Der Autor leitet das Feuilleton-Ressort dieser Zeitung.
Foto: ND/Burkhard Lange
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Wo etwas uns die Sprache raubt, meldet sich die Stimme am eifrigsten. Wo der Tod, wie bei Robert Enke, das Leben auf eine Weise zerreißt, dass nur Schweigen möglich ist, da einverleiben wir uns die Situation mit Wörtern eines präzisen Kategorienapparates, der die sofortige Beherrschbarkeit der Lage signalisiert. Es darf noch im Erschütterlichsten keinen »Riss im üblichen, gewöhnlichen Bemerken« geben, so Ernst Bloch.
Die »Hannoversche Allgemeine Zeitung« meint, mit ihrem TV-Auftritt habe Enkes Witwe »nicht nur vielen Menschen geholfen, die ratlos Gründe suchen, warum ein gefeierter Star nicht mehr leben mochte, sie hat der Krankheit Depression … ein menschliches Gesicht gegeben«. Geholfen haben, ein menschliches Gesicht geben – das ist der Selbstbeschwichtigungs-Irrtum des medialen Geschäfts, bei dem jeder Blick in die Welt ein Blick in den Spiegel ist, und dieser Spiegel wirft nur noch Zeichen eines umfassenden Sinninfarktes zurück.
Denn: Es klafft im sozialen Gefüge und seiner Öffentlichkeit eine bedenkliche Leerstelle zwischen dem notwendigen »stärkeren Resonanzraum für persönliche Befindlichkeiten« (FAZ, Seite 1, Leitartikel) jener Menschen, die von gefährlicher Sorge getroffen sind, und der Motorik einer »Leistungs- und Anspruchsgesellschaft, die auf die Schwächen ihrer Mitarbeiter keine Rücksicht nimmt«. Und dies zum Kerngeschäft des Medialen erhob. Aber dann, wenn eine individuelle Tragödie, herausgehoben durch Prominenz, unversehens durchbricht, durchflutet eine emotional hochgejagte Personalisierung den Medien-Moloch – als sei mitfühlende Sorge um Leidende der zentrale Dienstauftrag, und als wäre eine soziale Architektur aus lauter Menschen wie Spiegelglasfestungen plötzlich in ein offenes Haus für die Beladenen umgebaut worden: Es geht nämlich um den »Robert Enke in uns allen« (noch einmal die FAZ, jetzt aber Sportseite). Rasanter Wechsel der Rollenprofile, wo du eben noch Deutschland sein solltest ...
Es tobte in der Hinwendung zum Fall Enke der »Terror der Intimität« (Richard Sennett) – zugleich funktionierte sofort wieder routinierte Ent-Menschlichung. Denn der Einzelfall ist Auslöser von ebenso hochgejagten Programmfüllern; man hört das Maul des Molochs nach der Frischkost schnappen, schmatzen; das Opfer erweist sich als Stromstoß für den ständig hungrigen Kreislauf der medialen Selbsterregung.
So gerät die Nachricht zum Feind eines anständigen Informierens. Mit jemandem leiden und etwas mitteilen – das geht kaum mehr zusammen. Radio Mecklenburg-Vorpommern startete nach dem Tod Enkes sofort Umfragen zur gutnachbarlichen Hilfe bei Krankheitsfällen. Die Online-Ausgabe des »stern« nennt Enkes Tod »die größte Tragödie des deutschen Fußballs«, als sei auch das Sterben eingebettet in jene Superlativtechniken von Unter- und Überbietung, nach der sich medial mitgeteilte Ereignisse ordnen sollen. Und: »Verloren geht nicht nur ein herausragender Torwart« – das ist die Einteilung einer Persönlichkeit in den »öffentlichen Wert, dem gegenüber sein zweckfreies Menschsein wie eine zweitrangige Abspaltung« (Neil Postman) wirkt. Über der »stern«-Nachricht die schandvolle Anzeige-Kopfzeile: »Wer braucht dringend eine Therapie?«
Schneller Einordnungsreflex auf tödliche Erfahrungen macht unsere Zeit so geistlos. Denn als »Geist« wurde früher zuvörderst jenes Mehr in der menschlichen Existenz bezeichnet, das nicht aufgeht in dem, was wir uns an Bestimmungen und Institutionen erschaffen. Diesen (ja, heiligen!) Geist aufgegeben zu haben, ist der Preis, den eine Welt zahlt, die sich Geheimnisse nicht mehr leisten will. Wir haben keinen Respekt vor dem Beunruhigenden. Deshalb treffen so viele Erklärungen fürs Schlimme möglicherweise einen Publikumsnerv, aber regelmäßig den falschesten aller möglichen Töne.
Preis: 14,99 €
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20:00 Uhr, Berlin