18.12.2009

Mit Links überleben

Der Verleger Christoph Links über Anfang, Hürden und Erfolge

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ND: Vor 20 Jahren wurde der LinksVerlag geboren. Wie kamen Sie in einer Zeit, als Zusammenbruch und Neuanfang, Endzeit- und Aufbruchstimmung das Fühlen und Denken von Millionen Menschen bestimmten, auf die Idee, einen Verlag zu gründen?
Links: Schon im Frühjahr 1989 wollte ich einen unabhängigen Sachbuchverlag unter DDR-Rahmenbedingungen als Genossenschaftsverlag gründen. Also habe ich einen Antrag geschrieben und bin ins Kulturministerium eingeladen worden. Da hat mir dann Klaus Höpcke (damals als Kultur-Vizeminister zuständig für Verlage und Buchhandel – die Red.) doppelbödig lächelnd mitgeteilt, dass es ihm sehr leid täte, aber die Druckkapazitäten und die Papierkontingente der DDR leider nicht reichen würden, um neben den 78 Verlagen noch einen 79. zu genehmigen. Wir wussten beide, dass es weder um Papierkontingente noch um Druckkapazitäten geht, sondern darum, dass die DDR-Oberen dieses lizenzierte Verlagssystem nicht aus der Kontrolle lassen wollten.

Sie haben nicht locker gelassen?
An dem Tage, als die Zensur fiel, am 1. Dezember 1989, habe ich einen zweiten Vorstoß unternommen. Zumal mein Versuch, innerhalb des Aufbau-Verlages eine eigene Sachbuchreihe auf die Beine zu stellen, abgelehnt worden war. Der damalige Verleger Elmar Faber sagte, sein Papierkontingent reiche nicht einmal aus, um ordentlich Christa Wolf zu drucken. Er verstehe Aufbau vor allem als einen literarischen Verlag. Ich wusste von einer Reihe von Journalistenkollegen, Historikern, jungen Wissenschaftlern, dass sie Dinge recherchiert und erarbeitet hatten, die sie nicht publizieren konnten, weil sie in den staatlich kontrollierten Verlagen mit ihren Themen keine Chance hatten.

Dann kam kurz vor Weihnachten die Mitteilung aus dem Kulturministerium, dass das Lizenzsystem für Verlage zum Jahresende abgeschafft und ab Januar Gewerbefreiheit auch in diesem Bereich herrschen würde. Somit marschierten wir am 5. Januar 1990 zum Notar und haben unsere GmbH gegründet.

Wie kann man sich eine Verlagsgründung vorstellen? Da sind Ideen, Kapital, Gewerberäume – oder haben Sie eher wie Trümmerfrauen begonnen, die erst einen Berg Schutt abtragen mussten, um anfangen zu können?
Exakt, wir hatten kein Kapital. Wir mussten zur Gründung der GmbH 20 000 DDR-Mark aufbringen. Dazu habe ich meine Honorare als Sachbuchautor zusammengekratzt und ein Freund von mir, der mit mir den Verlag gegründet hat, steuerte die andere Hälfte bei. Da hatten wir die 20 000 Mark, aber damit kann man noch keinen Verlag finanzieren. Verlegen heißt vorlegen, vorfinanzieren.

Kurz vor Weihnachten 1989 haben wir auf einer Pressekonferenz im Klub der Kulturschaffenden unser Projekt vorgestellt und erklärt, dass wir Partner suchen, die mit Darlehen oder als stille Teilhaber einsteigen. Darüber hat die Wochenzeitung »Freitag« in ihrer ersten Januar-Nummer berichtet. Dann haben sich ganz spontan Leute bei uns gemeldet, die das Projekt gut fanden und bereit waren, mit 5000 oder 10 000 Mark einzusteigen.

Damit hatten wir das Geld zusammen, um die ersten Bücher anzugehen. Die eigentliche Verlagsarbeit passierte aber in meiner Wohnung, weil wir natürlich keine Räume hatten. Die staatliche Wohnraumlenkung der DDR hatte auch keine Räume für uns, aber es wurde ein Baustellenlager in der Zehdenicker Straße frei. Im Rahmen der Berlin-Initiative waren die Kreisbaubetriebe zwangsverpflichtet worden, 15 Prozent ihrer Kapazitäten in die Hauptstadt zu schicken, um das Schaufenster zum Westen ein wenig aufzupolieren. Die haben zum Jahresende den Hammer fallen gelassen und sind in ihre Kreise zurück. Und nun stand dieses aufgebrochene, kaputte Baustellenlager rum.

