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Von Caroline M. Buck 14.01.2010 / Kino & Film
Film

Die Rundung – Maß aller Dinge

Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch von Fabiano Maciel

Er ist überzeugter Kommunist und ein rechter Macho dazu, ein Mann, der stets zu seinen Überzeugungen gestanden hat und immer bereit scheint, seine Werke zu verteidigen: Oscar Niemeyer, mit 102 Jahren der letzte lebende Exponent der architektonischen Moderne. Kein NS-Flüchtling, wie der Name vermuten lassen könnte, sondern brasilianischer Spross einer älteren Auswanderbewegung, ein Mann, der noch im hohen Alter die Frauen und das Leben liebte und noch an seiner größten Großbaustelle nicht vergaß, neben den Bauaufgaben auch den Feierabend mitzuplanen, denn wer tagsüber schwer arbeitet, muss sich abends auch ausgiebig vergnügen dürfen.

Oscar Niemeyer, Jahrgang 1907, betrachtet Le Corbusier als seinen wesentlichen Lehrmeister, mit dem zusammen er für die Planung für das UN-Hauptquartier in New York verantwortlich zeichnete. Ein Einfluss, der Niemeyer aber nicht davon abhielt, Le Corbusiers strenge Linienführung an den ganz eigenen Projekten später um die weichen, fließenden Kurven zu ergänzen, die er selbst an Frauen, Wolken, natürlichen Wasserläufen und Hügeln schätzte. Niemeyer ist der Architekt der klassischen Moderne, der den rechten Winkel »hasst« und die nüchterne Funktionalität der Bauhaus-Architektur als Verherrlichung der Mittelmäßigkeit abtat, dessen Gebäude nie »nur« funktional sein sollten, sondern immer auch überraschen, begeistern, als geformte Körper wahrgenommen werden.

Folgerichtig sehen Niemeyers Gebäude aus wie Ufos (das Museum für Moderne Kunst in Niterói), wie primitive Kronen (seine Kathedrale in Brasilia, von der noch das Berliner Tempodrom ein visueller Abklatsch ist) oder wie hochgestelzte Schlangen (die überdachte Tanzfläche in Pampulha). Niemeyer brachte Stahlbeton zum Schwingen, beschäftigte Mosaikkünstler, Maler und Bildhauer, die die Außenhaut seiner Gebäude gestalteten, und vergaß nie die Wirkung des freien Raums um seine Werke, auch wenn so viel unbebauter Raum unter der heißen brasilianischen Sonne wenig praktische Nutzbarkeit entfaltete, wie Niemeyers Kritiker angesichts des weiten Platzes zwischen den Gebäuden der drei Gewalten von Brasilia nicht ganz zu Unrecht anmerkten.

Brasília, entworfen zusammen mit dem Stadtplaner Lúcio Costa, seinem früheren Chef und Lehrmeister, und 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, wurde Niemeyers größtes Einzelprojekt, eine neue Hauptstadt für Brasilien in dessen wenig erschlossenem Hinterland, ersonnen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts am Reißbrett, geplant mit einer Sektoren- und Funktionentrennung streng nach Le Corbusier, auch wenn es mit der sozialen Durchmischung, die so entstehen sollte, am Ende dann doch nicht ganz geklappt hat – die Enttäuschung über das unkontrollierte Wachstum der Stadt, das ihrer geplanten Funktionsweise ein Ende setzte, ist dem Architekten noch fünfzig Jahre später anzumerken.

Nach dem Militärputsch von 1964 hielt Niemeyer es noch zwei Jahre in Brasilien aus, wurde als parteibuchführender Kommunist festgenommen und verhört, aber nie offiziell seiner Aufgaben als leitender Architekt des Kolossalprojekts Brasilia enthoben. 1966 wich er dem Druck und ging nach Frankreich ins Exil, baute eine Universität im algerischen Algier, das Hauptquartier der Kommunistischen Partei Frankreichs in Paris und die Verlagszentrale von Mondadori in der Nähe von Mailand, ein braungetönter Bau wie ein Palast, mit modulierten Pfeiler-Verstrebungen in immer neuen Rhythmen, wie Niemeyer sie schon in Brasilien ausprobiert hatte. Zwischen den gerundeten Bauteilen seines halb in die Erde versenkten Kulturzentrums von Le Havre fahren heute die Skateboarder, Niemeyers Kuppelansätze als Halfpipes nutzend.

Nach der Amnestie nach Brasilien zurückgekehrt, baute Niemeyer weiter, zuletzt sein eigenes Museum. In der filmischen Hommage, die Regisseur Fabiano Maciel und Produzent Sacha Niemeyer zum einhundertsten Geburtstag im Jahr 2007 darbrachten, spricht vorrangig der Architekt selbst über seine Bauten, dazu Freunde, Weggefährten und architekturkritische Kommentatoren über den Mann und sein Werk. Die Filmemacher selbst enthalten sich des Kommentars, gehören aber, daran lässt ihr Film keine Zweifel, deutlich auf die Seite der Verehrer. Ihr Film zeigt einen Giganten, der mit (knapp) einhundert Jahren allmählich vergesslich wird (was Niemeyer selbst aber erst stört, als er auch den Namen von Mies van der Rohe vorübergehend nicht mehr abrufen kann), einen Sensualisten, der das Werk Dritter vielleicht ein bisschen schnell abtut (Bauhaus!), aber jedenfalls immer als Überzeugungstäter handelte, was seine eigenen ästhetischen Visionen angeht.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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