Von Claus Rosenau
10.10.2009

Einkauf mit dem »Kirchenbulli«

Im niedersächsischen Uelzen hält ein Diakonie-Projekt Senioren mobil

Immer Kavalier: Chauffeur Gerhard Klein
Immer Kavalier: Chauffeur Gerhard Klein

Das Gesprächsthema Nr. 1 an diesem Morgen ist der Aldi-Markt und sein Sortiment. Die betagten Fahrgäste im »Kirchenbulli« – alles Frauen – freuen sich über den Discounter, der in Rosche gerade eine Filiale neu eröffnet hat. In dem 2000-Seelenort zwischen Lüneburger Heide und Wendland gab es bislang nur einen Krämer. Chauffeur Gerhard Klein steuert den VW-Bus geradewegs auf den Aldi-Parkplatz.

Der Rentner baut den Tritt auf, hilft den Seniorinnen beim Aussteigen und stellt ihre Rollatoren auf. Der 71-Jährige gehört zu jener Spezies Mensch, die das Leben auf dem Land am Laufen hält: Kneipenwirt beim SV Bankewitz, engagiert in der Gemeindepolitik ebenso wie auf dem Hof des Schwiegersohns. Als »Held des Alltags« hat ihn ein Fernsehsender im Frühjahr porträtiert – wegen seines ehrenamtlichen Einsatzes in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Seit dem »Schützenfest 2007«, weiß es Pastor Uwe Mestmäcker genau, ist der gespendete Kirchenbulli auf Tour, Klein ist seit Oktober vergangenen Jahres als Fahrer dabei. Oft stellen seine Fahrten die einzige öffentliche Verbindung von Dörfern wie Katzien, Stütensen, Schwemlitz oder Bruchwedel zum Gemeindesitz dar – immer dienstags vormittags ist er auf einer festen Route rund um Rosche unterwegs.

Von Bankewitz – 150 Einwohner, ein »reines Rentner-Dorf« – müsste er mit dem Regionalbus zunächst in die Kreisstadt Uelzen fahren und dort auf eine Linie in die Gegenrichtung umsteigen, wollte er nach Rosche zum Arzt oder ins Rathaus – ein Umweg von 26 Kilometern, beschreibt Klein die Paradoxien des ländlichen ÖPNV. Weil er die Nöte der alternden Landbevölkerung kennt – »die zuckeln noch mit 80 mit ihrem Auto nach Uelzen« –, sitzt er am Steuer des Kirchenbullis. Andere spenden für den Zweck. Denn junge Leute, die die Besorgungen und Arzt-Fahrten übernehmen könnten, sind rar, die Kinder leben in den Ballungsräumen.

Angeschoben hat den ehrenamtlichen Fahrdienst die »Diakonie im ländlichen Raum«. Das Projekt, angesiedelt beim Lüneburger Herbergsverein Wohnen und Leben, wird über drei Jahre vom Innovationsfonds der evangelischen Landeskirche Hannover gefördert – die Periode endet in wenigen Monaten. Wie es weitergeht, ist noch ungewiss. »Unsere Ansatz ist gemeinwesenorientiert«, sagt Leiterin Christine Freytag. Das Thema Mobilität bewege vor dem Hintergrund des demografischen Wandels alle Kommunen im dünn besiedelten Landkreis Uelzen. Für jede Gemeinde gelte es dabei, individuell den Bedarf und die Möglichkeiten zu ermitteln.

Zu den Nutznießern des Roscher Projektes gehört Lieselotte Wohlgemuth: Der Sohn im Ruhrgebiet, die Tochter in Travemünde muss sie zusehen, wie sie allein über die Runden kommt – in Probien, acht Kilometer entfernt von allen Annehmlichkeiten der Warenwelt. Per Fahrrad nach Rosche – damit ist es für die 78-Jährige vorbei, seit nach mehreren Brüchen und Operationen ihr linkes Bein um acht Zentimeter verkürzt ist. Auch das Laufen fällt ihr schwer. Den Gang zum Roscher Friedhof ans Grab ihres Mannes aber lässt sie sich nicht nehmen, jede Woche bringt sie frische Blumen. Und schließt dank Kirchenbulli neue Bekanntschaften: Zwei Damen aus Rosche, die eine schon 88 Jahre alt, kämen manchmal zum Kaffee zu ihr hinaus nach Probien – mit dem Rollator.

Pastor Mestmäcker würde den Fahrdienst gern noch weiter ausbauen. Individuelle Fahrten zur Krankengymnastik oder zu Veranstaltungen können schon heute vereinbart werden. Und im Winter geht es alle 14 Tage ins Thermalbad nach Bad Bevensen. Doch auch die dörfliche Jugend hat ein Mobilitätsproblem: Eine Abholung von der Disco oder Feten schwebt dem Seelsorger hier vor. Der Bus-Service für Kinder und Jugendliche zum Roscher Freibad im Sommer 2008 allerdings floppte: Offenbar waren »Taxi Mama« – oder auch das Fahrrad – attraktiver und flexibler.

Ein Taxi-Problem hat auch der noch junge »BürgerBus« in der Nachbargemeinde Bienenbüttel, fast hätte es ihn aus der Spur geworfen. Anders als in Rosche gibt es am Ort Taxiunternehmen, die um ihr Geschäft fürchten angesichts des ambitionierten Projekts. Der Bus in die Dörfer kann für flexible Fahrten an allen Werktagen geordert werden, sofern mindestens 24 Stunden zuvor eine Anmeldung erfolgt ist, immer steht ein ehrenamtlicher Fahrer bereit. Ein Fahrpreis wird nicht erhoben, schon um bürokratische Klippen wie den »Berechtigungsschein zur Personenbeförderung« zu umschiffen. Das Soziale Netz Bienenbüttel macht's möglich: »Jeder hat ein Stückchen beigetragen«, sagt Diakonin Christine Freytag. Sie ist auch hier als Ideengeberin mit im Boot: »Die Jugendfeuerwehr stellt tagsüber ihren Bus zur Verfügung, die politische Gemeinde übernimmt die Versicherung und die Kirchengemeinde die Organisation.«

Als Kompromiss mit der gewerblichen »Konkurrenz« müssen die Fahrgäste künftig auf dem Amtsweg ihre soziale Bedürftigkeit nachweisen und erhalten eine Berechtigungskarte für die Nutzung des »BürgerBusses«. Christine Freytag fürchtet nun um dessen Akzeptanz: Als bedürftig will sich keiner der meist älteren Nutzer vor Nachbarn und Bekannten gern zu erkennen geben: »Wir sind noch in der Testphase«, sagt sie. Doch es gibt auch einen Grund zur Zuversicht: »Der Elan der Ehrenamtlichen ist ungebrochen.«

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