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Von Friedrich Schorlemmer 28.12.2009 / Inland
20 Jahre nach '89

Das Erinnerungsjahr 2009

Einschwärzende Sichtweisen – Verschwiegene Spitzeleien – Verweigerte Befehle

I

Das mit viel Aufwand fast überall begangene Erinnerungsjahr 2009 hat eine insgesamt gespaltene deutsche Gesellschaft zurückgelassen. Ihr Deutungskampf hat sich nicht entspannt, sondern noch weiter verschärft. Diametral gehen die Meinungen darüber auseinander, was letztlich diesen politischen Umbruch bewirkt hat, ja was dies nun eigentlich gewesen sei: nur ein Zusammenrutschen, eine Wende, eine friedliche Revolution, eine nationale Einheitsbewegung oder Folge eines wirtschaftlichen Desasters. Geradezu zu einem emotional aufgeladenem Glaubenskrieg hat sich die Frage ausgewachsen, ob die DDR mit dem Wort Unrechts-Staat zu kennzeichnen ist.

Und zugleich kann man erfreut feststellen, wie Differenzierung durch genaue Recherche erreicht werden kann. Man denke an die Chronik des Mauerfalls von Hans Hermann Hertle wie andere Veröffentlichungen, die vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam unter Prof. Martin Sabrow ausgegangen sind.

Historische Recherche konnte sogar bei einigen Fernsehsendungen, wie der ARD-Sendung »Schabowskis Zettel« oder in »Ende des Politbüros« massenwirksam Vorgänge differenzieren und verständlich machen, ohne gleich zu bewerten. Andererseits fand vielfach eine Fortsetzung des kalten Krieges mit den Mitteln emotionaler Aufheizung statt. Wenn etwa der Forschungsverband der SED-Diktatur unter Klaus Schröder etwas veröffentlicht, kann man schon vorher wissen, was er rausbekommen würde. Die DDR als einziger Schrecken wird dem wenig informierten Fernsehzuschauer demonstriert, wenn er in dem Zweiteiler »Die Frau vom Checkpoint Charlie« meint, nun alles Wichtige über die schreckenerregende DDR zu wissen.

Es bleibt letztlich ein Rätsel, warum ein so ausgewiesener Historiker wie Ulrich Wehler eine Gesamtbewertung vornimmt, die darauf hinausläuft, dass von der DDR nichts, aber auch gar nichts bleiben werde und könne, das weiteren Nachbedenkens wert wäre. Die Chimäre eines Dritten Weges wäre 1989/90 herumgegeistert, eine Konsens- und Versöhnungsideologie hätte geherrscht. Die »umgetaufte kommunistische Einheitspartei« hätte eine erneuerte DDR hinüberretten wollen, dieses »von Stalin und seinen Nachfolgern 40 Jahre lang betriebene Experiment einer bolschewistischen Satrapie auf deutschem Boden«. Deren Sozialpolitik sei ein »scheiternder Legitimationsspender« mit »pathologischem Lernen« gewesen. Und ein Fünftel der Bürger würden sich »in den Verband lernunfähiger Steinzeitmarxisten und Regionalgeschädigten« zurückziehen. Die SED habe »im Banne hoher Ziele einen größeren Autonomieverlust herbeigeführt, als er sich unter dem NS-Regime eingestellt hat«.

II

Was nun aber in den letzten Wochen in Potsdam nach der Konstituierung der rot-roten Regierung geschehen ist, hat diesem politischen Versuch schwersten Schaden zugefügt. Vor allem im unbeteiligten Westen hat dies dazu geführt, dass die Linke in toto nochmals in schweren Misskredit gekommen ist. Die ganze Vergangenheitsdebatte ist wieder zurückgeworfen – durch ein kaum begreifliches beharrliches Schweigen einiger Landtagsabgeordneter der Linken über ihre frühere Spitzeltätigkeit.

Die Forderung nach vollständiger Veröffentlichung von deren Spitzelberichten weckt zudem ein verbreitetes Bedürfnis, Menschen am Pranger zu sehen. Es mag eine Binsenweisheit sein, dass Biographien selten geradlinig verlaufen und Diktaturen vielfach beschädigte Menschen zurücklassen. Wenn frühe geistige und politische Prägungen zu zweifel-loser Treue, zu einem grenzenlosen Vertrauen oder einem unbedingten Gehorsam gegenüber der »Partei der Arbeiterklasse als Trägerin des Fortschritts der Menschheit« konditionieren mögen und dabei das natürliche Gefühl dafür verkümmern lassen, dass es einfach menschlich unanständig ist, insgeheim Kollegen zu bespitzeln.

Czeslaw Milosz diagnostizierte »verführtes Denken.« Doch von Leuten, die wiederum politisch tätig werden wollen, muss wenigstens im Nachhinein Mut zur Offenheit erwartet werden können. Selbst wenn man in Rechnung stellen mag, dass diese Spitzel rückblickend Scham empfinden, von Angst vor sozialem und menschlichem Absturz getrieben sind und keine ausreichende Kraft aufbringen, ihre Spitzelei öffentlich zu bekennen, so ist es doch unerlässlich, dass sie ihre Selbstzweifel mit verspäteter Selbstklärung offenlegen, um im Heute glaubwürdiger zeigen zu können, wofür sie in der Demokratie einstehen. Geflissentliches Verschweigen trägt bittere Früchte. Für alle.

