Von Birgit von Criegern
06.11.2009

Von der East- zur West-Side-Gallery?

Friedrichshain-Kreuzberg diskutiert über die Gestaltung der Rückseite des berühmten Bauwerks

Die frisch sanierte East-Side-Gallery wird heute eingeweiht. Indessen betrachten die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg das Mauerwerk auch von der anderen Seite. Laut Antrag an die Bezirksverordnetenversammlung wollen sie auch für die spreegewandte Seite des berühmten Mauerstreifens »temporäre, konzeptionelle und für den Ort passgenaue künstlerische Ausdrucksformen« wie Fotografie oder Street-Art ermöglichen. In einer Anhörung des BVV-Kulturausschusses am Mittwochabend gab es auch verschiedene historische Auslegungen des Ortes.

Von den Grünen angedacht ist, im zweijährigen Turnus einen internationalen Kunstwettbewerb auszurufen, um die Westseite zu gestalten. Die ist mit weißer Farbe saniert worden. »Bei einer künstlerischen Bespielung soll zeitgenössisch an den Denkmalcharakter angeknüpft werden. Die Bausubstanz würde nicht beeinträchtigt«, so Anke Kuhrmann vom Lehrstuhl für Denkmalpflege an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus zur Idee. Eine »Auseinandersetzung mit dem Ort und der Geschichte durch verschiedenste Medien der zeitgenössischen Kunst« könnte zur Geltung kommen, schlug Martin Schönfeld von der Kommission Kunst im öffentlichen Raum vor.

Deutlich dagegen hielt die Künstlerinitiative East-Side-Gallery e. V. Die sanierte Ostseite sei noch nicht gesichert und »die Farbe noch nicht trocken«. Kani Alavi vom Vorstand der Initiative: »Die Künstler, die sich seit 20 Jahren um den Erhalt der Mauergemälde gekümmert haben, sorgen sich, wie diese vor Vandalismus geschützt werden können.« Das sei vordringlich. Ein Wettbewerb unter bisher nicht beteiligten Künstlern für die »Riverside« stoße erst mal auf das Nein der Initiative.

Auch zeigten sich unterschiedliche Sichtweisen auf den historischen Ort. Gemäß Lutz Henke vom Kunstverein Artitude gehörte die East-Side-Gallery »zu den kreativen Freiräumen Berlins, die sich von jungen Künstlern nach der Wende angeeignet wurden. Eine lebendige Gestaltung des rückwärtigen Mauerstreifens würde das fortführen.« Um Willkür gehe es nicht, die Moderierung des Wettbewerbs könnte das steuern.

»Dieses zeitgeschichtliche Dokument sollte so erhalten bleiben. Touristen kommen aus aller Welt, um diesen Ort zu sehen, wie er damals aussah«, sagte Rainer E. Klemke von der Senatskulturverwaltung. Andi Weiss von der Künstlerinitiative ESG warf ein, dass der Ort ohnehin schon stark beeinträchtigt, etwa durch Reklame der O 2-Display-Tafel. Klemke brachte auch seine Sorge in Hinsicht auf die Opferverbände ein: »Wir können hier nicht einfach nur Kunst machen.« Die weiße und die bemalte Seite der East-Side-Gallery symbolisierten »den Schrecken, den die Mauer verbreitete, und die Freude der Wiedervereinigung.«

Die Befürworter eines »Riverside«-Kunstprojekts wie Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) sahen etwa zeitgeschichtliche Filmdokus als Chance an, um die Hinterlandmauer »im neuen Kontext« zu gestalten. Eine Obhut des Bezirks für ein solches Projekt würde auch eine Kommerzialisierung des Mauerstreifens verhindern, hieß es. Offen blieb die Trägerschaft des Wettbewerbs und die Finanzierung, für die wohl auch Drittmittel nötig wären. Erst sollten die Fraktionen nochmals über die Frage einer »West-Side-Gallery« tagen.