In einer Videodirektschaltung aus New York stellt die renommierte Zeitschrift »Bulletin of the Atomic Scientists« heute die »Doomsday Clock« neu ein. Seit über 60 Jahren führen Wissenschaftler diese Uhr, die anzeigt, wie viele Minuten bis zum Weltuntergang verbleiben. Bei folgenschweren sicherheitspolitischen Ereignissen stellten sie die Zeiger bisher 18 Mal vor oder zurück. Wie wird diesmal entschieden? Die Signale sind widersprüchlich.
Einerseits verhandeln Russland und die USA über eine weitere Verringerung ihrer Atomwaffen. Doch zwei Termine für die Vertragsunterzeichnung am Jahresende wurden verpasst. Der UN-Sicherheitsrat deklariert eine atomwaffenfreie Welt als Ziel und ruft zur nuklearen Abrüstung auf. Die übrigen Atomwaffenmächte machen dazu allerdings kaum Anstalten. Der US-Senat hat den Nuklearen Teststoppvertrag noch immer nicht ratifiziert. Gleichzeitig laufen die Atomprogramme des Iran und Nordkoreas weiter, die nukleare Nichtverbreitung bleibt fragil und ein Zugriff von Terroristen auf Atomwaffen wäre ein sicherheitspolitischer Super-GAU. Der Kopenhagener Umweltgipfel endete ohne verbindliche Beschlüsse zur Rettung des Weltklimas.
Die Welt steht vor einem zweiten Nuklearzeitalter. Die USA und Russland können sich innerhalb von Minuten mit Kernwaffen angreifen. Nordkorea führt einen ersten Atomwaffentest durch und Iran wird verdächtigt, Nuklearwaffen zu entwickeln. Auch der Klimawandel bedroht die Menschheit und die Schädigung des globalen Ökosystems schreitet voran.
Befürchtungen vor einem nuklear-terroristischen Angriff wachsen angesichts weltweit riesiger Mengen waffenfähigen Nuklearmaterials. Die USA wollen neue Atomwaffen entwickeln, die gehärtete unterirdische Ziele zerstören können. Gleichzeitig lehnen sie Rüstungskontrollverträge ab und steigen einseitig aus dem ABM-Vertrag über die Beschränkung nuklearer Abwehrraketen aus.
Indien und Pakistan unternehmen mehrere Atomwaffenversuche und zeigen damit, dass die Bemühungen, die Verbreitung von Nuklearwaffen zu stoppen, gescheitert sind. Russland und die USA halten immer noch 7000 Sprengköpfe in höchster Alarmbereitschaft, die innerhalb von nur 15 Minuten auf einander abgeschossen werden können.
Die Hoffnung auf eine Friedensdividende und einen Verzicht auf Nuklearwaffen nach dem Kalten Krieg erlischt. Weltweit verbleiben mehr als 40 000 Atomwaffen. Es herrscht die Sorge, dass Terroristen Zugang zu schlecht gesicherten Nuklearanlagen erlangen könnten.
Der Kalte Krieg ist beendet. Die USA und Russland beginnen, ihre Nukleararsenale zu verringern. Der START-Vertrag reduziert schrittweise die Anzahl der Atomwaffen. Unilaterale Initiativen lösen die meisten Interkontinentalraketen aus der erhöhten Alarmbereitschaft.
Als ein osteuropäisches Land nach dem anderen sich von der sowjetischen Kontrolle befreit, verzichtet der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow darauf zu intervenieren und verringert damit die Atomkriegsgefahr. Ende 1989 fällt die Berliner Mauer.
Die USA und die Sowjetunion unterzeichnen den INF-Vertrag und beseitigen ihre Mittelstreckenraketen. Der öffentliche Widerstand gegen die US-Raketen in Westeuropa hat den Vertrag mit inspiriert.
Die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen sinken auf den eisigsten Punkt seit Jahrzehnten. Kommunikationskanäle und Kontakte werden eingeschränkt oder ganz abgebrochen. Rüstungskontrollverhandlungen verkommen zu reiner Propaganda. Die USA streben nach einem weltraumgestützten Antiraketensystem.
Die sowjetische Invasion in Afghanistan verhärtet die Position der USA. Sie verschärft sich noch mit der Wahl Reagans zum Präsidenten. Dieser verschmäht Rüstungskontrollverhandlungen und meint, der beste Weg, den Kalten Krieg zu beenden, sei, ihn zu gewinnen.
Nach 35 Jahren Nuklearzeitalter und einigen Abrüstungserfolgen betrachten die USA und die Sowjetunion Atomwaffen immer noch als unverzichtbaren Bestandteil ihrer nationalen Sicherheit.
Indien unternimmt einen ersten Nukleartest. Die USA und die Sowjetunion rüsten ihre Kernwaffen mit Mehrfachsprengköpfen aus, statt sie zu reduzieren.
Die USA und die Sowjetunion vereinbaren die Verträge zur Begrenzung der strategischen Offensivwaffen (SALT) and der Raketenabwehr (ABM).
Der Atomwaffensperrvertrag wird unterzeichnet. Er verbietet den Nuklearmächten, diese Waffen weiterzugeben, den Nichtkernwaffenstaaten, sie zu erwerben, erlaubt aber die friedliche Kernenergienutzung und fordert nukleare Abrüstung.
Die USA intensivieren den Vietnamkrieg. Indien und Pakistan kämpfen 1965 gegeneinander, und Israel führt 1967 Krieg gegen die arabischen Nachbarn. Frankreich und China entwickeln Atomwaffen.
Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion unterzeichnen den Teilteststopp-Vertrag, der Kernwaffenversuche in der Atmosphäre, unter Wasser und auf dem Meeresgrund verbietet.
Die USA und die Sowjetunion kooperieren erstmals bei der Lösung eines Regionalkonflikts und entschärfen die von Frankreich, Großbritannien und Israel verursachte Suez-Krise.
Die USA testen 1952 erstmals eine Wasserstoffbombe mit vielfacher Zerstörungskraft der bisherigen A-Waffen. Die UdSSR folgt.
Vier Jahre nach den USA führt die UdSSR ihren ersten Kernwaffentest durch, und das nukleare Wettrüsten beginnt.
Die Fachzeitschrift »Bulletin of the Atomic Scientists« etabliert die »Doomsday Clock«, die Weltuntergangsuhr, und stellt sie auf kurz vor Mitternacht, um auf die von den Atomwaffen ausgehenden Gefahren aufmerksam zu machen.
Informationen nach Bulletin of the Atomic Scientists
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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