Gunnar Decker 28.11.2009 / Essay

Vom Blühen und Welken der Bilder

Vincent van Gogh und seine Pilgerreise zur Sonne

Die Kunst ist der letzte Hort gegen das Unheil. Da hört die Malerei auf, Mittel zu sein. Da werden Bilder zu Schreien, die man mit letzter Kraft melodisch machen möchte. (Julius Meier-Graefe)

Selbstbildnisse, im Herbst 1886 in Paris entstanden
Wie soll man eine Malerbiografie schreiben, die zugleich eine Biografie seiner Bilder ist? Die Vorstellungen darüber scheinen sich gewandelt zu haben. Vor dem Ersten Weltkrieg brachen Schriftsteller wie Julius Meier-Graefe – mit seinen verschiedenen Arbeiten zur Avantgardekunst dem historisierenden Wilhelminismus ein Ärgernis! – der modernen Kunst die Bahn ins öffentliche Bewusstsein. Sein Buch »Vincent van Gogh. Roman eines Gottsuchers« kontrastiert höchst eigenwillig rasende Modernität mit den Begriffen Mythos und Legende, verstanden nicht etwa als bloße Halbwahrheiten, sondern als beispielhaftes Wissen vom Ursprünglichen. Kunsthändler wie Gustav Pauli und Paul Cassirer setzten die modernen Bilder in spektakulären Ausstellungen gegen den herrschenden Geschmack durch.

Heute hat sich der Trend umgekehrt – da wird die moderne Kunst entweder bloß noch kunstwissenschaftlich verwaltet oder man entfaltet einen aktionistischen Eifer, der absurd wirkt, so wie in Stefan Koldehoffs Büchern zu Vincent van Gogh. Infotainment im Stile einer polizeilichen Ermittlung, der jede »Legende«, jeden »Mythos« als Fehlerquelle der Wissenschaftlichkeit zu tilgen versucht. Eine Verhöhnung solch ausdrucksstarker Vorreiter der Moderne wie Meier-Graefe geht damit einher, eine Infantilisierung der Bildbetrachtung ebenfalls. Manch einer scheint überhaupt nicht die van Goghs Kunst völlig unangemessene Banalität zu bemerken, wenn er mit aller Pedanterie etwa die These zu beweisen unternimmt, dass sich van Gogh möglicherweise nicht das ganze Ohr, sondern nur einen Teil davon abgeschnitten habe. Lässt sich so die Wahrheit über sein Leben, gar über seine Bilder finden? Woher kommt denn überhaupt deren faszinierende Kraft? Mir scheint, wir stehen an einer Wegscheide im Umgang mit der Kunst.

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