Von Knut Henkel
20.01.2010

Erdölgigant in der Energieklemme

Venezuela leidet unter Stromknappheit / Verbrauch muss weiter rationiert werden

Kein Land in Lateinamerika hat größere Energiereserven als Venezuela. Doch trotz allen Erdöls ist Strom knapp und muss deshalb rationiert werden. Für die Regierung von Hugo Chávez ein echtes Dilemma. Den Energieminister hat es gerade den Job gekostet.

»Das Chaos der vergangene Woche hat sich langsam gelegt und der Strom fließt wieder regelmäßig«, erklärt Gustavo Misle. Der Lehrer wohnt im Zentrum von Caracas und ist froh, dass Präsident Hugo Chávez dem Stromchaos endlich ein Ende gesetzt hat. »Dass wir in der Stromklemme gelandet sind, ist aber hausgemacht, denn in den letzten Jahren ist nicht ausreichend in den Erhalt und den Ausbau des Systems investiert worden«, schimpft der Rentner von Anfang sechzig.

Eine These, die in Caracas weit verbreitet ist. Vor allem in der Mittel- und Oberschicht werden die Stromsparappelle des Präsidenten Hugo Chávez, der mit gutem Beispiel vorangeht und dem Regierungspalast Miraflores ein Einsparprogramm von fünfzig Prozent verordnet hat, mit einem Schulterzucken quittiert. »Sie wollen nicht für eine Regierung sparen, die die höchsten Einnahmen der Geschichte Venezuelas hatte, sie aber nicht sinnvoll investiert hat«, erklärt Lucienne Beauyon. Die 42-Jährige musste Anfang letzter Woche, als der Plan zur Stromrationierung von Energieminister Angel Rodríguez in Kraft trat, auch zu Fuß im Dunkeln nach Hause gehen. Aber das Chaos, das der abrupt verkündete Rationierungsplan in Caracas hervorrief, währte nicht lange: Schon knapp 48 Stunden später hatte Präsident Chávez den Plan ausgesetzt und den Minister zum Rücktritt aufgefordert.

Doch wie die Stromnachfrage mit dem -angebot Schritt halten soll, ließ auch der Präsident offen. Unstrittig ist, dass nicht ausreichend Energie zur Verfügung steht. Deshalb soll der Verbrauch um zwanzig Prozent gedrosselt werden. Dafür wurden im vergangenen Oktober bereits Millionen von Energiesparlampen ausgegeben. Oberflächlich betrachtet ist die Dürre, die das südamerikanische Land seit Monaten in Atem hält, für die Energieklemme verantwortlich. Fehlende Niederschläge haben dafür gesorgt, dass die Pegelstände in Stauseen und Wehren empfindlich sanken.

Da aber die drei großen Wasserkraftwerke am Stausee Guri für 73 Prozent der nationalen Stromproduktion verantwortlich sind und dort nur zwölf von zwanzig Turbinen arbeiten, fehlt es seit fast vier Monaten an ausreichend Strom. Die installierte Kraftwerkskapazität liegt zwar bei 23 500 Megawatt und somit rund 6000 Megawatt über dem Bedarf von derzeit 17,737 Megawatt, so ein Bericht des Komitees des Elektrizitätssektors des Unternehmensverbandes Fedecamaras. Aber der Puffer reicht nicht, da durch die niedrige Leistung der Wasserkraftwerke, Probleme in mehreren Umspannwerken und Reparaturen in weiteren Kraftwerken die Kapazität unter den Bedarf gefallen ist. Nur etwa 16 000 Megawatt werden generiert, so dass Energie zugekauft beziehungsweise der Verbrauch gedrosselt werden muss.

Beides ist derzeit der Fall, doch die Einsparungen, die durch das Herunterfahren von Anlagen in der energieintensiven Aluminium-, Stahl- und Eisenindustrie sowie die Reduzierung der Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst erbracht werden, scheinen noch nicht auszureichen. Ein Dilemma, für das die Regierung die Verantwortung trägt, denn über 82 Prozent der Kraftwerkskapazitäten sind in staatlichen Händen. Auch für die Perspektivplanung im Energiesektor ist das Energieministerium verantwortlich. Fakten, die in Caracas von der Opposition gern angeführt werden, nur tragen sie wenig zur Problemlösung bei. Zum Energiesparen gibt es weiter keine Alternative.

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