Damals, im Winter, vor vier Monaten, erinnert sich eine Frau, hatte sie sich einen Moment lang wieder wie all die anderen einsamen Menschen gefühlt, die sie auf der Straße sah und zu denen sie einmal gehörte. Panik hatte sie ergriffen, denn in Wirklichkeit war sie ja nicht mehr allein. Sie hatte einen Mann an ihrer Seite. Die Frau eilte nach Hause, um zu überprüfen, »ob all das, was einen froh machte, noch an seinem Platz war«. An dieser Stelle von Sibylle Bergs Roman »Der Mann schläft« tut er genau das. Und alles ist gut. Aber wenig später werden die Beiden Urlaub auf einer südchinesischen Ferieninsel machen, und der Mann wird vom Zeitungholen nicht zurückkehren.
Die 1963 geborene Wahlschweizerin Sibylle Berg hat eine zynisch-zarte Liebesgeschichte geschrieben. Zynisch und abgeklärt ist die Sicht ihrer namenlosen Heldin auf das Leben, »das gelebt werden muss« und die Menschen, denen ein »Dauerton der Aggression« wie ein »Tinitus im Ohr« klingt. Und gleichzeitig sind die Schilderungen des Glücks, das diese Frau durch einen Mann erlebt, fast schmerzhaft zart.
Bevor sie ihn traf, lebte die Erzählerin mittleren Alters als Vollblut-Misanthropin zurückgezogen in ihrer Wohnung. Liebe hielt sie für einen »Geistesdefekt«. Der Mann, den sie in einem Restaurant kennenlernt und mit dem sie vier Jahre zusammen sein wird, tut sich durch nichts Besonderes hervor. Die Frau beschreibt ihn als rothaarig, schwer, träge und von grenzenlosem Gleichmut. Dieser klare, gar nicht rosarote Blick lässt ihr Gefühl für ihn jedoch umso glaubwürdiger wirken.
Sibylle Berg schildert ein bescheidenes Glück. Der Mann sorgt sich um die Frau, trägt sie, wenn sie müde ist, bringt ihr heiße Suppe ans Bett, wenn sie krank ist. Nicht viel und doch mehr, als man üblicherweise erwarten könnte. »Ich war alt genug zu wissen, dass es Glück ist, einen zu treffen, den man so gern hat, dass er einen nie stört.«
Fantastisch an Bergs Erzählkunst ist, wie sie eine sanfte Liebesgeschichte in einem ganz und gar unromantischen Ton erzählen kann. Das beschert einem großartige Sentenzen: »Von da an waren wir zusammen. Ein Satz, den ich in meinem Leben bisher ebenso wenig verwendet hatte wie: ›Ich bin Arzt, lassen Sie mich durch.‹ Oder: ›Sie werden von meinen Anwälten hören.‹«
Diese Beziehung ist wie aus der Zeit gefallen. Es geht nicht um Freiräume, die durch getrennte Wohnungen aufrechterhalten werden müssten, um Verrenkungen, die die Leidenschaft erhalten sollen, große Unternehmungen, damit es nicht langweilig wird. Die Frau freut sich, wenn der Mann neben ihr im Bett liegt, schläft, atmet, also einfach nur da ist. Es macht ihr sogar Freude, mit ihm zu Behörden zu gehen. »Mein Gefühl war nicht flirrend, nicht aufgeregt, nicht lecken wollte es oder hecheln. Ich war satt. Zum ersten Mal seit Beginn meiner eigenen Geschichtsschreibung fehlte mir nichts.«
Eigentlich war es gut, so wie es war. Warum wollte sie also verreisen? Eine »unselige Idee« nennt es die Frau im Rückblick. Warum der Mann eines Tags verschwindet, weiß man nicht ...
Der Schmerz dieser Frau in den Stunden, Wochen und Monaten danach, das ist so beklemmend erzählt, dass man nach Luft schnappen muss, um den Druck aus der Brust zu lösen. »Im Schlaf weinen. Und durch Nebel spüren, dass man weint«, heißt es an einer Stelle, »und ahnen, dass es kein gutes Erwachen geben wird. Und wissen, dass es kein Albtraum ist. Nicht munter werden wollen vom eigenen Schluchzen, das zu laut ist, in einem Raum, in dem man sich zu allein aufhält.«
Die Menschen, denen sie auf der Insel begegnet, sind ebenso Verwundete wie sie: ein Kleinwüchsiger, der von der Welt misshandelt wurde, ein schwules Pärchen, das sich gemeinsam das Leben nimmt, ein Masseur, der die Tage seit dem Tod seiner Frau mit Schnitten an seinem Bein zählt. Sie alle sind gezeichnet von verlorener oder nie erfahrener Liebe. Und sie bestätigen, was die Frau schon immer wusste: »dass einem alles genommen wird, was Glück erzeugt«. Das klingt fatalistisch, Berg würde es wohl eher als »erwachsenes Bewusstsein« bezeichnen.
Sibylle Berg: Der Mann schläft. Roman. C. Hanser. 312 S., geb., 19,90 €.
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