Foto: Angelika Katzer
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Sein Kopf ist auffallend groß. Die hohe Stirn fällt ins Auge. Als wäre er Physiker oder Mathematiker. Gar nicht so falsch.
Den Mann kann man nur unterschätzen, hat der Jazzmusiker »Luten« Petrowski einmal über ihn gesagt und zielte auf Musik und Naturwissenschaften. Instrumentelles Denken in Tönen auf der Zeitachse im Raum ist allemal Komposition für Georg Katzer. Obendrein verdammtester Ernst, hochgradige Kopfarbeit. Georg Katzer, nicht wegzudenkende Produktivkraft in der Szene neuer Musik, weiß davon ein Lied zu singen. Er, der sich im Lauf der Jahrzehnte einen Namen nicht nur im deutschen Betrieb erschrieben hat, feiert am Sonntag seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag.
Wie merkwürdig. Das Alter sieht man dem Komponisten, er war letzter Schüler Hanns Eislers, nicht an. Körperlich agil (täglich fährt er Rad) und geistig mobil ist er wie in den Tagen vor zwanzig Jahren, als sein Hörstück »Mein 1989« entstand. Er nahm damals die Mauerspechte auf. Jene Spezies, die mit Hammer und Meißel Brocken aus der Berliner Mauer stemmte, um Teile davon entweder aufzuheben oder dem Bagger zu überantworten. Dieses Klappern und Schlagen bildet den Untergrund der Komposition. Das alte Stück wurde zu den jüngsten »Zepernicker Randspielen« einem neuen Publikum bekannt gemacht.
Georg Katzers bisherige Lebensarbeit ist erstaunlich. Die vorliegenden Kammer- und Orchesterwerke bilden ein Riesenkonvolut. Das ist sein Hauptgeschäft. Daneben komponiert der in Zeuthen lebende Komponist seit den siebziger Jahren elektroakustische Werke, wodurch er seinerzeit international bekannt wurde.
Dass sich in den letzten dreißig Jahren Neue Musik ungeheurer gewandelt hat, sie mannigfache Gesichter angenommen hat, ist dem Künstler nicht entgangen. Er spürt das hautnah. Und bisweilen kommen Zweifel auf, wie es denn weitergehen würde angesichts der Probleme, vor denen die Schöpfer der »Partiturmusik« im digitalen Zeitalter stehen. Katzer kreiert seine Partituren nach wie vor mit Papier und Bleistift. Man verlacht das heute teilweise. Aber das stört ihn nicht.
Sein op. 1 ist das 1966 komponierte erste Streichquartett. Eine Nagelprobe. Das Werk ist robust gearbeitet und wandelt noch auf den Spuren Janaceks und Bartoks. Die späteren Streichquartette sind ungleich differenzierter. Das Berliner Sonar Quartett mit der hochbegabten Susanne Zapf als Primgeigerin hat dank der Initiative des Deutschlandfunks jetzt alle vier Streichquartette des Komponisten auf CD eingespielt.
Wo er kompositorisch herkommt? Pointiert gesagt: von allen, die was können und was zu sagen haben. Katzer steht zunächst wie die anderen DDR-Neutöner in der Tradition der Wiener Schule um Schönberg. Er löst sich aber teils davon und nimmt jeweils aktuelle Avantgardeströmungen in Augenschein, ohne diesen je nachzurennen. Hanns Eislers angewandtes Denken war und blieb ihm sympathisch, auch deshalb, weil er wie sein Lehrer vieles für Theater, Film, Hörspiel komponiert hat. Die Arbeit für das Hörspiel, obwohl zumeist Broterwerb, nannte er einmal seine »zweite Universität«. Dort konnte er alles, was unmöglich war, ausprobieren. »Bis in die 70er Jahre habe ich immer wieder versucht, einen Ausweg zu finden aus dem Prokrustesbett der Zwölfton- oder der seriellen Technik«.
Neue Wege beschritt er mit sogenannten Modi, einer Methode, Intervalle innerhalb eines abgesteckten Tonraums vielfach zu schichten. Katzer gelang hierdurch ein entspannteres Melos und eine farbenreichere Harmonik. Erstmals wahrzunehmen in dem räumlich konzipierten Orchesterwerk »Sound-House« auf einen visionären Text von Francis Bacon, das unter Kurt Masur auch in New York erklang. Später fortentwickelt in etlichen Kammer- und Orchestermusiken und in Bühnenwerken wie »Ein neuer Sommernachtstraum«.
Ganz anders die Macharten seiner elektroakustischen Stücke und Multimediawerke. Beispiel »Die verlassene Fabrik« auf einen 1971 geschriebenen Text von Wolfgang Hilbig für zwei Gitarren, Schlagzeug und Kontrabass, Tonband, Live-Elektronik, Sprecher. Der Text, so Katzer, beschreibe die Wahrnehmungen eines ehemaligen Arbeiters, der seine stillgelegte Fabrik noch einmal betritt, um sie nie wieder zu verlassen. Er stirbt darin. »Die verlassene Fabrik« ist eins der melodramhaften Klangexperimente, die sich einem größeren Zusammenhang logisch einfügen. Denn für Katzer bilden der ganze Bereich elektroakustischer Klangerzeugung in Verbindung mit Live-Konzertmusik und audiovisuellen Sprachformen ein nahezu unerschöpfliches Gebiet.
Auf diesem Terrain testet der Künstler – nicht selten in mühevoller Kleinarbeit – nach wie vor eigene Verfahren und Formen durch, und die Frucht sind zumeist qualitativ hochstehende Arbeiten. Werke wie »Rondo – bevor Ariadne kommt«, »Die Stimmen der toten Dichter«, »Aide memoire«, »Ich ist ein anderer« oder jüngere Arbeiten wie »Les paysages fleurissants – Laudate« und das Orchesterwerk »... die Leier drehn ...« stehen für ein eigenwilliges Selbstverständnis der bildlich und stofflich weit ausgreifenden Möglichkeiten akustisch-musikalischer Produktion.
Ist es die Weisheit des Alters? Ordnungen zerfallen in Katzers jüngeren und jüngsten Werken. Skepsis drückt sich drin ab. Deformationen, Bedrohungen, Krisen sind Teil der Szenaristiken, prägen und erweitern den Kunstbegriff des Komponisten. Das ist keine Umklammerung des Denkens, sondern eine Abwehrmaßnahme. Komposition ist für den Jubilar seit jeher scharfsinniges Denk- und Ausdrucksmittel, auch Erkenntnishilfe. Ein Verständnis, das ohne die Rückbeziehung auf Geschichte und den Anblick jener alle Menschen erfassenden Kollisionen der Gegenwart nicht denkbar ist.
In die aufklärungsfeindliche Jetztwelt jedenfalls passt dieses Verständnis nicht.
Re: Man kann wohl nur einseitige Berichterstattung erwarten,
19:30 Uhr, Berlin
Preis: 9,99 €
Preis: 17,95 €