Die Gewerberaumvermittlung bot uns das mit dem Hinweis an, wir müssten die Ruine selbst ausbauen. Es gab keine Heizung, keine Türen, keine Elektrik. Es war ein Baustellenlager. Mit Freunden haben wir Heizungen, Toiletten und alles andere eingebaut. Bis zum Sommer 1990 waren wir soweit, die ersten Räume beziehen und mit der regulären Produktion beginnen zu können

Wie war es um die technische Ausstattung bestellt?
Da hatten wir es als Neugründer leichter als viele etablierte Verlage. Wir sind gleich jeder mit einem Computer gestartet, weil wir Unterstützung von westdeutschen Verlagen bekamen. Als private Neugründung des Ostens waren wir kleine Exoten und für sie keine Konkurrenten. So konnten wir mit gebrauchter Technik loslegen.

Nun hatten Sie einen Verlag und das erste Produkt stand an. Was für eine Gefühl war das?
Das erste Buch mit der Nummer 001 war das »Linksphänomen«. Da geht es um die Linksdrehung in der Natur und wie die Forschung dazu in der DDR behindert wurde. Aber als erstes Buch aus der Druckerei kam eine Lizenzausgabe aus dem Westen über die stalinistischen Schauprozesse von einem ungarischen Autor, das wir vom Campus-Verlag übernommen haben. Damals sind ja alle davon ausgegangen, dass die DDR als eigenständiger Staat noch eine Weile existieren wird. Mit neun Büchern sind wir im Oktober 1990 in Frankfurt am Main auf die Buchmesse gegangen.

Aus dem Verlag LinksDruck wurde der Ch. Links Verlag. Warum dieser Namenswandel?
Die PDS führte damals ihren Wahlkampf unter dem Slogan »Links tut gut«. Da gab es viele Spekulationen, wir seien ein verdeckter PDS-Verlag. Es meldete sich das Finanzamt mit der Vermutung, dass bei uns verschwundene SED-Millionen eingeflossen seien. Und dann hing noch eine Druckerei mit dran, von der wir uns getrennt hatten. Deshalb haben wir nach alter deutscher Verlegertradition 1991 den Namen umgewandelt.

Schwerpunkt der Verlagsarbeit sind bis heute Beiträge zur Geschichte der DDR. Ist inzwischen nicht der Zeitpunkt gekommen, wo dieser Bereich ausgeschöpft ist und man feststellen muss, eigentlich ist alles gesagt?
Die DDR-Thematik war das publizistische Startkapital. Aber nach zwei, drei Jahren war die Neugier im Westen für das hinzugekommene Stück Land dahin. Während wir anfänglich 5000 und mehr Exemplare zur DDR-Geschichte verkaufen konnten, rutschte das in den Bereich von 500 runter, so dass wir eine Wissenschaftsreihe mit kleiner Auflage zur Forschung der DDR-Gesellschaft herausgaben. Die abnehmende Kaufkraft im Osten und das zunehmende Desinteresse im Westen haben uns zu der Erkenntnis gebracht, dass wir mit diesen Themen alleine nicht überleben können. Dann haben wir Bücher zur Geschichte Berlins und Arbeiten zur NS-Zeit hinzugenommen, uns immer mehr aktuellen gesamtdeutschen Themen gewidmet und schließlich unser Angebot auf die internationale Politik ausgeweitet.

Zu den Schlagworten der Neuzeit gehört der Begriff Geschichtsaufarbeitung. Lässt sich Geschichte überhaupt aufarbeiten oder wird sie immer nur neu interpretiert durch die jeweils herrschende Geschichtsmeinung?
Unser Konzept war von Anfang an, uns ergebnisoffen und unvoreingenommen den einzelnen Bereichen der DDR-Gesellschaft zuzuwenden. Weder mit der Absicht, sie zu delegitimieren noch sie zu rechtfertigen, sondern mit einer unabhängigen akribischen Analyse zu schauen, wie die einzelnen Teilbereiche der DDR-Gesellschaft funktionierten. Und das ist mal schlechter und mal besser für die DDR ausgegangen.

