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In Zukunft doch wieder ohne Fahnen

Vor zwanzig Jahren war in Leipzig auch die Geburtsstunde der sogenannten Antideutschen, die in den folgenden Jahren die Linke spalteten bzw. sich selbst aus der Linken verabschiedeten. Eine Demonstration am Wochenende, die an die Bewegung damals anknüpfen wollte, zeigte vor allem: Die antideutsche Bewegung gibt es nicht mehr.

»Wir lieben Deutschland noch immer nicht«, lautete das Motto, mit dem am Samstag knapp 2000 Menschen durch die Leipziger Innenstadt gezogen sind. Die aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Teilnehmer wollten damit an eine linke Strömung anknüpfen, die im Herbst 1989 vor einem neuen Nationalismus warnte und zur Keimzeile der sogenannten Antideutschen wurde. Doch kaum jemand von damals war 20 Jahre später in Leipzig wieder dabei. Die meisten Demonstrationsteilnehmer waren zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Viele wollen sich auch nicht als Antideutsche eingeordnet wissen. »Ich bin hier, weil ich mich als Kosmopolit verstehe und mich keiner Nation zuordnen will«, meinte ein Leipziger Student gegenüber ND. Andere wollten vor der Gefahr des Nationalismus allgemein warnen und waren irritiert über Demoteilnehmer, die US-Fahnen mit sich trugen und das als Erinnerung an den Beitrag der USA bei der Zerschlagung des Nationalsozialismus verstanden wissen wollten. »Dabei hat doch die US-Regierung unter Reagan die Wiedervereinigung maßgeblich vorangetrieben«, meinte eine Leipzigerin, die den Zug vorzeitig verließ, weil ihr der DDR-Verriss aus dem Lautsprecherwagen zu pauschal war.

Die Demoorganisatoren, zu denen viele Antifagruppen gehören, betonten in ihren Reden, dass die Kritik am Wendemythos keine Verteidigung der DDR bedeute. »Gegen jede DDR-Nostalgie«, so ein Transparent an dem Lautsprecherwagen. Eine Vertreterin der israelsolidarischen Linkspartei-Strömung BAK Shalom kritisierte in ihrem Redebeitrag Antisemitismus und Nationalismus in der DDR. Die Anmelderin der Demonstration, die ehemalige PDS- und jetzige SPD-Politikerin Angela Marquardt, hatte zuvor betont, der Fall der Mauer sei auch für Linke ein Grund zum Jubeln und dürfe daher nicht im Zentrum der antinationalen Proteste in diesem Herbst stehen.

Rückkehr zu den antinationalen Wurzeln

Für Anfang November ist ein antinationales Wochenende mit einer Diskussionsveranstaltung und einer weiteren bundesweiten Demonstration in Berlin geplant. Dabei soll es allerdings nicht um eine Wiederholung der Leipziger Aktivitäten gehen, betont ein Mitglied der Berliner Gruppe Theorie und Praxis (TOP). Er kritisiert nicht nur das Wedeln mit Nationalfahnen auf der Leipziger Demonstration, sondern auch die politische Stoßrichtung. »Eine Linke, der zu Deutschland lediglich Antisemitismus und Rassismus einfällt, greift zu kurz.«

Deshalb laden die Berliner Aktivisten zu einem Workshop ein, wo man sich inhaltlich auf das antinationale Wochenende vorbereiten will. Arbeitsgruppen werden sich mit den Gründen für das Scheitern des »Nominalsozialismus«, aber auch mit Alternativen zum Kapitalismus beschäftigen. Mit Bernd Gehrke und Renate Hürtgen werden auch zwei linke DDR-Oppositionelle ihre Sicht auf die Wende nach 20 Jahren darlegen. Auch das ist ein großer Unterschied zur Leipziger Demonstration, wo linke DDR-Aktivisten vom Herbst 1989 nicht zu Wort kamen.

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