Von Heerke Hummel
09.01.2010
Thema: Karl und Rosa

Politik als Kunst des Unmöglichen

Karl Liebknecht und Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung

Vergessen? Wie das? Jedes Jahr im Januar ziehen in Berlin-Friedrichsfelde Zehntausende am Grabe von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vorbei, um ihrer zu gedenken. Aber während R. L. im Gedächtnis der meisten Demonstranten einen festen Platz auch als sozialistische Theoretikerin inne haben dürfte, wissen die meisten von ihnen wohl nicht viel mehr von deren Kampfgefährten, als dass er ein blendender und vor allem mutiger Redner war, der im deutschen Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite für das erste große Völkermorden des vorigen Jahrhunderts seine Stimme erhob.

Ganz zu Unrecht vergessen seien dessen theoretische Bemühungen, schrieb Ossip K. Flechtheim im Vorwort der von ihm 1974 neu herausgegebenen »Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung«, erstmals 1922 aus dem Nachlass von Karl Liebknecht veröffentlicht. Das mag damit zusammenhängen, so Flechtheim, dass diese Studien weitgehend Fragmente geblieben waren und zum Teil verschwiegen wurden. Ist es doch für die orthodoxen Kommunisten in Ost und West schwer erträglich gewesen, dass einer der angeblichen Väter ihrer Bewegung sich nie Marx und Engels, von Lenin ganz zu schweigen, bedingungslos unterworfen hatte. Im Gegensatz zum Monismus von Marx und Engels überwiege bei Liebknecht eher eine dualistische Position. Alles, auch die Geschichte, sei danach sowohl absolut, abstrakt, logisch wie aber auch praktisch und relativ. Beide Betrachtungsweisen seien zu trennen.

Welch ein realistisches und lebensnahes Denken im Unterschied zu der dogmatisch formalisierten und daher oftmals fehlinterpretierenden Betrachtungsweise der Welt, die später den Generationen des sogenannten Realsozialismus anerzogen werden sollte und dessen gesellschaftliches Bewusstsein bestimmte! Liebknecht selbst wies in seiner »Vorbemerkung« darauf hin, mit seiner Schrift »eine mehr konstitutive, konstruktive Theorie, ein System zu entwickeln – im Unterschied von der Marxschen Theorie, die nur einen Zeitgedanken, wenn auch einen ungemein fruchtbaren gibt«; und dies »nicht mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit und Abgeschlossenheit«. Er wolle nicht im Entferntesten ein Dogma geben, sondern nur ein methodisches Hilfsmittel für die Forschung, ein System von Fingerzeigen, Richtlinien, Zeitgedanken – eine »Zergliederungsmethode« vor allem. Er nehme und betrachte die Dinge der Erfahrung, den Stoff, wie sie sich dem empirisch und kritisch geschulten Blicke bieten. Dabei sei nicht Eklektizismus, sondern Universalismus die Betrachtungsart und auch die Lebenslosung, das psychisch-geistige Lebenselement des Verfassers, außerhalb dessen er schlechterdings nicht existieren könne, in dem er atme und nach seinen Kräften wirke, schon von seiner frühen Jugend an.

Was solche Betrachtungsweise der Welt bedeutet, mag Liebknechts Sicht auf Gewalt als Prinzip und Regulator der sozialen Gestaltungen zeigen: »Die Grundlage, die Wurzel, das bildende, formende Prinzip aller Verhältnisse, wie in der unorganischen Welt, wie in den Beziehungen der organischen zur unorganischen Welt und unter den organischen Wesen überhaupt, so auch unter den Menschen, und die Grundlage aller sozialen Gestaltungen ihrer bisherigen Geschichte im besonderen, ist die Macht; und deren ultima ratio, deren tiefste Grundlage im bisherigen Geschichtsverlauf wiederum Gewalt, Gewalt im gröbsten, materiellen, körperlichsten Sinn, Gewalt, die als drohende Potenz selbst hinter den scheinbar idealsten Beziehungen im Verborgenen lauert: als letzter Regulator auch der zartesten duftigsten Verbindungen. Es gibt auch eine psychische Gewalt (Macht), und sie spielt eine höchst bedeutende Rolle in der organischen Welt, in den sozialen Beziehungen der Menschheit – aber auch ihr letzter Regulator ist die potentielle physische Gewalt.«

