»Ich bin Julia und würde heute gerne die Moderation übernehmen. Ist das in Ordnung für euch?« Der Hörsaal jubelt, Hände gehen in die Höhe, die Entscheidung ist gefallen. So beginnt das Plenum im Audimax der Uni Wien am Montagabend. Diskutiert und entschieden wird hier basisdemokratisch, die Stimmung ist gut, wenn sich die rund 1500 Studierenden treffen, um die Lage zu erörtern. So oder so ähnlich läuft es im Audimax jeden Abend seit dem 22. Oktober, dem Tag seiner Besetzung, ab. Julia Eder moderiert nicht immer.
Ausgangspunkt für die aktuellen Proteste war die Besetzung der Akademie der bildenden Künste in Wien am Dienstag letzter Woche. Zwei Tage lang hatten Studierende und Lehrende aus Protest gegen die Einführung des Bachelor/Master/PhD-Systems im Zuge des Bologna-Prozesses die Säulenhalle am Schillerplatz in Beschlag genommen. Letzten Donnerstag schließlich riefen die Kunststudierenden zu einer Demonstration unter dem Motto »Die Uni brennt« auf, in deren Anschluss rund 2000 Studierende das Audimax besetzten. Zentrale Forderungen: mehr Geld für Forschung und Bildung, mehr Lehrpersonal und mehr Mitbestimmung. Zudem pochen die Hochschüler auf eine 50-Prozent-Frauenquote für das gesamte Uni- Personal und eine grundlegende Überarbeitung des Bachelor-Master-Systems, das nach Meinung der Studenten zu sehr als Berufsausbildung und zu wenig als wissenschaftliche Lehre konzipiert ist. Die von der Regierung ins Auge gefasste Wiedereinführung von Studiengebühren und Zulassungsbeschränkungen, um den Ansturm von »Numerus-clausus-Flüchtlingen« aus Deutschland zu stoppen, wollen sie hingegen verhindern. Die Proteste haben mittlerweile das ganze Land erfasst. Der Dienstagnachmittag war von landesweiten Hörerversammlungen tausender Studierender geprägt. An der Uni Graz, wo bereits seit vergangenem Freitag der Hörsaal A besetzt ist, trafen sich 900 Studierende. »Dieser Hörsaal ist nicht der erste besetzte Hörsaal in Graz, es ist der erste befreite. Frei nämlich vom Geist der Ökonomisierung unserer Unis«, rief hier der frühere Studentenchef Philipp Funovits unter tosendem Applaus. Zwei weitere Hörsäle waren in Graz wenige Stunden danach besetzt. Unmittelbar nach ihren Hörerversammlungen besetzten auch Studierende in Linz, Klagenfurt sowie an den Technischen Universitäten in Wien und Graz ihre Hörsäle.
Mitten in die Vielzahl an neuen Besetzungen fiel am Dienstag die Nachricht, wonach Wissenschaftsminister Johannes Hahn als EU-Kommissar nach Brüssel wechseln wird. Der Dynamik der Bewegung tat dies keinen Abbruch. »Dass Hahn uns davonläuft, heißt nicht, dass wir nicht auch seine Nachfolger quälen werden«, sagt etwa Philipp Funovits.
Am Mittwoch fand dann eine Großdemonstration unter dem Motto »Mehr Geld für Bildung statt für Banken und Konzerne« in Wien statt. Über die genaue Zahl der Teilnehmer war zu Redaktionsschluss noch nichts bekannt, allerdings ging man seitens der Polizei vorab von etwa 10 000 Teilnehmern aus. Auch in Klagenfurt und Salzburg wurde gestern demonstriert. Am heutigen Donnerstag sollen Demonstrationen in Graz, Linz und Innsbruck folgen.
Unterdessen debattiert man in den besetzten Hörsälen die weitere Vorgangsweise. Noch-Wissenschaftsminister Hahn hat zwar angekündigt, mit Vertretern der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) verhandeln zu wollen, direkte Gespräche mit den Besetzern lehnt er allerdings ab. Deren Interesse an einem Gespräch mit dem Minister ist aber ohnehin begrenzt. Stattdessen setzen die Besetzer auf Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen. Immerhin haben die Studierenden, abgesehen von den weltweiten Solidaritätsadressen, mit den größten Teilgewerkschaften Österreichs, denen der Privatangestellten und der Metallarbeiter, bereits jetzt wichtige Unterstützer gewinnen können. Im besetzten Audimax zeigt man sich darüber erfreut, auch die Studentin Julia Eder: »Wenn es uns gelingt, den Kampf gemeinsam zu führen, dann hat diese Bewegung ein Potenzial, das heute noch niemand erahnen kann.«
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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