Es sind natürlich viele Dinge zutage getreten, die man bisher nicht kannte, weil sie öffentlich nicht behandelt wurden. Ich nenne als Beispiele die Situation der Lesben, die Psychiatrie und ihre Einbindung in die politischen Kontrollsysteme, die Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze, die Steuerungsmechanismen in der Filmindustrie.

Es gab unendlich viele Themen, die nicht öffentlich behandelt wurden. Für uns war immer wichtig, dass Zeitzeugenerinnerungen wie auch Akten in gleicher Weise zu Wort kommen, um Einseitigkeiten oder die Überbewertung nur einer Seite auszuschließen. Damit nicht Legenden der einen wie der anderen Seite entstehen und Verklärungen oder Verdammnisse heraufbeschworen werden.

Wo steht der Verlag heute? Ist er der Kleine unter den Großen oder der Große unter den Kleinen?
Wir sind in 20 Jahren in kleinen Schritten gewachsen. Wir haben mit 3 Personen angefangen, jetzt sind wir 10 Mitarbeiter. Aus 20 Titeln im Jahr sind wir bei über 40 Novitäten und 20 Nachauflagen. Alles aus eigener Kraft. Dem Kleinverlegerstadium mit einem Jahresumsatz von bis zu einer Million Euro sind wir entwachsen und liegen bei knapp 1,5 Millionen Euro im mittelständischen Bereich.

Die 10-Jahres-Broschüre hieß »Über unsere Bücher lässt sich streiten«, nach 20 Jahren lautet der Slogan »Mit Links überleben«. Nach Größenwahn klingt das nicht.
Wir wollen nicht gigantisch groß werden. Wir wollen uns mit unserem spezifischen Profil neben den großen Konzernverlagen behaupten. Stabil im mittleren Verlagssegment, das ist unser Ziel für die nächsten zehn Jahre. Es gibt in dem Rahmen – Kultur- und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts – noch genügend Spielräume. Wir haben neue Editionsformen gefunden, zum Beispiel die historischen Reiseführer oder große Bild-Text-Bände, populäre Texte von Journalisten. Eine Länderreihe wurde begonnen, eine Serie zur Lebenshilfe, mit Themen wie alternative Bestattungsformen oder: Wann schicke ich mein Kind in die Kita? Es bleiben noch genügend Themen.

Demnächst erscheint die fünfte Auflage des Lexikons »Wer war wer in der DDR?«. Warum diese neuerliche Erweiterung?
Die erste Ausgabe erschien 1991. In der DDR gab es nie ein »Who is who«.

Einspruch: »Who is who in CIA« von Julius Mader.
Gut, über den amerikanischen Geheimdienst gab es das, nicht aber über Persönlichkeiten der DDR. Dort zählte die kollektive Weisheit und nicht die individuelle Größe. Biografien waren immer problematisch. Dunkle Punkte oder weiße Flecken bei den Funktionären sollte es nicht geben. Sie wurden stets zu Helden hochstilisiert. Ein Lexikon mit DDR-Persönlichkeiten war eine echte Lücke. Das ist über die Jahre kräftig gewachsen, weil es immer mehr Fakten zur DDR-Geschichte gab. Erst war es die Herrschaftselite, die von besonderem Interesse war, später kamen Künstler, Wissenschaftler, Rektoren, Chefredakteure, Sportler, Kirchenvertreter hinzu. Mit jedem Namen entstand das Interesse, mehr über die DDR zu erfahren.

Jetzt sind wir bei über 4000 Personen angelangt. Bei der Ausgaben, die Anfang des nächsten Jahres erscheint, war es unser Ziel, die jüngsten politischen Entwicklungen wie Bundestags- oder Landtagswahl einzubeziehen. Manche Prominente mussten ihren Stuhl räumen. Wir haben eine Regierung, in der es neben der Kanzlerin keinen aus dem Osten mehr gibt; selbst der Menschenrechtsbeauftragte der CDU wird abgelöst.

Ist der Eindruck richtig, dass die ersten Auflagen etwas Bürgerbewegungs- und MfS-lastig waren?
Die erste Ausgabe gar nicht. Diese Gruppen kamen erst in der 2. und 3. Auflage hinzu. Dort wurde aber auch die Kultur- und Alltagsgeschichte der DDR stärker berücksichtigt.

