhalten?
Die chinesische Seite verschließt sich sachlichen Debatten über kritische Fragen nicht. Sie erkennt nach meinen Eindrücken auch, dass selbst gewaltige Aufwendungen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung in den Regionen der nationalen Minderheiten nicht alle Probleme lösen. Aber der Blick allein auf Defizite und Probleme ergibt kein Bild der Volksrepublik China. Wer die andere Dimension von Entwicklung, die hier vor sich geht, nicht begreift und achtet, wird hinter den Erfordernissen des Zusammenlebens auf dieser Erde weit zurückbleiben.

Fragen: Detlef D. Pries

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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