Übervater C.-F. von Weizsäcker
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»Die Entwicklung zu einer zunehmend technisierten Welt macht es notwendig, die Probleme, die aus den Fortschritten der Wissenschaft für das Leben der menschlichen Gemeinschaft erwachsen, gründlich zu studieren. Eine Gruppe von Physikern hat daher angeregt, in der Bundesrepublik ein Gremium von Wissenschaftlern zu schaffen, das geeignet ist, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen«, heißt es in dem von den Nobelpreisträgern Born, Hahn, von Laue und Carl-Friedrich von Weizsäcker unterzeichneten Rundschreiben zur Gründung der Vereinigung Deutcher Wissenschaftler (VDW). Diese fand am 1. Oktober 1959 im Rahmen einer Herbsttagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Berlin(West) statt. An diesem Wochenende wird in der deutschen Hauptstadt, in der Urania, der Gründung vor 50 Jahren mit einer Festveranstaltung gedacht.
Inhaltliche Plattform war die 1957 veröffentlichte Erklärung der »Göttinger Achtzehn«, die zu der bisher schärfsten Konfrontation zwischen Wissenschaftlern und der konservativen Bundesregierung unter Adenauer geführt hatte. In der Erklärung lehnten die die prominentesten Physiker der Bundesrepublik die atomare Bewaffnung des Landes strikt ab. Vielleicht noch bedeutender war deren Selbstverpflichtung: »Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichner bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung und dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen.« Ein Kriterium wissenschaftlicher Verantwortung bis heute.
Die VDW war – und ist – im Rahmen von Pugwash (sie wurde sehr schnell als deutsche Pugwash Sektion anerkannt) und im nationalen Rahmen mit Studien und Aufklärungsmaterial gegen die Gefahren der Atomwaffen aktiv. Sie beteiligte sich aber (aus Abgrenzungs- und antikommunistischen Gründen) nicht an den Aktionen der Friedensbewegung. Die Ablehnung der Atomwaffen bedeutete zudem in den 50er und 60er Jahren ein ausgesprochen positives Verhältnis zur sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie. Diese Position hat die VDW überwunden. Die klare Erkenntnis des »Dual-use«-Charakters von Atom führte zu einer deutlichen Ablehnung dieser zu gefährlichen und mit vielen ungelösten Fragen (Abfall, Weiterverbreitung etc) verbundenen Energieform.
Willy Brandts Ostverträge fanden einhellige Unterstützung, die Ergänzung der politischen Entspannung durch eine Abrüstungspolitik wurde eingefordert und immer wieder auch gegenüber den führenden Politikern der sozial-liberalen Koalition (Schmidt, Brandt, Scheel) auf die Gefahren der Atomrüstung hingewiesen. Das Engagement für den Atomwaffensperrvertrag hatte eine hohe Priorität im Wirken der VDW.
Sie blieb lange eine Ordinarienorganisation. »Eigentlich können nur Institutsdirektoren bei uns Mitglied werden«, meinte der politische und geistige »Übervater« der VDW für viele Jahre, Carl-Friedrich von Weizsäcker. Dies prägte die (kleine) Mitgliedschaft bis in die 70er Jahre. Akzeptiert von Politik, Gewerkschaften und Wirtschaft, fehlte es an Verbindungen zu außerparlamentarischen Kräften.
Folgerichtig war auch eine scharfe Auseinandersetzung in der VDW mit den sogenannten »68«, junge Wissenschaftlern, die mit einem radikaldemokratischen, ja marxistischen Ansatz für die Veränderung der Gesellschaft und damit auch für die der Wissenschaften eintraten. Sie fanden ihre Wirkungsstätte vor allen in der Forschungsstelle der VDW. Ihre Arbeiten führten u. a. zu Publikationen über die weltweite Ernährungssituation, die heute noch neben dem aktuellen Weltagrarbericht durch ihre Aussagestärke und analytische Klarheit standhalten. Mit Ihren Büchern lösten sie scharfe Debatten in der Organisation aus, wie die über den in den 60er Jahren geplanten Staudamm in Mocambique Caborra Bassa, zu Mitbestimmung und zu »Klassenkämpfen in Westeuropa«. Aus realen Finanzgründen, aber sicher mit politischem Hintergrund, wurde die Forschungsstelle Anfang der 70er Jahre geschlossen.
Die VDW lehnte die Notstandsgesetze ab, die Raketenstationierung Anfang der 80er Jahre und die Star-Wars Plänen des US-Präsidenten Reagan. Eine dezidierte Position hat die VDW von Anfang in der Diskussion um den Schutz der Umwelt und dem Recht auf Entwicklung eingenommen. Schon 1973 begrüßte sie als eine der ersten Organisationen den ersten Bericht des Club of Rome. Dieser Linie blieb sie als aktive Unterstützerin des Brundlandschen (Rio-Gipfel von 1992) Grundkonzepts von »Sustainable Development« (zukunftsfähiger Entwicklung) treu.
Nicht anders als 1959 bleibt in einer globalisierten Welt die Verantwortung von Wissenschaftlern für die Gesellschaft eine Herausforderung. Dazu gehört die Kritik herrschender Verhältnisse. Albert Einsteins Vision »einer Welt des Friedens und der Gerechtigkeit« zu erfüllen, isdt nach wie vor das erstrebenswerte Ziel.
Zum Jubiläum erschien im Berliner Wissenschaftsverlag »Wissenschaft – Verantwortung – Frieden. 50 Jahre VDW« (615 S., geb., 79 €), herausgegeben u. a. von unserem Autor, Stephan Albrecht, Henner Ehringhaus, Hartmut Graßl und Ernst Ulrich von Weizsäcker.
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