Auch das ist Hartz IV: Immer mehr Menschen sind auf die kostenlosen Lebensmittel der Tafel angewiesen.
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Die politisch Verantwortlichen für Hartz IV wurden in den vergangenen Jahren nicht müde zu betonen, dass die Reformen »wirken«. Ins selbe Horn bläst auch die kürzlich vorgelegte Hartz-IV-Bilanz des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), einer Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Grundsätzlich gehe die Reform in die richtige Richtung, so das IAB. Als Beweis muss die sinkende Zahl der arbeitsfähigen Hartz-IV-Betroffenen herhalten: Diese sei von 5,4 Millionen in 2006 auf 4,9 Millionen in 2009, also um rund 500 000, gesunken. Dieses Rechenbeispiel steht aber auf schwachen Füßen. Schließlich lag die Zahl der Hilfebedürftigen 2005, dem Jahr der Hartz-IV-Einführung, bei 5,15 Millionen – also beinahe auf dem heutigen Niveau.
Viele der Abgänge waren zudem keinesfalls einer erfolgreichen Arbeitsvermittlung zu verdanken. So fielen etwa Langzeitarbeitslose aus der Statistik, weil sie mit massiven Abschlägen vorfristig in Rente gingen oder der Partner sie mitversorgen musste. Denn Personen, die persönliche oder verwandtschaftliche Beziehungen zueinander haben und die in einem gemeinsamen Haushalt leben, müssen sich gegenseitig unterstützen. Dieses System nennt sich Bedarfsgemeinschaft und soll vor allem eines: Kosten drücken.
Die generelle Krux dieser Bilanz der Arbeitsagentur aber besteht in dem Unvermögen, empirisch nachzuweisen, dass ein Rückgang der Arbeitslosigkeit auf die »Reformen« zurückzuführen ist und nicht auf den konjunkturellen Aufschwung. An anderer Stelle wird das IAB aber konkret: Eine »Aktivierung« könne nur dann erfolgreich sein, »wenn auf der Arbeitsnachfrageseite auch genügend adäquate Jobs für erwerbsfähige Hilfebedürftige verfügbar sind«, Anders ausgedrückt: Wenn nicht genügend freie Stellen vorhanden sind, nützt auch Hartz IV nichts. Eine Studie an der Universität Oldenburg mit dem Titel »Was haben die Hartz-Reformen bewirkt?« kommt dann auch zu dem Schluss, »dass der Beschäftigungsaufschwung 2006 bis Ende 2008 auch ohne die Hartz-Reformen zumindest in ähnlicher Art und Weise zustande gekommen wäre«. Die Wirkung der Arbeitsmarktreformen, also das Kernversprechen, durch Hartz die Arbeitslosenzahlen zu reduzieren, ist so weder durch einen stabilen Trend noch durch Kausalitätsnachweise erhärtet.
Und die IAB-Bilanz blendet in geradezu schönfärberischer Art und Weise die massiven gesamtgesellschaftlichen Probleme aus, die mit Hartz I bis IV verbunden sind. So ist zum Beispiel das Bundesverfassungsgericht keineswegs der Meinung, dass man hier in die »richtige Richtung« gehe. Sondern es erklärte 2007 eine zentrale Säule der Reform – die Zusammenlegung von Arbeits- und Sozialämtern – für verfassungswidrig. Bis Ende 2010 muss die Politik dieses Problem lösen. Derzeit ist ein weiteres Verfahren in Karlsruhe anhängig, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder ebenfalls nicht verfassungskonform zustande gekommen sind.
Schwammig formulierte Bestimmungen und die rigide Sanktionspraxis der Ämter hatten Hunderttausende Verfahren vor den Sozialgerichten zur Folge. In einer großen Zahl der Fälle korrigierten die Richter die Entscheidungen der Arbeitsagenturen.
