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Foto von Helfried Strauß aus der Serie »Die Fähre« (1979-1981)
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Der publizistische Rummel um die alte und neue Leipziger Schule der Tafelmalerei wird langsam ausgeläutet, da verkündet eine Ausstellung in Erfurt »Die andere Leipziger Schule«. Der Untertitel dieser Auswahl von Arbeiten der Lehrer und Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst lautet deutlich und verschwommen zugleich: »Fotografie in der DDR«.
Die drei ungewissen Großbuchstaben deuten auf spezifische Voraussetzungen der Entstehung. Zum Beispiel die Vorherrschaft der Schwarz-Weiß-Fotografie, die nur zum Teil auf ästhetischem Ausdruckswillen gründete, oftmals den mangelnden Kapazitäten für farbiges Arbeiten geschuldet war. Der dokumentarische Stil wiederum hat damit zu tun, dass für bedeutungsträchtige Bilder mitunter schon eine Straßenbahnfahrt durch den Heimatort genügte – wo immer noch ein Nachkriegszustand zu herrschen schien, der in den achtziger Jahren in ungewisses, lähmendes Warten mündete.
Für Erasmus Schröter wurde dies zum bestimmenden Motiv. Mit unbemerkbarem Infrarotblitz und verborgener Kamera pirschte er zwischen Wartenden durch die nächtliche Stadt. Die Haltestelle vorm Hauptbahnhof wurde ihm zur Bühne für zufällige Inszenierungen »als Grenzgänger zwischen Traum und Wirklichkeit«.
Über Jahrzehnte bleiben sich die äußeren Zustände annähernd gleich, von Arno Fischers Menschen auf den Berliner Kriegsbrachen von 1956/57 über Peter Langners Serie »Kirchhofstraße 9« zwanzig Jahre danach, wo die Würde der Gewohnheit im Verfall nistet, bis hin zu den edlen Platindrucken auf Hadernkarton von Rudolf Schäfer aus den Achtzigern. Technische Ausführung und Bildwahl zielen bei ihm auf Dauer. Der Ruinenschlaf des klassizistischen Berlin, teilnahmslose Reihung der Mietskasernen sowie die Porträts von für die Bestattung arrangierten Verstorbenen, deren erloschene Persönlichkeit im Titel lapidar nur durch Geburts- und Sterbedaten vertreten wird, sind »nature morte« im großen Maßstab. Ohne die Verwahrlosung damit gutzuheißen: In der DDR traten Schicksalszüge Deutschlands deutlicher zutage als im Westen, wo sie nach dem Krieg durch Wachstumsbeschleunigung verdeckt wurden.
Gut bezahlte gewerbliche Dienstleistungen verschafften einigen Fotografen die Lebensbasis, so dass sie sich leisten konnten, auch mal »für die Kiste« zu arbeiten, wie Evelyn Richter diese Tätigkeit im eigenen Auftrag beschreibt. Es gab auch keine Veranlassung, durch spektakuläre Aussagen die Aufmerksamkeit eines Publikums zu erringen, das noch nicht überreizt war mit grellen Effekten.
Es gibt die anspruchsvollen Bildberichter und Anfertiger von Lichtbild-Anekdoten, die den Zusammenschluss zur Selbstvermarktung in gewerblich ausgerichteten Agenturen wie »OSTKREUZ« und »PUNCTUM« erstrebten – und andererseits wirken kompromisslose Fotografiker wie Klaus Elle, der in seinem Projekt »Meine Sprache der Fotografie« die Grundfrage nach Inhalt und Vermögen des Mediums mit dessen eigensten Mitteln aufwirft.
Der Gruppe »EIDOS«, zu der sich so verschiedene Fotografen wie Tina Bara, Florian Merkel, Michael Scheffer, Maria Sewcz, Kurt Buchwald vereinten, war nur eine kurze aktive Zeit beschieden. Wer nicht mit den Wirbeln des Marktes steuerte, ist bald gestrandet.