Es ist der lange Arm dieser SED-Stasi-Krake, die da noch nachwirkt. Die tschekistische Partei brauchte von Beginn an diese Krake, die sich Schild und Schwert der Partei nannte, weil sie sowohl ihrer Sache wie auch ihrer Leute nie sicher war.

Dieses System der leninschen Kaderpolitik war tief phobisch. Unter dem Diktum der Parteilichkeit der Wahrheit und unter der Parole der Wachsamkeit gegenüber dem Feind konnte sich die Partei mit ihren besonders klassenbewussten Tschekisten selbst an die Stelle des guten Gewissens setzen, indem sie gutes Gewissen zum Spitzeln machte – im Namen jener höheren Werte: des Friedens, des Schutzes unserer Errungenschaften, der Abwehr alles Feindlich-Negativen etc. Dabei bediente sie sich in der Regel nicht skrupellos dickhäutiger und dummer Leute, sondern gerade solcher, von denen man es »am wenigsten erwartet hätte«. Alle waren sie wohl davon ausgegangen, dass die DDR »mit Sicherheit« bestehen bleiben würde und ihr dunkles Tun nie herauskäme.

Alle, die da weiterhin schweigen und verschweigen, fügen der demokratischen Linken schweren Schaden zu. Und sie tragen dazu bei, das Gesamtbild der DDR weiter zu verdüstern.

III

Es brauchte zwanzig Jahre ehe man öffentlich machte, dass der friedliche Umbruch, der im Ganzen zivilisierte Züge trug, auch den Befehlsgebern zu verdanken ist. Sie haben unverzichtbaren Anteil am friedlichen Verlauf, auch wenn man sich dafür nicht ausdrücklich bedanken muss, so kann man es doch auch würdigen.

Der Erfolg dieses Herbstes war auch einer doppelten Befehlsverweigerung geschuldet. Einerseits konnte die SED sich mit all ihren Machtorganen ihrer eigenen Leute nicht mehr sicher sein, auch nicht ihrer in Leipzig in Stellung gebrachten Kampfgruppen. Die Volksarmee war nicht dahingehend vereidigt und auch nicht dahingehend konditioniert, gegen das eigene Volk mit Waffengewalt anzugehen.

Und es gab die andere Befehlsverweigerung: dass nämlich von denen, die zu befehligen hatten, kein Befehl ausging und die Untergebenen einfach nach ihrem Wissen und Gewissen handeln mussten und handeln konnten. Ich denke an die Entscheidung von Wolfgang Berghofer und Hans Modrow in Dresden, den Dialog mit der Gruppe der Zwanzig aufzunehmen und scharfgemachte Hunde wegzunehmen. Ich denke an den von oben nicht erteilten Befehl, als in Leipzig siebzigtausend Menschen demonstrierten und es zum entscheidenden Tag kommen sollte, jedenfalls was seine Wirkungsgeschichte anlangt.

Wir waren nahe am Bürgerkrieg. Wenn man sich vergegenwärtigt, was etwa in Halle noch am 9. Oktober drohte und welche Übergriffe es um den 7. Oktober in Berlin gegeben hatte.

Am geschichtsträchtigen 9. November dann hatte der verantwortliche Grenzoffizier an der Bornholmer Straße, Harald Jäger, keine Weisung mehr bekommen und entschied mit jenem welthistorisch bedeutsamen Satz, der seine Kapitulation ausdrückte und Menschen in die Freiheit entließ: »Wir fluten jetzt!«.

Der Oberbefehlshaber General Snetkow in Wünsdorf bekam keine Weisung aus Moskau. Dort schlief man nach den Feierlichkeiten der November-Revolution. Der sowjetische Botschafter hatte sich auch schlafen gelegt und sein Stellvertreter Maxymitschew wartete fassungslos am Telefon.

Zuvor hatte schon Egon Krenz, von dem man dies am allerwenigsten erwartet hatte, für den 4. November ausdrücklich jede Anwendung von Schusswaffen verboten. Und dies galt nach seinem Bekunden auch noch am 9. November, wofür ja spricht, dass die Menge der Grenzsoldaten dann zwar »in Kette« vor dem Brandenburger Tor standen, aber kein einziger eine Schusswaffe in den Händen hielt.

Aus welchen Gründen auch immer die Verantwortlichen keinen Bürgerkrieg riskierten: Wir verdanken ihnen einen friedlichen Verlauf der Ablösung einer Partei mit einem in der Verfassung festgeschriebenen Führungsanspruch.

Historiker betätigen sich häufig als Propheten nach rückwärts, die geradezu teleologisch eine historische Zwangsläufigkeit der Ereignisse postulieren und alle, die seinerzeit anders dachten, für naiv halten. Wäre die Geschichte anders ausgegangen, lässt sich unschwer ausmalen, wie sie darin auch eine Zwangsläufigkeit gesehen hätten.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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