Hartz IV aber ist nicht nur eine Maßnahme, die lediglich die Langzeitarbeitslosen betrifft. Hartz IV markiert eine Zäsur in der Sozialpolitik der Bundesrepublik. So hat Hartz IV auch die Beziehungen und Kräfteverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern nachhaltig verändert. Hartz IV ist eine Erziehungsmaschine, die den Menschen dazu bringen soll, sich vor allem in »marktwirtschaftlichen Zusammenhängen« zu definieren, wie es der Sozialwissenschaftler Markus Promberger in seinem »Versuch einer Bilanz« sieht. Die Arbeitsagenturen kontrollieren und sanktionieren nicht nur das Tun, sondern auch die Haltung der Langzeitarbeitslosen, so das Fazit einer Studie von Olaf Behrend über »Aktivieren als Form sozialer Kontrolle«. Hartz IV mit seinen Sanktionen bis hin zum Entzug sämtlicher Leistungen wirkt so als gesellschaftliches Disziplinierungsmittel und gilt mittlerweile als Synonym für sozialen Abstieg. Im Zuge der Durchsetzung des Gesetzes wuchs in Deutschland der Niedriglohnsektor und die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist geprägt durch die Zunahme sogenannter atypischer Beschäftigungsformen wie Zeit- oder Leiharbeit. Dazu gehört auch die Zahl von 1,3 Millionen »working poor«, also Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit auf Hartz IV angewiesen sind, weil die Löhne nicht zum Leben reichen.
Eine Bilanz von Hartz IV wäre unvollständig, ohne auf die politischen Verwerfungen im Gefolge dieser Sozialpolitik hinzuweisen. Sie brachte nicht nur mehrere hunderttausend Bürger auf die Straße, sondern veränderte auch die politische Landschaft. Aus den Protesten gegen das Gesetz entstand mit der LINKEN eine neue Partei, während die bei Hartz IV federführende SPD bei der vergangenen Bundestagswahl eine katastrophale Niederlage erlitt. Fünf Jahre Hartz IV sind das sichtbarste Symptom für den tief greifenden gesellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik, der auf neoliberalen Grundsätzen wie Glaube an den Markt und Deregulierung basiert. Das Subjekt wird zum bloßen Anbieter der Ware Arbeitskraft degradiert. Den Marktideologen gilt der Arbeitsmarkt als Schüssel für das Problem der Arbeitslosigkeit. Deshalb starteten sie das Großexperiment Hartz IV.
Ob sich nun angesichts der Finanzkrise eine dauerhafte Neubewertung von Markt und Politik und in dessen Folge auch von Hartz IV einstellen wird, bleibt abzuwarten. Das Verfassungsgericht will jedenfalls Anfang 2010 entscheiden, ob die Regelsätze zumindest für Kinder angehoben werden müssen, was einer der Forderungen des Kinderschutzbundes und anderer Wohlfahrtsverbände entspräche.
wer glaubt schon den offiziellen zahlen, der weis wie da geschönt wird. das ziel von gasgerd und anderen handpuppen des kapitals ist gelungen: handzahme lohnabhängige, welche nicht mehr wagen ihre einst erkämpften rechte einzufordern. gleichzeitig einhergehend mit der totalen demütigung der von dieser gesetzgebung betroffenen. das freie spiel der kräfte wird immer den wehrlosen vergewaltigen, harz 4 ist ein beredtes beispiel dafür.
die allmacht einer undurchschaubaren bürokratie sowie die gleichzeitige ungezügeltheit des freien kapitals einerseits wird letztendlich andererseits zum sozialen sprengstoff. doch hierfür haben sowohl "mutti" und die regierungen davor schon die überwachung + einschüchterung des bürgers und zurückdrängung seiner bürgerrechte per gesetz geregelt. änderungen sind in diesem denkmodell nicht vorgesehen und könnten nur außerparlarmentarisch durchgesetzt werden. die bürger der ddr haben bewiesen, das das geht.
ich fürchte nur, dass erst das blut der sklaventreiber knietief in den strassen stehen muß bevor eine änderung in sicht kommt. aber eher glaube ich, dass das blut der entrechteten fließen wird und sich nichts ändert. auf demokratische hilfe kann jedenfalls kein h4-betroffener hoffen.
finde ich, ansonsten ist nur noch dem verfasser des artikels ein lob auszusprechen .jeder weitere kommentar eruebrigt sich,hartz4 spricht fuer die degeneration der gesellschaft in der brd.
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