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»Die Hilfe in Haiti wird militarisiert«

Die Krise nach dem Erdbeben hat strukturelle Ursachen. Das zeigt sich auch bei den Hilfsmissionen

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Einwohner von Port-au-Prince stehen nach Trinkwasser an.

ND: International läuft die Hilfe für Haiti an, allein die USA wollen 10 000 Soldaten entsenden. Weshalb bessert sich die Lage nicht?
Concannon Jr.: Wir befinden uns in einem Teufelskreis. Internationale Medien berichten immer mehr über drohende Unruhen im Katastrophengebiet. In der Konsequenz wächst bei vielen Hilfsorganisationen die Angst. Sie gehen nicht mehr raus, um den Menschen zu helfen. Die Angst ist bislang unbegründet. Wenn aber nicht bald Hilfe kommt, wenn die Menschen nicht bald das Gefühl haben, dass ihnen Beistand in dieser Lage geleistet wird, dann wird die Verzweiflung unerträglich werden. Wenn den Menschen knapp eine Woche nach dem Beben kein Wasser und Nahrung gegeben wird, dann werden sie sich diese Güter holen.

Auch in den europäischen Medien sind Berichte über drohende Unruhen zu lesen.
Ich glaube nicht, dass es eine organisierte Rebellion gibt. Dieses Bild stimmt einfach nicht mit der Realität überein: Die haitianische Gesellschaft ist sehr friedfertig, es wird viel Wert darauf gelegt, Konflikte kollektiv zu lösen. Ich sehe die Gefahr auf der anderen Seite: Die Hilfsmissionen drohen zu militärischen Stoßtrupps zu verkommen, die Hilfe wird militarisiert.

Wobei die bereitgestellten Hilfsgüter tatsächlich geschützt werden müssen.
Die Menschen vor Ort wissen sehr gut, was sie von wem erwarten können und wie sie sich verhalten. Eine unserer Mitarbeiterinnen, Amber Lynn Munger, hat in einem Gästehaus in Port-au-Prince ein Hilfszentrum eingerichtet. Auf einem nahen Fußballfeld werden nach ihrem Bericht 1300 Erdbebenopfer betreut. Sie schrieb: »Wir haben hier Amputationen und andere sehr schmerzhafte Eingriffe durchgeführt, ohne jegliche Medikamente oder gar Schmerzmittel.« Sie berichtete auch von haitianischen Ärzten und Hilfspersonal aus Belgien und Kuba. »Sie alle leisten wundervolle Arbeit«, heißt es in dem Bericht, »aber es gibt keine Hilfsmittel«. Dieses Material wird entweder auf dem Flughafen gehortet oder es liegt in LKWs, die an der Grenze zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti aufgehalten werden. Weder von der Regierung noch von der Blauhelmmission MINUSTAH sei seit dem Beben etwas zu vernehmen, berichtet sie.

Der Anwalt für Menschenrechte Brian Concannon Jr. ist Direk
Der Anwalt für Menschenrechte Brian Concannon Jr. ist Direktor des Instituts für Gerechtigkeit und Demokratie in Haiti mit Sitz im US-Bundesstaat Oregon. Über die Situation nach dem Beben in Haiti sprach mit ihm für ND Harald Neuber.

Mitunter wird die internationale Hilfe negativ bewertet. Könnte sie schädliche Folgen haben?
Das zentrale Problem ist, dass ein Land wie Haiti, mit labilen Staatsstrukturen, schnell von dieser internationalen Hilfe abhängig wird. Das Ziel muss aber sein, diese staatlichen Strukturen zu stärken. Was geschieht denn, wenn in Haiti die Lager mit Korn aus den USA gefüllt werden? Die US-Farmer bekommen Geld für das Korn, die haitianischen Bauern aber können ihre Produkte nicht mehr verkaufen, wenn nebenan US-Importe umsonst verteilt werden. Das ist in den vergangenen Jahren geschehen. Und seien wir ehrlich: Auch die Hilfsorganisationen müssen sich finanzieren. In Haiti kursiert ein Witz: Wenn ein Minister zehn Prozent eines Hilfsfonds in die Tasche steckt, nennt man das Korruption. Wenn eine Washingtoner Beratungsfirma 40 Prozent absahnt, nennt man das Spesenabrechnung.

Warum ist Haiti so anfällig für die Folgen von Naturkatastrophen, während es im benachbarten Kuba kaum Probleme gibt?
Eben weil der Staat durch die Abhängigkeiten und durch das neoliberale System extrem geschwächt ist. Schon in den vergangenen Monaten und Jahren hat es kein funktionierendes Gesundheitssystem gegeben. Wer oder was soll dann in einer so schweren Krise wie nach diesem Beben reagieren und den Menschen helfen?

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