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Von Marion Pietrzok
04.11.2009

Oh, mein Gott!

»Rosas Höllenfahrt« von Rosa von Praunheim im Kino

Rosa von Praunheim, Urgestein des schwulen Films, legt einen Kompaktkurs Religion, Unterabteilung Hölle, vor. Katholisch aufgewachsen drohten ihm – noch heute nennt der Katechismus Homosexualität »widernatürliche Wollust« – die schlimmsten der Höllenstrafen. Jetzt, im fortgeschrittenen Alter (er wird in diesem Monat 67) sei es also an der Zeit, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn man den letzten Atemzug ausgehaucht hat. Mit diesem Ansatz einer – leicht ironisch gemeint – persönlich motivierten Zeitreise lockt er den Zuschauer, sich selbst die Frage zu beantworten, was nach dem Tod kommt, ob wir zu Staub zerfallen, ob wir eine Seele haben, in den Himmel aufsteigen oder ewige Höllenstrafen erleiden werden. Dabei beweist von Praunheim, dass Nachdenken eine überaus vergnügliche Angelegenheit ist. Als Reporter geht er vor Ort, wo Religion gelebt, gelehrt, erforscht wird oder sich literarisch und bildkünstlerisch widerspiegelt, interviewt Wissenschaftler wie Experten im Alltag.

Auf dem Katholikentag in Osnabrück befragt er einfache Gläubige und Geistliche, inwieweit die Dogmen für sie heute Relevanz haben. Sie sind sich sicher, dass die Hölle existiert. Keine gute Aussicht: Schmoren auf ewig. Da geht es in anderen Religionen etwas günstiger zu: Bei den Juden dauert das schmerzhafte Läuterungsverfahren höchstens ein Jahr. Im Islam werden die Menschen in der Hölle wie in einem Krankenhaus für den Himmel gesund gemacht. Bei den Buddhisten aber gibt es zweiunddreißig Höllen. Oh, Gott.

Über Israel bis nach Amerika und nach Holland reist der Filmemacher, lässt sich die Besonderheiten der Auffassungen vom Höllendasein erklären, ebenso die Darstellungen im Gilgamesch- Epos, im ägyptischen Totenbuch, in Hieronymus Boschs »Garten der Lüste« und in Dantes »Göttlicher Komödie«. Eingestreut zwischen die Etappen der Erkundung: Szenen, in denen er in seinem Wohnzimmer mit befreundeten Schauspielern Höllenvisionen aus kulturhistorischen Texten nachstellt. Ja, (Höllen-)Raum ist in der kleinsten Hütte.

Eingeblendet, das heißt allerdings auch, ohne tiefer zu loten, wird selbstverständlich der schwul-sexuelle Aspekt der Höllentorturen. Spotlights gibt es auf die Auseinandersetzung mit dem Thema in der Popkultur. Rosa von Praunheim vervollständigt schließlich sein Kompendium mit Verweisen auf die reale Hölle, die menschengemachte auf Erden: die Vernichtungslager der Nazis, die Kriege in der Welt.

Die filmisch brave Tour de Inferno bietet nicht gerade neue, gar spektakuläre Erkenntnisse. Dass die Höllenvorstellungen mit den Projektionen von Ängsten und Wünschen zu tun haben, dass das Bedürfnis nach Religion unter anderem dem nach der naturgegebenen Endlichkeit der menschlichen Existenz entspringt, das weiß man. Doch ist sie ein geschickt ausgemaltes und von Kamerafrau Elfi Mikesch sehr ansprechend ins Bild gesetztes Panorama, das auch den pädagogischen und machtpolitischen Sinn von Religion und den jeweiligen Höllenvorstellungen umfasst. Vom Polizisten, dem »Hölle ist, wenn es kein Bier gibt«, bis zu den zwei, antithetisch geschnittenen Interviews gegen Ende des 90-minütigen Films – mit der Theologin Uta Ranke-Heinemann und dem katholischen Religionslehrer Arvid Bergmann, extrem gegensätzliche Sichtweisen. Es mag auch im Zuschauer Himmel und Hölle in Bewegung bringen. Wertvoll überdies ist der Film als eine kleine Fallstudie und Übung darin, was Toleranz bedeutet.

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