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Von Jürgen Amendt 09.11.2009 / Medial
Medienkolumne

Die Macht der Bilder

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Der Autor ist Bildungs- und Medienredakteur des ND.

Das Bild hat sich ins kollektive Gedächtnis gefressen: Heute vor 20 Jahren saß am frühen Abend Günter Schabowski vor der internationalen Presse und verkündete eher beiläufig eine neue Regelung für Privatreisen von DDR-Bürgern ins Ausland. Von der Maueröffnung, der Öffnung der Grenze, dem freien Fluten gen West-Berlin war an keiner Stelle die Rede. Und es war keineswegs so, dass die versammelten Journalisten daraufhin geschlossen nach draußen eilten, um die Nachricht vom Mauerfall in die Welt zu setzen. Die Korrespondenten der Nachrichtenagenturen, Zeitungen und TV-Sender widersprachen sich teilweise. Während die einen über den Beginn einer Zeitenwende spekulierten, war für andere das in Aussicht gestellte Reisegesetz nur ein weiteres Mosaiksteinchen im politischen Reformprozess der DDR.

Die Maueröffnung wurde offiziell von Hanns Joachim Friedrichs um 22.42 Uhr verkündet. Mit den Worten »Die Tore in der Mauer stehen weit offen« hatte sich der damalige Tagesthemen-Moderator bewusst weit aus dem Fenster gelehnt, denn zu diesem Zeitpunkt hielten die DDR-Grenzer die Reihen noch dicht. Mit Friedrichs' Anmoderation der Tagesthemen vom 9. November 1989 hatte das stundenlange Spekulieren über die wahren Absichten der DDR-Führung auf einen Schlag ein Ende.

Diese historische Anekdote illustriert wie kaum eine andere, wie sehr schon damals die Macht der Bilder (auch der Sprachbilder) über die Realität siegen konnte. Die Bildermacht vor allem des Fernsehens folgte dabei eigenen Regeln, die der direkten politischen Kontrolle entzogen waren. Ein Jahr vor dem Mauerfall hatten die Boulevardmedien bereits exerziert, wie weit die Medienmacht über das Bewusstsein der Menschen bereits reicht. Im sogenannten Gladbecker Geiseldrama, bei dem zwei Kriminelle sich mit der Polizei eine tagelange Hatz durch Deutschland lieferten, waren Journalisten zu Akteuren des Geschehens geworden. Vorbei die Zeiten, in denen abwägendes Räsonieren, vorsichtiges Lavieren die Medienarbeit bestimmten. Die Verkündung der Maueröffnung durch Hanns Joachim Friedrichs war das komplementäre Gegenstück zum Boulevardjournalismus: Medienmacher machen Politik!

Das greise Politbüro in Ostberlin hatte diese Wende in der Rolle der Medien indes nicht mitbekommen. Dort glaubte man unerschütterlich daran, dass Medien Kampfmittel in der politischen Auseinandersetzung sind, es also darauf ankäme, die politischen Auftraggeber hinter der Nachricht zu identifizieren. Dass ein ARD-Moderator ohne Anweisung, Auftrag oder zumindest politische Einflüsterung von oben den Gesetzen seines eigenen Subsystems folgt, kam ihnen nicht in den Sinn.

Die Bildermacht der Medien, in erster Linie jene des Fernsehens, sie war auch schon vor dem 9. November 1989 für die Entwicklung der Ereignisse in der DDR maßgebend. Montagsdemonstrationen gab es in der DDR schon manche, aber erst, als am späten Abend des 9. Oktober die verwackelten, von DDR-Oppositionellen amateurhaft gedrehten Bilder von der friedlich verlaufenden Massendemonstration in Leipzig in den Tagesthemen liefen (Moderator: Hanns Joachim Friedrichs!), war das Ereignis politisch wirklich präsent. Das SED-Politbüro wurde fortan zum Getriebenen der Ereignisse.

20 Jahre später sind alle Politiker von den Medien Getriebene. Politik wird heute nicht mehr am Rednerpult im Bundestag, sondern auf dem Sessel bei Anne Will oder Maybrit Illner verkündet. Und verkündet wird es so, dass es ins Kalkül von Übertreibung, Zuspitzung und Skandalisierung passt. »Als die Menschen hörten, dass die Mauer fiel, fiel sie endgültig«, schrieb unlängst Robert Birnbaum im Berliner »Tagesspiegel«. Als die Menschen bei Anne Will von Finanzminister Wolfgang Schäuble hörten, die Steuern werden nicht gesenkt, wurden sie auch nicht gesenkt.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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