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Von Hans-Dieter Schütt 27.10.2009 /

Zahnloser Erfolg

Gregor Gysi trifft Zeitgenossen im DT: Hape Kerkeling

Kerkeling, eingerahmt von Frauen: Sängerin Blum, König
Hape Kerkeling

Ja, bestätigt Gysi, Journalismus werde immer skrupelloser. Ihm zum Beispiel böte man öfters Interviews an – unter der Voraussetzung, er habe eine »Nachricht«. Die vorgebliche Neuigkeit interessiert, nicht der Mensch. Der ist nur Transportmittel, wie für Viren. Nachrichtenjägerei ist ein Virus.

Aber jetzt will Hape Kerkeling auch eine Nachricht hören: Geht Lafontaine nun ins Saarland zurück? Gysis Antwort kann man vielleicht auf den Punkt bringen: Ja, er geht – aber natürlich nicht zurück. Zurück geht nicht, nicht bei ihm. Alphatier bleibt Alphatier. Er und Lafontaine seien zwei Alphatiere, für viele »ein Wunder, dass wir so gut miteinander konnten«. Das sei nur auf der Basis absoluter Ehrlichkeit miteinander zu schaffen gewesen. »Wir ließen uns nicht unterkriegen.« Das Problem des Saarländers (»er ist ja auch schon sechsundsechzig«) sei, dass er »im Gegensatz zu mir« vieles gleich persönlich und übel nehme. Die dünne, die dünn gewordene Haut. Lafontaine werde Bundespolitiker bleiben, aber er, Gysi sei freilich nicht froh über dessen Rückzug von der Fraktionsspitze, »denn allein zu sein, macht mehr Arbeit, dafür bin ich nicht sehr zu haben«. Man suche nun nach einer West-Frau, die sich mit ihm den Bundestagsjob teilen solle. »Ich bin sehr gespannt«, sagt Gysi, er sagt es mit einem vermutbaren Anklang von: »Na, das kann ja heiter werden.«

Gregor Gysi trifft Zeitgenossen – am Sonntag zu Gast im Deutschen Theater Berlin: Hape Kerkeling, anders gesagt: Hans-Peter Wilhelm aus Recklinghausen. Der Name hat fast schon einen Hauch von Horst Schlämmer aus Grevenbroich oder der Paartherapeutin Evje van Dampen oder Siggi Schwäbli mit der dicken Brille oder der singenden Dickrohrnudel Uschi Blum ... Es war der Vormittag eines sympathischen Fernseh-Entertainers, dessen Selbstbewusstsein nie etwas Inszeniertes hatte, der seinen Witz nicht als probate Dauerware anbot und dessen Natürlichkeit wunderbar durch den Vormittag trug. Mitunter wiederholte er eine Frage Gysis, schuf sich so Zeit für ernsthafte Antworten. Fast nur ein Nebensatz: Der Großvater litt im KZ Buchenwald, er war Kommunist. Das bringt Gysi aufs Politische. Warum denn die SPD in so deprimierendem Zustande sei? Kerkeling lacht jenes Lachen, das wir von seinen Interviews kennen, dieser etwas düpierende Blick zur Seite, in die Kamera, diesmal ins Publikum: »Na, der Grund sitzt mir doch gegenüber!«

Kerkeling ist der Wallraff des Unterhaltungsfernsehens. Masken- und Menschensammler (»Total normal«, »Darüber lacht die Welt«). Jeder Auftritt dialektsicher, wortpfeilschnell, quasi ein Maul-Wurf: Er untergräbt Autoritäten. Die Moderationen für »Wetten, dass ...?« und »Verstehen Sie Spaß?« lehnte er ab: das eine zu sehr Korsett, das andere auch zu langweilig, nur immer diese »Dauerschadenfreude«.

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Hape Kerkeling

Er moderiert, parodiert, persifliert – und er floriert. Stets aber, so der Eindruck, mit wachem Gemüt für das Unsichere, Unwägbare, Unberechenbare des Berufs; er kennt die Zwangspausen, die Quotenabhängigkeit, die Janusköpfigkeit der TV-Geschäftswelt (»ehrlich, ich hatte mich schon darauf eingerichtet, als Heilpraktiker zu arbeiten«).

