Von Katharina Zeiher
02.11.2009

Papierflieger über Tempelhof

Vor einem Jahr schloss der Innenstadtflughafen / Demonstration fordert freien Zugang

Ausgerechnet an Halloween. Dem Tag also, an dem verkleidete Kinder von Haus zu Haus gehen und von den Erwachsenen unter Androhung von Streichen Süßigkeiten fordern, jährte sich zum ersten Mal die Schließung des Flughafens Tempelhof. Dies nahmen Initiativen zum Anlass, um am Samstagabend unter dem Motto »Süßes, sonst gibt's Saures« zur Demonstration gegen die Stadtentwicklungspolitik des Senats aufzurufen und die Freigabe des Flughafengeländes einzufordern.

Kostümiert war allerdings kaum jemand der weitgehend schwarzgekleideten Demonstranten, die in der Dunkelheit vom Neuköllner Hermannplatz Richtung Flughafen zogen. Entgegen der Planung brachen die Veranstalter den Aufzug aber wegen Polizeiübergriffen vorzeitig ab und führten ihn zum Ausgangsort zurück: Am Ex-Flughafen war es zu Konfrontationen gekommen, als Demonstranten Papierflieger warfen und am Zaun rüttelten. Indes weit mehr als die 150 von der Polizei erwarteten Teilnehmer machten zuvor auf der Route kreuz und quer durch Neukölln mit Sprechchören wie »Der Zaun muss weg« für die Öffnung Stimmung. Auf Transparenten waren Forderungen wie »Freies Flugfeld für alle« zu lesen.

»Seit der Schließung vor einem Jahr ist praktisch nichts passiert«, erklärt Gerhard vom Neuköllner Stadtteilladen Lunte, der sich beim Aktionsbündnis »Tempelhof für alle« engagiert. Dieses hatte zusammen mit der Gruppe »Squat Tempelhof«, die bereits im Sommer eine viel beachtete Besetzung des ehemaligen Flughafen-Geländes versucht hatte, zur Demonstration aufgerufen. »Das vollmundige Versprechen der Öffnung hat der Senat nicht gehalten«, sagt der Aktivist. Stattdessen sei der ehemalige Flughafen stärker gesichert als zu Zeiten des Flugbetriebs. »Wir fordern, dass das Gelände frei gegeben und ohne Zäune und Wachschutz der Bevölkerung zur Verfügung gestellt wird.«

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat für den ehemaligen Flughafen recht ehrgeizige Pläne. »Tausende neue Wohnungen und Arbeitsplätze« sollen dort entstehen, wie es auf der Internetseite der Verwaltung heißt. Das Flughafengebäude will der Senat in Zukunft der »Kultur-, Medien- und Kreativwirtschaft« zur Verfügung stellen, neu gebaut werden sollen ein Industriegebiet und zwei Wohnquartiere im Grünen. Denn auch eine Parkanlage wird nach dem Willen der Senatsverwaltung auf dem Flugfeld entstehen. Doch erst einmal läuft die Bewerbung um die Internationale Gartenbauausstellung IGA im Jahr 2017. Die soll, so hofft der Senat, »wertsteigernd« auf das Gelände wirken.

Die geplante Nutzung durch Luxuswohnungen werde die Aufwertung der umliegenden Kieze beschleunigen und zu steigenden Mieten führen, befürchten jedoch die Demonstranten. »In der Konsequenz müssen die alten Bewohner weg, weil sie sich die neuen Mieten nicht mehr leisten können«, sagt Martin Kaschube von der Gruppe Avanti, die im Bündnis »Steigende Mieten stoppen!« gegen die Politik der Stadtumstrukturierung protestiert. Dabei gehe es um mehr als um das ehemalige Flughafengelände. So werde etwa mit der geplanten Sanierung der Neuköllner Karl-Marx-Straße unter dem Motto »jung, bunt, erfolgreich« versucht, einkommensstarke Mieter anzuziehen – zu Lasten der sozial Schwachen. »Der Bezirk träumt davon, ein neues Prenzlberg zu werden«, so Kaschube. Dies ginge aber an den Bedürfnissen der Bewohner völlig vorbei.

Auch in Sachen Demokratie haben die Initiativen viel zu kritisieren. Zwar hat die Senatsverwaltung erst vor kurzem eine Anwohnerbefragung über die Wünsche zur Zukunft von Tempelhof durchgeführt, eine weitere ist in Planung. Doch für Kaschube ist das eine bloße Inszenierung, da die Pläne für das Flugfeld bereits fest stünden: »Bei grundsätzlicher Kritik an den Nutzungskonzepten gibt es ganz schnell kein Redeangebot mehr.«


Streit um Tempelhof

  • Am 27. April 2008 fand ein Volksentscheid über die Zukunft des Innenstadtflughafens Berlin-Tempelhof statt, der abgelehnt wurde: Bei einer Wahlbeteiligung von 36,1 Prozent stimmten zwar 60,1 Prozent der Teilnehmer dafür, bezogen auf alle Wahlberechtigten ergab sich aber nur eine Zustimmung von 21,7 Prozent; notwendig wäre ein Viertel gewesen.
  • Seit dem 31. Oktober 2008 ist Tempelhof für den Flugverkehr geschlossen.
  • Für das 380 Hektar große Gelände ist eine Mischnutzung aus Industriegebiet, Wohnanlagen und Park geplant.
  • Ab Mai 2010 soll Tempelhof für die Berliner geöffnet werden. Der Zaun jedoch bleibt; nachts wird das Gelände geschlossen.
  • Aus Protest gegen die Senatspolitik hatten linke Initiativen im vergangenen Juni zu einer »öffentlichen Massenbesetzung« des Flugfelds aufgerufen.

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