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Von Otto Köhler 24.10.2009 / Medial
Medienkolumne

Sarrazin – (k)ein Dachschaden

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Der Mitherausgeber der Zweiwochenschrift »Ossietzky« ist Träger des Kurt-Tucholsky-Preises.

Pünktlich, zur schwarzgelben Koalition, sein Bürgerliches Manifest: »Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen.« Das erkennt – wie alle meinungsführenden Medien vorab meldeten – der Philosoph Peter Sloterdijk im Novemberheft des Zuchtorgans »Cicero«. Der wortgewaltige Möchter will uns sagen, dass jeder, der Thilo Sarrazin kritisert, ein Weichei ist.

Schon im Sommer, in der »Frankfurter Allgemeinen« – die »Zeitung für Deutschland«, wie sie sich im Untertitel nennt – hatte unser angesagter Philosoph die »Leistungsträger« zur »Revolution der gebenden Hand«, zum Steuerstreik, zum Klassenkampf von oben gegen die »Staats-Kleptokratie« aufgerufen, gegen die Herrschaft der Diebe, in der wir leben. Jetzt findet Sloterdjik in Thilo Sarrazin den Führer des ersehnten Aufstands gegen die Unterschicht. Da haben sich zwei gefunden, die einander brauchen, denn der Philosoph hat mutmaßlich das, was Thilo Sarrazin nicht hat.

»Sarrazin hat einen Dachschaden.« So versuchte sich letzte Woche noch die »Financial Times Deutschland« des Problems zu entledigen. Doch Sarrazins »Tiraden gegen die Unterschicht« entspringen nicht mangelndem Verstand, sie sind so eiskalt überlegt, wie sein Jünger Sloterdijk gern denken können möchte.

Sarrazin hat mit Pullover und einem Tagesverpfelgungssatz von 3,48 Euro den Standard für die Käfige gesetzt, in denen künftig die Unterschicht bis zu ihrem Ableben gehalten werden soll. Sein von Sloterdijk bejubeltes Interview legte fest, wer in die Käfige gesperrt werden muss.

Dass es da noch Widerspruch gab, dass mancher meinte, an der Spitze der Bundesbank sollte kein Mann stehen, der seine Gewaltphantasien an kleinen türkischen Kopftuchmädchen aufgeilt, musste den Bürger Sloterdjik verstimmen.

Er mag sich trösten: wir können soviel keifen und hetzen wie wir nur wollen – Sarrazin ist unabsetzbar. Nach dem Gesetz könnte ihn nur der Bundespräsident aus dem Vorstand der Bundesbank entlassen. Doch im Dach der Republik gibt es einen Schaden, der nicht mehr zu heilen ist: Thilo Sarrazin und Horst Köhler sind Komplizen, die genau wissen, wie man Unterschichten produziert.

Im Jahr der »Wende« hat der damalige Bonner Finanzstaatssekretär Horst Köhler seinen Mitarbeiter Sarrazin »als scharfsinnigen, einsatzbereiten und loyalen Beamten kennen und schätzen gelernt.« In aller Heimlichkeit planten sie schon im Januar 1990 einen »offensiven Lösungsweg«, nämlich die »Schaffung einer Wirtschafts- und Währungsunion zum frühestmöglichen Zeitpunkt.« Allerdings, so errechnete Sarrazin für Köhler, der DDR-Industriesektor sei »künstlich überdimensioniert«, weil hier 20,9 Prozent der Wohnbevölkerung arbeiteten, während es in der Bundesrepublik nur 14,2 Prozent sind. Sarrazin: »Hier wird und muss es erhebliche Freisetzungen geben. Bei Freisetzungen im Umfang von ca. 35 bis 40 v.H. der Industriebeschäftigten wäre der in der Bundesrepublik übliche Anteil der Industriebeschäftigten an der Wohnbevölkerung erreicht.«

Und Köhler, sachverständig wie er ist – er hatte schon 1977 seine Doktorarbeit dem »Freisetzen von Arbeit« gewidmet –, stimmte freudig zu.

Das gehört zu den wenigen Einzelheiten, die aus der klandestinen Anschluss-Arbeit der Gruppe Köhler-Sarrazin im Bundesfinanzministerium bekannt wurden. Aber Sarrazin weiß mehr, Sarrazin weiß alles, was damals für das Anschlussgebiet geplant wurde. Er weiß zu viel.

Komplizen schweigen. Aber nur solange sie sich aufeinander verlassen dürfen. Und darum kann der Bundespräsident Thilo Sarrazin nicht entlassen, wenn sein eigenes Amt nicht Schaden nehmen soll.

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