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ND: Warum sollten Gewerkschaften die Arbeitszeitverkürzung wieder auf ihre politische Agenda setzen?
Sauerborn: Weil wir uns selbst aufgeben würden, wenn wir uns auf Dauer vom Thema Arbeitszeitverkürzung verabschiedeten. Denn inzwischen machen die Arbeitgeber ihre Arbeitszeitpolitik: Deregulierung und Verlängerung der Arbeitszeit, Teilzeitarbeit völlig ohne Lohnausgleich. Das war nur möglich, weil die Gewerkschaften den Kampf um die Arbeitszeitverkürzung in den letzten 20 Jahren aufgegeben haben. Mit der Tarifrunde im Öffentlichen Dienst, die jetzt anläuft, bietet sich die Möglichkeit, die Arbeitszeitverkürzung wieder zurück in die gewerkschaftliche Diskussion zu bringen.
Warum sehen Sie gerade jetzt einen günstigen Zeitpunkt dafür?
Der öffentliche Sektor ist durch die Krise im öffentlichen Ansehen gestärkt worden und könnte eine größere beschäftigungspolitische Verantwortung übernehmen. Außerdem schlägt die unmittelbare Dumpingkonkurrenz hier noch nicht so durch. Andererseits sind die Arbeitsbedingungen und die Hektik inzwischen oft so extrem, zum Beispiel bei in den Kitas oder Krankenhäusern, dass Kollegen bereit sind, für bessere Bedingungen zu kämpfen, um überhaupt gesund das Rentenalter zu erreichen.
Bisher haben Gewerkschaften aber auf Lohnerhöhungen gesetzt.
Die Formel, mit der bisher diese Lohnforderungen begründet wurden, setzte sich aus dem gesamtgesellschaftlichen Produktivitätszuwachs plus dem Inflationsausgleich zusammen. Nun gibt es zurzeit nicht ausgelastete Kapazitäten und auch die Inflationsrate pendelt um Null. Also eine gute Gelegenheit, Arbeitsumverteilung per Arbeitszeitverkürzung wieder zum Thema der Tarifverhandlungen zu machen.
Welche Reaktionen gibt es in den Gewerkschaften zum Vorstoß?
Es geht darum, innerhalb der Gewerkschaften eine Diskussion anzustoßen. Das ist schon gelungen. Verschiedene ver.di-Gliede- rungen im Südwesten, die Gewerkschaftsjugend u. a. unterstützen die Forderungen. Die Debatte wird unabhängig von den Tarifverhandlungen weitergehen. Denn Arbeitszeitverkürzung ist eine Frage der Solidarität mit den Erwerbslosen und weniger Arbeitslosigkeit ist ein Beitrag zur Stärkung der Gewerkschaften.
Wie ist die Bereitschaft, für Arbeitszeitverkürzung zu streiken?
Arbeitszeitverkürzung als Forderung ist im Prinzip akzeptiert – aus Gründen der persönlichen Arbeitssituation, angesichts der Vereinbarkeitsprobleme zwischen Arbeit und Leben und auch gesellschaftspolitisch. Doch ob die Kollegen dafür auch kämpfen, hängt davon ab, ob sie die Arbeitszeitverkürzung, vor allem den Lohnausgleich, für durchsetzbar halten und die berechtigte Sorge, dass das alles in mehr Arbeitshetze endet, beantwortet werden kann. Deshalb müssen wir die Forderung mit einer konkreten Durchsetzungsstrategie koppeln. Dazu muss Arbeitszeitverkürzung als Eckpfeiler einer gewerkschaftlichen Gegenstrategie gegen die Krise verankert werden – in einem breiten Gegenkonsens und auch grenzüberschreitend. Nur die Forderung in den Raum zu stellen und dann zu hoffen, dass die Kollegen schon begeistert sind, reicht sicherlich nicht aus.
Die Frage der Arbeitszeitverkürzung war immer mit der Forderung nach vollen Lohnausgleich verbunden. Ist das realistisch?
Unser Ziel bleibt der volle Lohnausgleich. Aber können wir auf Arbeitszeitverkürzung verzichten, wenn wir das trotz allen Kämpfens nicht durchsetzen können? Diese Logik hat zu einem 20-jährigen Stillstand in der Arbeitsumverteilung und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit geführt. Massenarbeitslosigkeit ist nicht verkürzte Arbeitszeit und bedeutet Schwächung der Gewerkschaften. Die hat am Ende zu viel größeren Verlusten der Einkommensposition der Arbeitnehmer geführt.
Wie wollen Sie verhindern, dass es bei Arbeitszeitverkürzung zu einer Arbeitsverdichtung kommt?
Zum Beispiel durch Arbeitszeitkürzung in der Variante zusätzlicher freier Tage. Das würde die Arbeitgeber eher zwingen verkürzte Arbeitszeiten in der Personalplanung zu berücksichtigen.
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