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Von Caroline M. Buck 17.12.2009 / Kino & Film
Film

Melodram mit Zwischentiteln

Brand Upon the Brain! von Guy Maddin

Autobiografisch mögen sie nicht sein, die Geschehnisse, die der kanadische Autoren- und Experimental-, immer aber Extremfilmer Guy Maddin in »Brand Upon the Brain!« verarbeitet, auch wenn der Regisseur seinen Filmhelden beim eigenen Namen nennt und auch in Interviews gern Hinweise auf seine filmische Selbsttherapie entsprechender Kindheitstraumata ausstreut. Schön schaurig, ungehemmt melodramatisch und gelegentlich bitterböse komisch sind sie aber in jedem Fall, dazu an die Ästhetik des Stummfilms – von Maddin als Kunstform notorisch stark verehrt – zumindest angelehnt und im konkreten Fall in der fertigen Filmfassung von Isabella Rossellini als Erzählerinnenstimme begleitet, die schon auf der Berlinale 2007 live von der Bühne die menschliche Stimme abgab zu allerhand Lärm von ein paar Herren in Kitteln und ziemlich wüstem Tun auf der Leinwand.

Nun mögen Erzähler(innen) im westlichen Stummfilm historisch eher die Ausnahme gewesen sein, aber der Neo-Stummfilm ist ohnehin selten hundertprozentig stilgetreu: So wenn Franka Potente in »Der die Tollkirsche ausgräbt«, ihrer ersten, kurzen Regieprobe von 2006 und damit gleich alt mit Maddins Werk, einen sprechenden Berliner Punk aus der Jetztzeit als höchst unkonventionellen Deus ex Machina zur kreativen Neuordnung unerträglich autoritärer Verhältnisse in die filmästhetische Zeit der Zwischentitel katapultiert. Oder ein philippinischer Ausnahmeregisseur wie der junge Raya Martin seinem ansonsten eindrucksvoll nachempfundenen, weitgehend stummen filmischen Polit-Essay »A Short Film About the Indio Nacional« einen zwanzigminütigen vertonten Prolog voranstellt. Bei Maddin ist alles noch wüster, noch wilder, noch doller, noch mehr Hybrid. Der Film-Vater ein verrückter Wissenschaftler, die Mutter ein jugendwahnbesessener Control Freak, der mit der Tyrannei der Schwäche die heterogene »Familie« unter seiner Fuchtel hält, die große Menge der Geschwister – mit Ausnahme der einen, leiblichen Schwester – eine Ansammlung zu Experimenten missbrauchter Waisenkinder, das Waisenhaus selbst ein farbbröckelnder Leuchtturm auf einer einsamen Insel und die Schauspielerei auf allen Zeitebenen in hohem Maße expressiv – Guy Maddin macht keine halben Sachen.

Warum mit Gefühlen kleckern, scheint das Motto seiner Spielfilme zu sein, wenn man auch klotzen kann, warum den Zuschauer eine Emotion zur Zeit auskosten lassen, wenn man ihn nachhaltig aus der Ruhe bringen kann: mit brüsken Richtungswechseln, mit detektivischem Graben in verborgenen Verletzungen und sonstigen, meist nicht eben positiven Kindheitsreminiszenzen, mit stets mehr oder weniger verirrten sexuellen Gelüsten, ausgesprochenen Horrorszenarien und immer abstruseren Bilderfindungen in körnigem 8-mm-Film (auch das ein Versuch, einer vergangenen Ära ästhetisch zu einer Wiedergeburt zu verhelfen, vorgeführt wird dann aber ganz modern digital ).

Wäre er Maler, Guy Maddin würde vermutlich mit breitem Pinselstrich und extremer Farbpalette arbeiten, würde Dinge auf die Leinwand applizieren und sein eigenes Konterfei (teil)übermalt aus dem Hintergrund durchblitzen lassen. Als Filmemacher ist Maddin ein rückwärtsgewandter Avantgardist, ein postmoderner Freudianer, ein Abarbeiter und Weiterverarbeiter kindlicher Traumata und sexueller Ver(w)irrungen, ein Cinephiler, der doch noch selbst zum Filmemacher wurde, und in dieser Funktion der Lieblingskanadier westlicher Filmfeste, auch wenn er sich diesen Titel von jeher mit dem künstlerisch wohl doch noch etwas ernster zu nehmenden Atom Egoyan teilen musste.

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