Irmtraud Gutschke
28.11.2009
Bücher zum Verschenken 2009

Fliegender Holländer

Oleg Jurjew gelang eine vergnügliche Geisterbeschwörung

»So sprechen wir miteinander, Menschen der untergegangenen sowjetischen Zivilisation – in Zitaten aus allerlei Gedichten und Liedchen, aus alten Filmen und alten Witzen. Was wollen wir uns damit sagen? Das ist die große Frage.« Oleg Jurjew

Als auf Seite 65 von einem Zeiss-Fernglas die Rede ist mit einem geheimnisvollen Knopf unter dem Fokussierrad, von dem man die Finger lassen soll, da ist einem klar: Diese Mechanik wird noch zum Einsatz kommen. Tatsächlich kann Weniamin Jasytschnik auf Seite 147 das unter ukrainischer Flagge segelnde Kühlschiff »Typ Ulysses, Projekt 1770, Zweifacher Held der Sowjetunion P. S. Ateniv« per Knopfdruck aus feindlicher Umzingelung befreien. Auf Seite 209 allerdings versagt die Apparatur. Die »Queen of Belgium«, schwimmendes Altersheim der EU, droht, die »Ateniv« zu rammen. Doch da erhebt sich eine gewaltige Welle (Aiwasowskis Gemälde »Die neunte Woge« aus der Ermitage kommt einem in den Sinn) und trägt das Schiff hoch über die Wolken.

Plötzlich steht ein lachender Recke auf Deck, in dem man Zar Peter I. erkennt. Mit Pjotr Alexejewitsch, da ist sich Weniamin sicher, wird nun alles gut. Nichts kann ihn mehr bedrohen. Vielleicht hat er sogar das versunkene Vineta schon gefunden, denn die Schrift »Ateniv« auf den Rettungsringen hat sich in »Vineta« umgekehrt. Er küsst zur Begrüßung des neuen Jahrtausends seine wiedergefundene Frau Zoe, die Petersburger Glocken läuten, die Raumstation »Mir« erscheint und Zar Peter ruft »Vivat«.

Was für ein Hoffnungsbild! Ironie? Dem Autor ist es egal, wie man es deutet. So viel Material zum Interpretieren hat noch kaum einer auf einen Haufen geschmissen (so wie es meine Kinder mit ihrem Spielzeug taten, wenn sie Lagerfeuer spielten). Wer räumt da wieder auf? Und warum soll man das überhaupt tun? Hat Weniamin, die Hauptgestalt, das alles nur geträumt? Nein, so einfach kommt der Leser in diesem Roman nicht davon. Er kann es sich schwierig machen: »St. Petersburg und Vineta, zwei baltisch-slawische Mythen. Aspekte der Rekon-struktion einer chronotopischen Spiegelung« hieß Weniamins Dissertation. Dekon-struktion aller möglichen Mythen und Wiederzusammensetzen derselben, Denkstoff noch und noch. Aber vor allem ist die Lektüre ein großes Vergnügen – vor allem für diejenigen, die mit der Sowjetunion irgendwie verbunden waren. Die mit »Nina, Nina wot kartina« etwas anzufangen wissen, die Konzeki gelesen haben und Alexander Grin, von Bagritzki und Block wenigstens schon mal gehört haben und sich freuen, wenn der Kapitän allerlei bekannte Liedchen ins Mikrofon singt. »Kapitan, Kapitan ulybnites« – das kann man sich hier aus dem Deutschen zurückübersetzen.

Als Wenka auf dem Schiff Zuflucht sucht, sind Banditen hinter ihm her. Die Reise soll nach Lübeck gehen, heißt es, an Bord seien Touristen, die dort das Musical »Der fliegende Holländer« anschauen wollen. Aber die »Ateniv« scheint selbst ein »Fliegender Holländer« zu sein. Ein Geisterschiff, ein schwimmendes Leichenhaus gar? In einer Kühlzelle findet Wenka seinen verstorbenen Stiefvater, der bald darauf quicklebendig übers Deck stolziert. Es scheint ein Ort zu sein, wo Tote wiederauferstehen. Wen Wenka alles auf diese Weise wiedertrifft!

Aber das Tollste, wie gesagt, sind die Anspielungen. Der estnische Grenzwächter Waldemar Propp in seiner Operettenuniform entpuppt sich als Sohn eines KGB-Manns und schwärmt weniger für den sowjetischen Agenten Max Otto von Stierlitz aus dem Zwölfteiler »Siebzehn Augenblicke des Frühlings« als für den Gestapomann Eismann. Das Deutsche und das Russische – und als Verbindung das Jüdische: Wer hat geahnt, dass jüdische U-Boote nicht nur unter Wasser, sondern auch unter der Erde fahren können, wenn ihnen die Kabbala-Gesellschaft von Zfath die entsprechenden Karten zur Verfügung stellt? Alles ist möglich, sagt Jurjew. Lass den Kopf nicht hängen. Nichts vergeht ganz. Legenden bleiben und können sich märchenhaft wiederbeleben. Vineta versank und hebt sich empor. Und habt keine Angst vor Geisterschiffen. Alles ist miteinander in Verbindung. Und gefällt euch die Wirklichkeit nicht, versucht euch in Magie.

Oleg Jurjew: Die russische Fracht. Roman. A. d. Russ. v. Elke Erb u. Olga Martynowa. Suhrkamp. 220 S., geb., 22,80 €.

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