Mit fünfzig will er aus dem Scheinwerferlicht raus, »es gibt noch anderes im Leben«. Das hört sich nach Langzeitwirkung einer speziellen Erfahrung an: 2001 pilgerte er auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostella, »ich wollte Gott näherkommen und traf aufs ziemliche Gegenprogramm: mich«. Seither: größeres Bedenken der Dinge, mehr Gelassenheit inmitten des Rummels. Glaubt er an Gott? Er trat aus der katholischen Kirche aus; die Institution kommt ihm, wenn man Gott als großen wuchtigen Film nehme, wie ein Dorfkino vor, das einfach zu klein und provinziell für das große Werk sei.

Er empfinde sich nunmehr als Atheist, ein gläubiger Atheist, könnte man hinzufügen, wie er da die höfliche, aber kompromisslose Kunst des Buddhismus, alles zu hinterfragen, mit der Nächstenliebe-Konsequenz der christlichen Bergpredigt verknüpft. Man möge über System klagen, über Weltlagen, über sonstige Zwänge: »Das größte Hindernis auf den Wegen, die wir gehen, sind immer wir selber.« Und es ist immer höher, als wir glauben wollen, dies bedenkend, »bin ich dankbar für mein Leben«.

Dies Leben: Geboren 1964, der Vater Tischler, die Mutter Floristin, das Gefilde kleinbürgerlich (»nicht im Geist, nur im Portemonnaie«). Als der Junge acht ist, stirbt die Mutter, »da hat man zwei Alternativen: Entweder man stirbt gleichsam mit oder wird unverbesserlicher Optimist«. Hans-Peter wählte den zweiten Weg. Das Sorgerecht bekam die Großmutter, allerdings fürchtete man zunächst, das Jugendamt werde den Jungen ins Heim stecken, die Oma war gehbehindert. Als das Amt prüfend vorstellig wurde, sorgte der Achtjährige für die Beamtenverkostung: »Die haben meine Großmutter nie aufstehen sehen, an diesem Tag nicht und auch an keinem anderen.«

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Hape Kerkeling

Beim ersten Talentetest beim WDR lachte übrigens niemand, mit dem Mikrofon stieß er sich einen Zahn aus dem Mund, suchte mit einem Freund verzweifelt die Bühne ab, wo der abgeblieben sei. Jetzt tobte der Saal. Selten, dass Zahnlosigkeit solchen Erfolg zeitigt, jedenfalls außerhalb der sattsam bekannten Funktionärswelt. »Genommen wurde ich trotzdem nicht, denn die Nummer war ja nicht wiederholbar.«

Gysi fragt, geht seine Karteikarten durch, ein Gespräch ist es eher nicht. Kerkeling trinkt Kaffee (»ist das auch fettarme Milch?«, fragt er den freundlichen Hereinbringer des Tabletts). Er erzählt von früheren Reisen nach Ostberlin (»eine schöne Stadt, die trotzdem was von der Kulisse zu Hitchcocks ›Eisernem Vorhang‹ hatte«). Erzählt von den Mauerfallszenen vom 9. November 1989 im Fernsehen, die hielt er, in einem Hamburger Hotel, einige Minuten lang für einen sauschlecht inszenierten Science-Fiction-Film.

Als Gysi gesteht, er sei schon oft zur Prominentenrunde bei »Wer wird Millionär?« eingeladen worden, gehe aber nicht hin, weil er sich zu blamieren fürchte, da sagt Kerkeling (sein frecher Horst-Schlämmer-Auftritt bei Jauch schrieb ein Kapitelchen TV-Geschichte): »Diese Sorge, peinlichst an der Hundert-Euro-Frage zu scheitern, hatte ich nie, einen Comedian hält man doch sowieso für blöd.« Einmal schüttelt ihn das Lachen – als Gysi eine Auszeichnung erwähnt, das renommierte »Scharfrichterbeil« beim Kabarett-Festival in Passau, aber vom »Schlachtbeil« spricht.

Starker Applaus für einen Komödianten, der Gelöstheit lebt – und dies ausstrahlt. Gysi nennt den Künstler, der gerade an einer sechsteiligen TV-Serie über die Weltgeschichte arbeitet, einen »Kindlichen«, ein Typ, den man »gern haben muss«. Kerkeling lächelt, er weiß das Leben und seine Wirkungen mit Sinn fürs Gegebene zu nehmen: »Das ist eben der Vorteil, wenn man aussieht wie ein Tele-Tubbie.«

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