Die Gesellschaft ändert sich. In der Arbeitswelt werden zunehmend die bekannten Strukturen aufgelöst. Netzwerkartige und nur aufmittelfristige Projekt bezogene Systeme entstehen selbst in solchen tradierten Industriezweigen wie der Autoindustrie. Diese Verflüssigung, wie dieser Prozess von der Publizistin Adrienne Goehler beschrieben wird, erinnert viele Beobachter an die flexiblen Strukturen der künstlerischen Produktion.
Ein Symposium des Kulturforums der Rosa-Luxemburg-Stiftung versuchte am Wochenende, diesen Wandel der Gesellschaft in Richtung Kunst- und Kulturproduktion zu analysieren und gleichzeitig die Auswirkungen auf den Kultursektor in den Blick zu nehmen. Die in den Roten Salon der Volksbühne eingeladenen Experten zeichneten ein durchaus differenziertes Bild.
Der Kulturhistoriker Wolfgang Ruppert verwies darauf, dass Künstler schon länger prekär gelebt hätten. Nur einem geringen Teil der Absolventen von Kunstakademien sei es seit dem 19. Jahrhundert gelungen, sich von ihrer künstlerischen Tätigkeit zu ernähren, sagte er. Herbert Mondry vom Berufsverband Bildender Künstler steuerte aktuelle Zahlen für das überkommene Elendspanorama bei: 50 Prozent aller Bildenden Künstler verdienen nicht mehr als 500 Euro monatlich. Eine Abwärtstendenz für Tänzer und Schauspieler angesichts der zunehmenden Etatkürzungen für Theater konstatierte sogar die Tänzerin und ver.di-Aktivistin Miriam Wolff.
Die Soziologin Alexandra Manske systematisierte mit einer Studie über den Wandel der Kulturproduktion diese aus einzelnen Bereichen stammenden Beobachtungen. Sie stellt zwar eine Zunahme der Beschäftigung im Kultursektor fest. Dieser Zuwachs ist jedoch von einer starken Prekarisierung geprägt. Die Arbeitsverhältnisse sind in der Regel ungesichert. Einzelunternehmer überwiegen. Zwischen ihnen herrscht eine Art Konkurrenz, die nur den Sieger belohnt, den Unterlegenen aber leer ausgehen lässt. Verschärfend komme hinzu, dass die überkommenen sozialen Sicherungssysteme (KSK, ALG) veraltet sind.
Als Waffe gegen die Verschlechterung der Produktionsbedingungen schlug der Publizist Philipp Albers vor, »Komplizenschaften unter Gleichgesinnten« zu gründen. Dadurch sollten die Lasten der Projektarbeit verteilt und sogar in Genüsse verwandelt werden.
Die frühere Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler plädierte hingegen für eine radikale Umsteuerung. Sie forderte das bedingungslose und Existenz sichernde Grundeinkommen für alle. Das würde die Kreativen vom unmittelbaren Verwertungszwang befreien und ihnen bessere Gelegenheit zur schöpferischen Tätigkeit bieten. Manske wies jedoch darauf hin, dass das Grundeinkommen besondere Fähigkeiten zur Gestaltung des eigenen Lebens voraussetze. Für hoch qualifizierte Geringverdiener hielt sie das Grundeinkommen daher sinnvoll. Bei bereits jetzt Marginalisierten befürchtete sie durch die dann mangelnde Notwendigkeit zur Erwerbsarbeit eine noch radikalere Abkopplung.
»Grundeinkommen für künstler« das klingt toll! Hört sich erstmal an wie »nie wieder existenzangst« oder gar »freiheit der kunst«.
Die erste frage, die sich aufwirft: Ist ein schlechtverdienender künstler ein förderungswürdigeres mitglied unserer gesellschaft als eine krankenpflegerin, ein koch oder ein maurer, die von ihrer arbeit oft ebenfalls nicht leben können, weil er als kulturschaffender seiten volltextet, ölfarbe auf leinwände schmiert oder die nachbarschaft mit endlosen etüden erfreut?
Die zweite frage: weshalb klassendenken und »hochqualifizierte« alimentieren? Müßte man konsequenter weise nicht eher die fördern, die keine hohen bildungsabschlüsse haben und deshalb schlechtere chancen haben? In so einem system hätte ein erzähler wie Hamsun trotzdem hungern müssen, so ganz ohne doktorwürden!
In einer gesellschaft, in der sich die »geiz-ist-geil-mentalität« durchgesetzt hat, bedeutet ein grundeinkommen für künstler, daß der kulturbereich noch mehr auf sparflamme gesetzt wird, als er schon ist. Denn wenn die leute geld vom staat bekommen, wird keiner freiwillig die idee haben, daß menschen nicht nur eine existenzsicherung sondern auch eine lebensperspektive brauchen. Die meisten menschen haben kein problem mit geld, denn geld das nicht verdient wurde, kann auch nicht falsch angelegt werden. Es besteht eher das problem, daß auch künstler gelegentlich recht gern etwas essen.
Deshalb schlage ich vor, das geld abzuschaffen. Stattdessen bekommt jeder, was er möchte und tut was er kann. Das problem hierbei wäre, daß dann auffallen würde, daß die »leistungsträger« dieser gesellschaft eigentlich nichts können, außer andere um geld zu betrügen.
Aber vielleicht findet sich ein kunsttherapeut, der ihnen helfen kann.
Immer wieder "erfreulich", wenn Hochbezahlte über die Wege radebrechen, wie arme Künstler aus ihrer Armut herauszuführen wären. Vielleicht sollten die Organisatoren solcher Veranstaltungen mehr "Betroffene" zu Wort kommen lassen.
Doc
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