In Niedersachsen liegen Landesregierung und Umweltschützer bekanntlich oft über Kreuz, und dass sich Natur- und Tierfreunde über eine Straßenbaumaßnahme freuen, kommt nur selten vor. Jetzt aber gibt es einen solchen Fall. Das Land errichtet nämlich über der Bundesstraße 27 bei Göttingen eine Grünbrücke für Wildkatzen und Waldtiere. Und die Naturschützer, die solche Korridore schon lange fordern, begrüßen diese Maßnahme auf das Schärfste.
Der Übergang über die viel befahrene B 27, die von Göttingen nach Norden in den Harz führt, soll zwei von der Straße zerschnittene Waldgebiete miteinander verbinden. In der Region leben seit einigen Jahren wieder Wildkatzen. Förster und Ökologen schätzen die Zahl auf bis zu zwanzig Tiere. Weitere Vorkommen gibt es unter anderem im Harz und im Solling. In ganz Deutschland soll es wieder bis zu 5000 Wildkatzen geben, nachdem die Nacht- und Dämmerungsaktiven Tiere zeitweise als nahezu ausgerottet galten.
In dem Straßenabschnitt zwischen den Ortschaften Roringen und Waake, in dem die Grünbrücke im kommenden Jahr gebaut werden soll, wurde nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) jedes Jahr mindestens eine überfahrene Wildkatze gefunden. Die Dunkelziffer liege wahrscheinlich noch viel höher. Wildkatzen, die sich äußerlich nur durch einen buschigen Schwanz und dunkle Ringe im Fell von grau oder braun getigerten Hauskatzen unterscheiden, würden oft gar nicht als solche identifiziert.
Die Brücke werde etwa 50 Meter breit und dicht mit Büschen bepflanzt sein, erläutert Heike Haltermann von der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr das Vorhaben. Trichterförmig aufgestellte Zäune sollen die Wildkatzen auf die Brücke leiten und von ihr wieder weg in den Wald führen. Lärm- und Lichtschutzwände sollen dafür sorgen, dass die Tiere beim Überqueren des Bauwerks nicht verschreckt werden.
Planer wie Naturschützer gehen davon aus, dass in der Folge auch anderes Wild wie Rehe, Hirsche oder Wildschweine die Grünbrücke nutzen werden. Haltermann verweist auf entsprechende Erfahrungen mit einem ersten ähnlichen Übergang an der Autobahn 395, die von Braunschweig über Wolfenbüttel nach Bad Harzburg führt. Dort sei die Zahl der Wildunfälle deutlich zurückgegangen. Für das südliche Niedersachsen, wo sich besonders viele Wildschweine in den Wäldern tummeln und fast täglich Unfälle verursachen sind, hätte die Brücke deshalb neben dem Tierschutz- auch einen wirksamen Unfallvermeidungseffekt.
Der BUND freut sich über das Vorhaben des Landes und verweist auf eine eigene parallele Initiative. Der Verband legt derzeit in Niedersachsen erste Korridore an, die durch Straßen oder Bahntrassen isolierte Inseln für Wildkatzen miteinander vernetzen sollen. Durch diese »grünen Korridore« erhoffen sich die Umweltschützer ein Zusammenwachsen der bislang weitgehend getrennten Populationen.
Der BUND-Bundesvorsitzende Hubert Weiger dringt gar auf eine Vernetzung der Wälder in ganz Deutschland. Bedrohte Tierarten wie die Wildkatzen hätten nur dann eine Überlebenschance, wenn ihre Lebensräume verknüpft würden. Der Volkswagen-Konzern fördert das Artenschutzprojekt des BUND mit 20 000 Euro, mit dem Geld werden Hecken und Randstreifen an Gewässern gepflanzt.
Die Straßenbaubehörde beziffert die Baukosten für den bepflanzten Übergang bei Göttingen mit rund 2,5 Millionen Euro. Das Geld stammt aus dem Konjunkturpaket II. Die Grünbrücke gilt auch als Pilotprojekt für weitere geplante Bauwerke über die Nord-Süd-Autobahn A 7.
Nach Lektüre des Artikels wird sich der geneigte Leser schon gefragt haben, wieso das Land Niedersachsen für einen doch eher unbedeutenden Straßenabschnitt nun plötzlich sein ökologisches Gewissen entdeckt und für die Wildkatze, eine Tierart, die sich eigentlich nicht durch Zäunungen und Brücken in ihren täglichen Steifzügen lenken lässt, nun so tief in die Schuldenkiste greift, anstatt ein solches Projekt an deutlich bedeutsameren Wildunfallschwerpunkten in Niedersachsen zu errichten. Die Lösung ist recht einfach. Unmittelbar angrenzend plant das Land Niedersachsen sein fast 30 Jahren eine Ortsumfahrung um die Ortschaft Waake. Dieses Verfahren wird von zwei Umweltverbänden, unterstützt von einer örtlichen Bürgerinitiative, vor dem Bundesverwaltungsgericht beklagt. Und dieselbe Straßenbaubehörde, die seit Jahren im Zusammenhang mit der Straßenbauplanung gebetsmühlenartig behauptet, im Raum Waake existiert kein Wildkatzenvorkommen, plant nun eine Wildbrücke für die Wildkatze. Da liegt der Verdacht nahe, dass man sich durch das an dieser Stelle eher fragwürdige Projekt Wildbrücke erhofft, seine Position vor dem Bundesverwaltungsgericht zu verbessern.
(Zur Position des BUND in dieser Sache siehe zweiten Kommentar)
Oliver Trisl
Welche Rolle spielt denn eigentlich der BUND Niedersachsen in dieser Sache? Auch hier ist einiges anzumerken. Er ist nämlich einer der klagenden Verbände gegen die Ortsumfahrung Waake. Gewesen müsste man eigentlich sagen, denn seit Anfang dieses Jahres ist dem BUND die Ortsumfahrung plötzlich nicht mehr so wichtig. Man führt lieber direkte Gespräche mit dem Klagegegner Straßenbaubehörde hinter dem Rücken des betreuenden Anwalts und ohne den zweiten beteiligten Naturschutzverband darüber zu unterrichten. Aber damit nicht genug. Dieser BUND erarbeitete für die Straßenbauverwaltung sogar unterschriftsreife Verträge aus, die den Beteiligten über Monate suggerierten, dass die Straßenbaubehörde gegen Klagerücknahme bereit sein, in Waake eine Grünbrücke zu errichten. Nur das es in dieser Sache von Seiten der Straßenbaubehörde nie ein "entweder/oder" gab, sie wollte auch ohne die Klagerücknahme eine Wildbrücke errichten. Der BUND Niedersachsen hat in dieser Sache für uns seine "grüne Seele" verkauft. Er ist in Niedersachsen nicht anderes mehr als ein Erfüllungsgehilfe der Straßenbaubehörde, der seine einstigen Mitstreiter ganz einfach verraten hat.
Oliver Trisl
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Diesmal aber mit Plan Der Nordosten und die inklusive Bildungspolitik
Preis: 4,00 €
Preis: 9,90 €
Werbung:
Werbung: