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Von Caroline M. Buck 22.10.2009 / Kino & Film

Ganz schwarz, ganz schlimm

Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss – Eine Reise durch Deutschland

Kwami trägt ein großgemustert braunbuntes Hemd und kurze schwarze Wusellocken und sieht damit aus wie eine Negerpuppe in einer 70er-Jahre-Tapete. Dass Kwami anmutet wie das Klischeebild aller Kindheitsvorstellungen vom (Buh-)Mann aus Afrika, hat einen doppelten Grund: Zum Einen soll Kwami so aussehen, damit auch alle gehörig Angst vor ihm haben. Oder zumindest erhebliche Berührungsängste. Zum Anderen sieht Kwami so genau richtig und trotzdem irgendwie verkehrt aus, weil Kwami gar kein echter Afrikaner ist, sondern ein falscher: ein weißer Mann mit Afro-Perücke und ganz viel Farbe im Gesicht, der nur so tut, als käme er direkt vom schwarzen Kontinent.

Denn Kwami heißt in Wirklichkeit Günter Wallraff, und der ist mal wieder verdeckt auf journalistischer Ermittlungstour durch deutsche Befindlichkeiten und Sozialverhältnisse. Nach seinem Undercover-Rollenspiel als fingierter Türke Ali, der sich an deutschen Hochöfen und Fließbändern abschuftete, um das ausbeuterische Verhältnis des Landes zu den auswärtigen Arbeitskräften zu dokumentieren, die zu seinem Reichtum beitrugen, nach seiner Undercover-Mission in den Tiefen der Bild-Zeitung und den Enthüllungen über Arbeitsbedingungen in Callcentern war Wallraff ein Jahr lang kreuz und quer durch die Republik unterwegs, um dem ganz alltäglichen Fremdenhass nachzuspüren.

Mit der digitalen Kamera fest im Knopfloch – was gelegentlich zu kopfschmerzträchtig verwackelten Bildern führt –, begibt er sich unter Hooligans und Schrebergärtner, in Vereine zur Abrichtung von Hunden und ins unerwünschte Gespräch mit wandernden Rentnergruppen. Die Mitverschwörer, die ihm auf den Fersen folgen, liefern die Außenperspektive zu dem, was Kwami selbst erlebt. Sie fragen nach der selben Wohnung zur Miete, dem selben Schrebergarten zur Pacht – und dürfen sich erwartungsgemäß anhören, wie wenig der vorangegangene Interessent – »der war so schwarz wie der Heidi Klum ihrer, ganz schwarz, ganz schlimm!« – ins Haus, die Kolonie, den Verein gepasst hätte.

Auch die beiden Angestellten einer bayerischen Provinzbehörde, die angesichts von zwei scheinbaren Ausländern – Wallraffs Kumpan bei dieser Unternehmung erweist sich als längst eingebürgert – auf der vorgeblichen Suche nach Informationen zum Beantragen eines Jagdscheins gleich nach der Polizei rufen möchten, reagieren hochgradig inkompetent. Aber hat man andererseits nicht auch schon amerikanischen Flugschulen nachgesagt, sie hätten doch vielleicht stutzig werden sollen, als ausländische Flugschüler bei ihnen auftauchten, die nur das Starten, nicht das Landen von Flugzeugen lernen wollten?

Natürlich ist die Angestellte im Cotbusser Uhrengeschäft, die in Angstschweiß ausbricht, als der farbige Kunde eine goldene Uhr ansehen möchte, aber dem folgenden, weißen – und ebenfalls zum Filmteam gehörigen – Interessenten die selbe Uhr ohne jedes Zögern ums Handgelenk bindet, ein armes Würstchen, dem Einsicht und Lebenserfahrung fehlen. Wer aber andererseits wie Kwami biederstmögliche Eckkneipen betritt, wo jeder jeden kennt, um dort junge Frauen anzuquatschen, muss sich nicht wundern, wenn er im hohen Bogen hinauskatapultiert wird. Auch wenn er nicht wie ein irgendwie ulkiger Farbiger aussähe und – angeblich – direkt aus Somalia käme

Es gibt auch Lichtblicke. Den potenziellen Arbeitgeber mitten im verschrieenen Brandenburg zum Beispiel, der Kwami und seinen – tatsächlich schwarzen – Begleiter ausgesprochen freundlich behandelt. Die Klientel einer anderen Kneipe, die den farbigen Gast vor den pöbelnden Schubsereien eines Angetrunkenen verteidigt. Oder die Kellnerin in Berlin-Marzahn, die sich ehrlich, wenn auch mit komischer Unbeholfenheit, bemüht, dem Fremden die historischen Hintergründe der anstehenden Ostalgie-Party zu erklären. Und wie noch der bildungsfernste Gesprächspartner verständnisinnig nickt, wenn in Beantwortung der Frage nach Kwamis fließendem, hörbar rheinisch gefärbtem Deutsch die Anwort »Goethe, fünf Jahre Goethe« kommt, sollte für das deutsche Kulturinstitut und seine Sprachkurse im Ausland schon eine Budget-Erhöhung wert sein. Aber im Großen und Ganzen werden alle Befürchtungen erfüllt.

Überraschend vielleicht, wie relativ selten körperliche Nötigung zum Tragen kommt, wie häufig es bei verbaler Aggression, kopfschüttelnder Ausgrenzung, verstohlenen Blicken und Fluchtmechanismen bleibt. Alles schon reichlich genug, um bei tatsächlichen Schwarzen, die sich die dunkle Haut nicht einfach abends abschminken können, nachhaltige Depressionen auszulösen. Die einzige Episode, in der Wallraff/Kwami sein buntbedrucktes Billighemd zu Hause lässt und stattdessen in Anzug und Krawatte auftritt, legt allerdings nahe, dass viele der beobachteten Vorurteile ebenso viel mit Fragen der Klasse zu tun haben könnten wie mit der Provenienz. Da traut man ihm bei einem Düsseldorfer Nobeljuwelier plötzlich durchaus zu, die brillantbesetzte Uhr auch bezahlen zu können, die er sich zeigen lässt. Und als er mit seinem Einkauf das Haus verlässt, wird ihm ohne jede Ansicht der Hautfarbe wie jedem guten Kunden zuvorkommend die Tür geöffnet.

»Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss – Eine Reise durch Deutschland« von Pagonis Pagonakis, Susanne Jäger, Gerhardt Schmidt und Günter Wallraff

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