Der französische Schriftsteller André Gide, Literaturnobelpreisträger 1947, war ein großer Bewunderer des vierunddreißig Jahre jüngeren Georges Simenon. Simenon, der darob erstaunt war, kam zu dem Schluss: »Ganz besonders interessierte ihn der Mechanismus meiner – entschuldigen Sie das hochtrabende Wort – Kreativität. Und ich glaube, ich weiß, warum ihn das interessierte. Gide hat davon geträumt, ein Schöpfer zu sein und nicht der Moralist und Philosoph, der er war.«
Ähnlich wie Gide scheint es dem ungarischen Regisseur Béla Tarr gegangen zu sein, der auf die Erzählung Simenons »Der Mann aus London« aus dem Jahr 1933 stieß und damit seinen Ambitionen, dem Kinofilm in seinem Anspruch, Kunst zu sein, neue Nahrung zuführen konnte. Simenon lieferte ihm einen Stoff, der seiner eigenen existenzialistischen Grundhaltung entspricht, dazu aber einen gestrafften Rahmen, den selbst zu spannen ihm im Allgemeinen nicht gegeben ist. Als Kameramann holte Tarr seinen ehemaligen Schüler und jetzigen Kollegen Fred Kelemen ins Boot. Und diese Konstellation ergab eine filmische Mischung aus Hintergründigkeit, Tiefe und Spannung, die einzigartig ist und einen atemlos und gebannt auf die Leinwand blicken lässt.
Der Film wurde schwarz-weiß gedreht, auf ORWO, die Grautöne dominieren in allen Schattierungen, es dauert lange, bis die nächtliche Hafenstadt, am Kanal gelegen, ins Bild kommt. Denn die Kamera tastet sich zu Beginn aufwärts auf schwarz glänzendem, nassem Grund, bis man gewahr wird, dass es sich um das Heck eines großen Schiffes handelt, und man selbst jene Position innehat wie Maloin, der Rangierer. Der Mittfünfziger befindet sich Nacht für Nacht in der gläsernen Kanzel, um die Hebel für die sich verzweigenden Gleise umzulegen. Er hat Zeit, zu beobachten. Und der Zuschauer wird gezwungen, dies in Echtzeit mit ihm zu tun. Während die Zöllner die Passagiere abfertigen, begibt sich Unerhörtes im Dunkel. Zwei Männer beschließen einen Deal, in dessen Folge ein Koffer vom Schiff ans Ufer geworfen und einer der Männer vom anderen bei einem Kampf ins Wasser gestoßen wird.
Es dauert eine Weile, bis sich Maloin vom Beobachter in einen Akteur wandelt. Als es ruhig geworden ist, steigt er mit einem langen Enterhaken von seiner Kanzel, fischt den Koffer aus dem Wasser, öffnet ihn und blickt auf einen Schatz von 60 000 Englischen Pfund. Der kriminalistische Knoten ist geknüpft. Was wird Maloin tun?
Der tschechische Schauspieler Miroslav Krobot ist ein Meister des Minimalismus. Sein Maloin zeigt im Gesicht keine Regung. Der Charakter bleibt in der Schwebe. Zwischen ihm und seiner Ehefrau, gespielt von Tilda Swinton, erfolgt keine Annäherung. Das gleißende Licht, das ihn zu Hause aufs Bett schleudert, wird von ihr durch das Zusammenziehen der Vorhänge wieder aufs gleichmäßige Grau reduziert.
Bis zum Schluss des Films weiß man nicht, ob sich Maloin der hellen oder dunklen Seite hinneigen wird. Und dieses Geheimnis gibt sowohl dem Mann von der Straße wie dem Cineasten Grund, den Film zu lieben.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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