Liebknechts Kritik an Marx betrifft dessen ökonomische Theorie, speziell seine Werttheorie. Auch wenn man sich dem nicht anschließt, bringt der Exkurs einen Gewinn, weil sich zeigt, wie ein veränderter Betrachtungsstandpunkt zu anderen Einsichten und Bewertungen führt. Und kennzeichnet nicht Liebknechts Feststellung über die Ausbeutung »Die Exploitation ist: Vergewaltigung, Benachteiligung bei der Verteilung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts« die heutigen Verhältnisse in der Gesellschaft treffender, prägnanter als die Theorie vom Verkauf der Arbeitskraft als Ware? Zumal wir ja nun, spätestens seit der Kündigung des Abkommens von Bretton Woods im Jahre 1971, in einer Gesellschaft leben, deren Geld nicht mehr selbst eine Ware ist, sondern zu einem Arbeitszertifikat mutierte, und so also eigentlich allem Austausch der Produkte als Waren (im Marxschen Verständnis) ein Ende setzte!

In Erfahrung dessen, was in der Welt seit dem Ersten Weltkrieg vor sich ging und geht, möchte man Liebknechts Erwartung eines neuen Humanismus und kosmischen Universalismus für reinste Utopie halten. Und doch ist nicht zu verdrängen, dass technische Errungenschaften, ökonomische Globalisierung und weltweite Belastung der Umwelt im 21. Jahrhundert übermächtig ein »universales Solidaritätsgefühl« und ein »All-Eins-Bewusstsein« zu manifestieren erfordern. Denn: »Nicht ferner, wie heute, die Natur feindlich zu hassen, zu entstalten, zu zerstören, ist die künftige Menschheit da, sondern sie zu erhalten, sie zu lieben. Nicht Kampf und Hass, sondern Harmonie und Friede winkt am Ziele des steilen, dornigen Sturmweges der strebenden Menschheit. Und sie wird sich als ein Bruder, ein Geschwister auch der Tier- und Pflanzenwelt, aller lebenden Natur fühlen und wissen; und als ein durch die Fähigkeit bewusster Betrachtung ausgezeichneter Teil des Universums den ganzen Bereich ihrer Beobachtung, alles von ihren Sinnen Wahrgenommene nicht nur menschlich, sondern – in den Schranken des menschlichen Erkennens, Ahnens und Empfindens – nach jenem erhabenen Spinozischem Sinne erfassen.«

Geradezu hoch aktuell sind angesichts derzeitiger linker Programmdiskussionen Liebknechts demokratische Ansichten über »Schöpferische und repräsentative Politik«. »Das Gehabe derer, die … zu schieben glauben oder glauben machen und tatsächlich geschoben werden, ist die Politik als ›Kunst des Möglichen‹«, schreibt er und fährt fort: »Das äußerste Mögliche ist nur erreichbar durch das Greifen nach dem Unmöglichen. Das objektiv Unmögliche wollen, bedeutet also nicht sinnlose Phantasterei und Verblendung, sondern praktische Politik im tiefsten Sinne. Die Unmöglichkeit der Verwirklichung eines politischen Ziels aufzeigen heißt mitnichten seine Unsinnigkeit beweisen, höchstens die Einsichtslosigkeit der Kritikaster in die gesellschaftlichen Bewegungsgesetze, besonders in die Gesetze der gesellschaftlichen Willensbildung. Die eigentlichste und stärkste Politik, das ist die Kunst des Unmöglichen.« – Was hätte ein solcher Geist in der Welt des 20. Jahrhunderts vielleicht noch bewirkt, wäre er nicht durch feigen Mord mundtot gemacht worden?!

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