Offensichtlich sollte mit der Leichenverlegung verhindert werden, dass die Opposition die Beerdigung zu einer neuen Protestkundgebung nutzt, nachdem am Sonntag bereits Proteste von Hunderttausenden in Teheran und anderen Städten Iran erschüttert hatten.
Mir Hussein Mussawi schrieb auf seiner Website, sein Neffe sei durch einen Schuss der Polizei in den Rücken gestorben. Nachdem die Polizei Berichte über Tote zunächst als Propaganda ausländischer Medien abgetan hatte, haben vom Staat kontrollierte Medien mittlerweile zugegeben, dass es Tote gab. Die Angaben über deren Zahl schwankten in den Staatsmedien zwischen 8 und 15. Die Polizei behauptet nun, nicht selbst geschossen zu haben, es hätten wohl Demonstranten auf andere Demonstranten gefeuert.
Trotz der Schüsse und des geraubten Leichnams schreckt das Regime noch immer davor zurück, alle seine Repressionsinstrumente einzusetzen. Bisher ist keiner der derzeit führenden Köpfe der Opposition verhaftet worden. Stattdessen nimmt man bekannte, aber im Moment weniger wichtige Oppositionelle fest, so am Montag den Führer der Freiheitsbewegung Irans, Ebrahim Yazdi. Der 78-Jährige war der erste Außenminister Irans nach der islamischen Revolution 1979, er trat jedoch im selben Jahr aus Protest gegen die Geiselnahme des Personals der USA-Botschaft in Teheran zurück. Die von ihm geführte Freiheitsbewegung setzt sich für Menschenrechte und Demokratie ein. Weil ihre Gründer Treue zu Revolutionsführer Khomeini bewiesen haben, wird die Bewegung mehr oder weniger geduldet, ihre Kandidaten werden vor Wahlen jedoch regelmäßig von der Kandidatur ausgeschlossen. Festgenommen wurde auch Ebrahim Yazdis Neffe, Lily Tavasoli, und Mussawi Täbrisi, ein angesehener Geistlicher aus Ghom und Vertrauter von Hussein Mussawi.
Es sieht nicht so aus, als würde Iran bald wieder zur Ruhe kommen. Die Entführung des Leichnams von Sayed Ali Mussawi dürfte die Opposition noch mehr ergrimmen und auch außerhalb ihrer Reihen wenig Verständnis finden. Nachdem die Zusammenstöße in Teheran einen guten Teil der Nacht angedauert hatten, flackerten sie am Morgen in der Nähe des Krankenhauses, in dem Sayed Ali Mussawi aufgebahrt war, wieder auf. Während am Sonntag das Augenmerk vor allem auf Teheran konzentriert war, stellt sich nun mehr und mehr heraus, dass es zu ähnlich heftigen Protesten auch in vielen anderen iranischen Städten gekommen ist. In Täbris in der Provinz Aserbaidshan, aus der Mir Hussein Mussawi stammt, soll es am Sonntag ebenfalls vier Tote gegeben haben. Ein großer Teil der Informationen aus Iran stammt von Websites, die der Opposition nahestehen. Nach allen Erfahrungen der vergangenen Monate sind sie zwar nicht unparteiisch, aber zuverlässiger als die offiziellen Medien Irans.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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