Von Hilmar König, Delhi
19.10.2009

Pakistans Militär starteten Offensive

Taliban leisten heftigen Widerstand in Südwasiristan / Bereits über 100 000 Flüchtlinge

Seit Samstag läuft die Offensive des pakistanischen Militärs gegen die Taliban-Bewegung – Tehrik-e-Taliban Pakistan – in der Region Südwasiristan. Die Regierung in Islamabad schreibt dieser militanten Bewegung 80 Prozent der terroristischen Aktivitäten im Land zu.

Nach Beginn der lange erwarteten Bodenoffensive der pakistanischen Armee gegen die Taliban in Südwaziristan haben die Streitkräfte nach Angaben aus der Region erste Geländegewinne erzielt. Wie am Sonntag aus pakistanischen Geheimdienstkreisen verlautete, nahmen Regierungstruppen nach heftigen Gefechten mehrere bislang von den Aufständischen besetzte Siedlungen in den Regionen Spinkai Raghzai und Shakai nahe der afghanischen Grenze ein.

Mit schwerer Artillerie und Angriffen aus der Luft versucht die Armee, die Oberhand über 10 000 bis 12 000 Militante zu gewinnen, die nach islamistischer Herrschaft Pakistans streben. In ersten Berichten hieß es, die Taliban leisteten erbitterten Widerstand. Die Offensive, seit Mitte Juni angekündigt und geplant, begann am Samstag an drei Fronten. Alle Zugangswege in die Region sind laut Militärangaben blockiert. Die Offensive könnte sechs bis acht Wochen dauern, bis zum Wintereinbruch. Eines der Hauptziele ist das Gebiet um die Stadt Makeen, wo die Führung des Mehsud-Stammes, der zwei Drittel Südwasiristans bevölkert, ihren Sitz hat. Hakimullah Mehsud, der Chef der »Tehrik«, einer Allianz aus über einem Dutzend radikal-islamischen Gruppen, wird für die Serie von Anschlägen der vergangenen zwei Wochen verantwortlich gemacht. Ihnen fielen in Lahore, Peshawar und Rawalpindi über 150 Menschen zum Opfer. Aus Militärkreisen war zu hören, man wolle die Bewegung enthaupten beziehungsweise deren Netzwerk zerlegen.

Das wird allerdings, wenn überhaupt, nur unter beträchtlichen Verlusten gelingen, denn die aufmarschierten 28 000 überwiegend in konventioneller Kriegsführung ausgebildeten Soldaten sehen sich einer äußerst beweglichen, gut gerüsteten, mit dem Gelände bestens vertrauten Stammesguerilla gegenüber. Die lokalen Taliban, an deren Seite etwa 1500 Gesinnungsgenossen aus dem mittelasiatischen Raum und aus arabischen Ländern kämpfen sollen, sind nicht nur gut ausgebildet, kampfgestählt und mit einem Waffenkult aufgewachsen, sondern sie sind auch von ihrer Mission beseelt, ein islamistisches Regime in ganz Pakistan zu errichten. Zudem verfügen sie, wie die jüngsten Attacken in Lahore zeigen, über ebenso fanatische Verbündete in der entwickelten Provinz Punjab. »Die Taliban werden einen Guerillakrieg führen. Das Militär sollte sich darauf konzentrieren, die Kommandostrukturen zu erobern oder zu vernichten. Ansonsten knüpfen die Taliban ihr Netzwerk neu«, schätzte Masud Sharif, ein ehemaliger Geheimdienstchef Pakistans, ein. Innenminister Rehman Malik erklärte kurz vor Beginn der Offensive, die Terroristen müssten in ihrem »Kernland« gestoppt werden, und die ganze Nation sollte daran mitwirken, ihnen eine Niederlage zu bereiten.

Südwasiristan in der Nordwest-Grenzprovinz ist rund 6620 Quadratkilometer groß und wird von etwa 600 000 Menschen, überwiegend paschtunischen Stämmen angehörend, bevölkert. Seit August sind bereits 90 000 Südwasiren angesichts der verstärkten Bombardements geflohen. Über das Wochenende sollen 100 000 Menschen ihre Heimatgebiete verlassen und Unterkunft in Notlagern gefunden haben. Die Armee rechnet damit, dass der Flüchtlingsstrom auf 200 000 Menschen anwächst. In Südwasiristan wird auch die Führung von Al Qaida vermutet. Deshalb sieht Washingtons Konzept vor, auf beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze in den Stammesgebieten die Schlupfwinkel der Qaida-Kader auszuheben und den Taliban den Boden zu entziehen. In diesem Sinne hat das afghanische Verteidungsministerium die pakistanische Militäroffensive begrüßt.

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