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Von Dieter B. Herrmann 12.12.2009 / Natur & Wissenschaft

Galilei und der Vatikan

Wunden des Konflikts auch nach Jahr der Astronomie noch nicht verheilt

Das von der UNO ausgerufene Internationale Jahr der Astronomie geht seinem Ende entgegen. In mehr als 140 Ländern fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, die vor allem der jungen Generation in den Entwicklungsländern zu einem besseren Verständnis der Welt verhelfen sollten. In den USA hatte Präsident Obama sogar persönlich hunderte junger Leute und Lehrer zu einer »Star Party« ins Weiße Haus geladen. Er sprach zehn Minuten über die Entwicklung der Astronomie seit Galilei und lud zu Beobachtungen an mehreren Teleskopen ein. Die deutsche Bundesregierung übte sich leider in Zurückhaltung – nicht nur finanziell. Zwanzig Jahre Mauerfall lagen wohl näher als das Weltall – PISA hin oder her.

In der Forschung selbst gab es herausragende Aktivitäten. Der Mond, mit dem vor 400 Jahren alles begonnen hatte, stand ganz oben auf der Agenda. Nicht nur die Apollo-Missionen vor 40 Jahren wurden weltweit reflektiert, es gab auch Neues. Die USA starteten im Sommer den Lunar Reconnaissance Orbiter (LRO) zusammen mit dem Lunar Crater Observation and Sensing Satellite (LCROSS). Beide entdeckten Wasser auf dem Erdtrabanten. Die Europäische Raumfahrtagentur ESA brachte die beiden Forschungssonden Planck und Herschel in die Erdumlaufbahn – Teleskope zur Erkundung der kosmischen Hintergrundstrahlung und der Entstehung kosmischer Objekte.

Auf der Erde arbeiten die USA mit Hochdruck an ihrem Magellan-Teleskop, das aus sieben 8,4-Meter-Spiegeln besteht, während Europa auf das »European Extreme Large Telescope« zusteuert, in dem sich fast 1000 kleine Spiegel zu einer Sammelfläche von rund 42 Metern vereinigen werden – das ehrgeizigste Projekt der erdgebundenen Astronomie. In der Antarktis geht indessen der »Ice Cube« seiner Vollendung (2011) entgegen, ein Teleskop für den Nachweis von Neutrinos aus dem Universum, das u.a. der Aufklärung von Dunkler Materie dienen soll.

Kein Zweifel: Die Astronomie ist in dem ihr gewidmeten Jahr in rasanter Bewegung. Die Theoretiker stehen dabei nicht zurück. Selten hat es so viele neue Konzepte zur Erklärung des Universums gegeben wie gegenwärtig. Die meisten von ihnen harren allerdings noch der Überprüfung durch Beobachtungen.

Der Vatikan unterhält zwar seit Jahrhunderten mit der Specula Vaticana eine eigene Sternwarte, an der respektable wissenschaftliche Forschungen durchgeführt werden. Doch der Hauptbeitrag des Vatikans zum Internationalen Astronomiejahr sollte in eine andere Richtung weisen: Man war bemüht, den über Jahrhunderte schwelenden Konflikt zwischen der katholischen Kirche und dem Wissenschaftspionier Galileo Galilei auf besonders sinnfällige Weise ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Seit nämlich Galileo 1633 von der Inquisition gezwungen worden war, seiner Überzeugung von der Mittelpunktsstellung der Sonne im Weltall abzuschwören, hatte sich die römisch-katholische Kirche den Ruf der Wissenschaftsfeindlichkeit zugezogen. 350 Jahre nach Galileis Tod erklärte Papst Johannes Paul II. zum ersten Mal, dass die Kirche damals geirrt habe. Ihr Irrtum habe im »Festhalten an der Zentralstellung der Erde« bestanden, »in der Vorstellung, unsere Kenntnis der Strukturen der physischen Welt wäre irgendwie vom Wortsinn der Heiligen Schrift gefordert«. Der Papst sprach von einem »schmerzlichen Missverständnis zwischen Wissenschaft und Glauben«.

Im Jahr der Astronomie sollte nun ein Zeichen der Versöhnung gesetzt werden: In den Vatikanischen Gärten von Castel Gandolfo – so meldete die Presse im März 2008 – werde eine lebensgroße Marmorstatue des einst Gemaßregelten errichtet. Vielleicht wollte man damit verdeutlichen, dass Galilei als Forscher heute von der Kirche ebenso verehrt wird wie seinerzeit von Papst Urban VIII., als dieser noch Kardinal Barberini hieß!

Doch irgendjemand im Vatikan muss kalte Füße bekommen haben – jedenfalls hatte das Jahr der Astronomie kaum begonnen, als der päpstliche Kulturminister Gianfranco Ravasi wissen ließ, man sei von der Idee wieder abgerückt. Dem Sponsor empfahl die Kirche, sein Geld für die Förderung von Wissenschaft und Philosophie in Afrika einzusetzen.

Inzwischen hat der Vatikan die Prozessakten zum Fall Galilei erstmals veröffentlicht. Auch gab es eine wissenschaftliche Konferenz in Florenz, mit der eine Neubewertung Galileis eingeleitet werden sollte. Schließlich würdigte die Kirche in der großen Ausstellung »Astrum 2009« die Entwicklung der Astronomie seit Galileis Tagen. Eine Replika seines ersten Teleskops ist dort zu sehen.

Indes hat der Vatikan noch eine andere Erklärung abgegeben. Sie bezieht sich auf eine These des von der Inquisition im Jahre 1600 zum Scheiterhaufen verurteilten Dominikanermönchs Giordano Bruno. Der hatte erklärt, die Sterne des Himmels seien ferne Sonnen und besäßen ebenfalls Planeten. Dort lebten Wesen, »um nichts schlechter und um nichts weniger« als hier auf der Erde. Für die Kirche eine Ungeheuerlichkeit. Wo blieben die Einmaligkeit von Schöpfung, Offenbarung und Opfertod Jesu Christi? Nun erklärte der Direktor des Vatikan-Observatoriums, Pater José Gabriel Funes: »Wie können wir ausschließen, dass sich auf anderen Planeten Leben entwickelt hat?« Die Aliens als Geschöpfe Gottes – sollte sich hier etwa eine Rehabilitation von Giordano Bruno ankündigen?

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