Gab es auch Versuche zu verhindern, dass ein Name im Lexikon erscheint?
Natürlich. Es gab Versuche von Leuten, die gar nicht genannt werden wollten, und es gab Bemühungen, bestimmte Lebensabschnitte aus den Biografien herauszuhalten. Beispielsweise eine verheimlichte NSDAP-Mitgliedschaft. Einige wollten auch ihre Nähe zur Macht der DDR oder zum Geheimdienst der DDR kleinhalten. Das geht natürlich nicht, denn Personen, die ins öffentliche Leben getreten sind, müssen sich auch einer öffentlichen Erörterung stellen. Das mussten wir vielen Leuten klarmachen, das war mitunter recht kompliziert.

Unser Ansatz war immer, kein Enthüllungsbuch zu verlegen, sondern ein Nachschlagewerk für gesicherte öffentliche Erkenntnisse. Es kamen also keine Spekulationen oder Gerüchte ins Lexikon, sondern nur durch Dokumente gesicherte Fakten. Alle Versuche, das Lexikon zu zensieren, sind juristisch abgewehrt worden.

Nach dem Ende der DDR sind viele Personen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Es gab einen Bruch, Menschen haben sich in ihre private Nische zurückgezogen. Steht im Lexikon auch etwas darüber, wie es mit ihnen weitergegangen ist?
Das war in der Tat eine große Herausforderung. Während es in den 90er Jahren wegen der politischen Atmosphäre schwerer war, die Leute dazu zu bringen, über ihre Entwicklung nach 1990 Auskunft zu geben, so gehen sie heute doch entspannter mit ihrem damaligen Tun um. Es ist schon wichtig zu wissen, ob beispielsweise ein populärer DDR-Künstler heute weiter arbeiten kann oder ob sein Schaffensprozess abgebrochen ist. Biografische Brüche darzustellen ist wichtig. Es gibt aber Fälle, in denen wir die Biografien nicht auf den letzten Stand bringen konnten.

Werden die Arbeiten an diesem Lexikon weitergeführt oder ist nun der Schlusspunkt erreicht?
Es ist mit der fünften Auflage ein umfassendes und weitgehend gültiges Nachschlagewerk zu Geschichte der DDR-Persönlichkeiten entstanden. Nach dieser letzten Druckausgabe ist eine Weiterführung in dieser Form eher unwahrscheinlich. Denn die Tendenz geht eindeutig zum digitalen Lexikon, Deshalb dürfte es eine weitere Printauflage nach dem Stand der Dinge nicht mehr geben.

Gespräch: Peter Kirschey

Der Verleger

Christoph Links, Jahrgang 1954, geboren in Caputh, Verleger und Buchautor. Sein Verlag befindet sich in der Berliner Kulturbrauerei.

Links studierte von 1975 bis 1980 Philosophie und Lateinamerikanistik in Berlin und Leipzig. Von 1980 bis 1986 war er Lateinamerika-Redakteur bei der »Berliner Zeitung«, ab 1986 Assistent der Geschäftsleitung im Aufbau-Verlag und gab mehrere Bücher mit lateinamerikanischer Literatur heraus. 2008 Promotion an der Humboldt Universität Berlin mit einer Untersuchung zur DDR-Verlagslandschaft um 1989/90.

Der Verlag

20 Jahre Ch.Links Verlag – die Fakten

Buchautoren/Herausgeber: 391
Anzahl der Bücher (inkl. aktualisierte Nachauflagen): 565
Gesamtseitenzahl: 152 066
Lieferbare Bücher (Stand: 21. 9. 2009): 290
Umsatz (2008): 1,5 Millionen Euro
Durchschnittsleser: männlich, akademisch, im besten Alter
Druckfehler in 20 Jahren: 3777 (gefühlt)
Veranstaltungen: etwa 2400
Wein für Buchpremieren: 3200 Liter (oder?)
Jährlicher Nudelverbrauch für den Mittagstisch: 145 Kilogramm

Publikationen: »Wir sind das Volk« (1990, mit H. Bahrmann); »DDR: Wer war wer?« (1994, Mitherausgeber); »Chronik der Wende« (1999, mit H. Bahrmann); »Das wunderbare Jahr der Anarchie« (2004, mit S. Nitsche und A. Taffelt); »Am Ziel vorbei: Die deutsche Einheit – eine Zwischenbilanz« (2005, Mitherausgeber); »Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen« (2009); »Zukunft erfinden. Kreative Projekte in Ostdeutschland« (2009, (Herausgeber mit Kristina Volke)

(Klappentext zur Jubiläumsschrift »Mit Links überleben«)