Schon seit 1893 bestand in Leipzig eine Fachschulausbildung für Fotografie. Aber erst Anfang der achtziger Jahre wurden mit Evelyn Richter und Arno Fischer ambitionierte Lehrkräfte für die künstlerische Fotografie in Leipzig beschäftigt. Die Serie »Die Fähre« (1979-81) von Helfried Strauß, seit 1978 Dozent in Leipzig, über die von Frauenhand betriebene Kahnfähre in Kaditzsch an der Mulde nahm den Aufruf, den Lebensalltag der arbeitenden Bevölkerung zu schildern, auf eigenwillige Art ernst. Erst 1990 konnten die Fotos in Buchform erscheinen. Strauß geht durch die sozial-engagierte Milieu-Fotografie hindurch und über sie hinaus bis zu einer Daseins-Verherrlichung, der in ihrer letzten Konsequenz nichts Unaufrichtiges, Sentimentales oder doppeldeutig Zynisches mehr anhaftet.
Sein Werk ist gleichermaßen durchdacht wie erschaut. Wie dabei das Einfache kunstvoll erzeugt wird, ohne dass Manipulation oder Voyeurismus ins Spiel kommen, erinnert an die kompliziert-einfache Großartigkeit von Knut Hamsuns Roman »Segen der Erde« oder Friedrich Wilhelm Murnaus späten Südsee-Stummfilm »Tabu«.
In seinem Katalogtext »Vinetas Archiv. Aus persönlichen Beständen« bemerkt Uwe Kolbe: »Was hier vorliegt, sind Bilder, die auftauchen, als wären sie neu. Sie sind nicht ›aufgearbeitet‹. Wir nehmen sie so, wie sie in Kisten und Kasten aufbewahrt wurden. Immer wieder einmal hat ein Licht, hat ein Moment davon produktive Kraft entfaltet. Nun geht der Blitz erneut darüber hin, ein anderer Fokus stellt sich ein, neue Details gewinnen Gewicht.«
Die »Protokollstrecken« von Peter Oehlmann und Jens Rötzsch zeigen angestrengte, abgespannte Teilnehmer an Militärparaden, Turn- und Sportfesten und Massenkundgebungen. Das knallbunte Dekor der offiziellen Ereignisse und die ingrimmige Behauptung dieses eingefälschten Glückes entlarven sich in den Farbfotos selbst. Aber diese achtziger Jahre reichten in die neunziger hinein, wie das 19. in das 20. Jahrhundert. Gerhard Gäbler zeigt zu einer »CDU-Kundgebung, Karl-Marx-Platz, Leipzig 14. März 1990« gequälte Menschen, die mit skeptischer Hoffnung aus ihrer geduckten Haltung aufblicken. Die schweinslederne Aktentasche wird wie ein Schutzschild vorgehalten. Ein anderer hält die neue Trikolore als papiernes Winkelement in den lose unter dem Bauch verschränkten Handwerkerhänden.
Ute Mahler begleitete Ibrahim Böhme während des letzten DDR-Wahlkampfes. Die Verwandlung eines koketten Naturburschen in einen abgeschliffen Politiker hin zu einem Erledigten ereignete sich in nur fünf Wochen. Ein späteres Bild zeigt den Kranken – bärtig, auf sich selbst zurückgezogen. Von den Spiegelungen des Betriebes nicht länger heimgesucht, wirkt die liegende Gestalt monumental und würdevoll.
Ein schönes eigenwertiges Katalogbuch ist im Kerber-Verlag erschienen (39,95 Euro). Besonders erhellend ist der Beitrag »Höfgen tags – Leipzig nachts« über die verschiedenen und doch verwandten Positionen von Helfried Strauß und seinem einstigen Studenten Erasmus Schröter.
Die andere Leipziger Schule – Fotografie in der DDR. Bis 31.1.2010, Kunsthalle Erfurt, Di-So 11-18, Do 11-22 Uhr.
www.kunsthalle-erfurt.de
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