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Katja Maurer
Foto: medico international
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ND: Medico international hat in einer der jüngsten Stellungnahmen zu Haiti eine stärkere Arbeit mit der dortigen Zivilgesellschaft gefordert. Weshalb ist das nötig?
Maurer: Trotz des ungeheuren Ausmaßes der Katastrophe und unseres verständlichen Impulses, als ohnmächtige Betrachter schnell Abhilfe schaffen zu wollen, müssen die Hilfsmaßnahmen vor allen Dingen die Haitianerinnen und Haitianer selbst zu Akteuren des Wiederaufbauprozesses machen. Das heißt: Wir dürfen uns nicht von den Medien das Tempo für die Hilfsmaßnahmen aufzwingen lassen. Der Bedarf und die möglichen einheimischen Strukturen, die sich jetzt in der Katastrophe neu herausbilden, müssen erst ermittelt werden.
Die USA sind mit 10 000 Soldaten im Lande, darunter rund 2000 Mitglieder des Marine-Corps. Wie wirkt sich das auf die Arbeit dort aus?
Nachdem das, was als haitianischer Staat und Infrastruktur existierte, systematisch durch Finanzauflagen und ausländische Interventionen diverser Art abgeschafft wurde, ist es nun möglicherweise unumgänglich, auch nach Formen polizeilicher Absicherung zu suchen. Das wirft aber wichtige Fragen auf: Kann dies Teil einer Selbstermächtigung Haitis werden? Wer kontrolliert diese Truppen? Welche eigenen Interessen sind im Spiel? Angesichts der US-amerikanischen Geschichte gegenüber Haiti gibt es keine positiven Traditionen, auf die dieser Einsatz zurückgreifen könnte. Die Ankündigung, man wolle eine Abwanderung der Haitianer in die USA verhindern, lässt nichts Gutes erhoffen.
Können Militärs überhaupt effektiv helfen?
Wenn nachhaltige Hilfe das Credo ist, dann sprechen die Strukturen von Armeen dagegen. Das Militär ist hierarchisch von oben nach unten organisiert. Eine nachhaltige Hilfe und Unterstützung muss koordiniert sein. Aber die Vielfalt der Interessen, der Handelnden und vor allen Dingen der Betroffenen muss im Sinne einer nachhaltigen Veränderung berücksichtigt werden. Hilfe ist eigentlich per se eine fast basisdemokratische Angelegenheit. Sonst gibt es viele Entwicklungsruinen. Gemeint sind Projekte, die von außen realisiert wurden und dann von der einheimischen Bevölkerung nicht genutzt werden. Das haben wir schon überall erlebt. Insofern ist Militär und Hilfe ein Widerspruch in sich. Bei einer Katastrophe wie in Haiti kann Militär auf einer logistischen Ebene hilfreich sein. Aber ein ziviler Katastrophenschutz ist besser und billiger.
Die Entsendung der US-Truppen wurde von Berichten über Plünderungen und Gewalt begleitet. Fühlen sich Ihre Kollegen bedroht, brauchen sie bewaffneten Begleitschutz, um zu helfen?
Immer wieder ist in den Medien die Rede von Sicherheitsgefahren. Mein Eindruck ist: Das wird fast herbeigeschrieben. Wir stellen aber bei den Maßnahmen, die unsere Partner im Lande ergreifen, fest, dass überall dort, wo die Hilfe in Absprache und unter Einbeziehung der Selbsthilfe-Infrastrukturen verteilt wird, die Sicherheit weitestgehend gewährleistet ist.
Südamerikanische Staaten beklagen die »US-Intervention« in Haiti. Welche Motivation vermuten Sie hinter der massiven Truppenentsendung der US-Regierung?
Die UN-Mission MINUSTAH war weitestgehend von lateinamerikanischen Staaten getragen. Es hat sehr viel Kritik und Protest aus Haiti daran gegeben. Der Rassismus gegen Schwarze ist Teil einer machistischen Kultur in vielen lateinamerikanischen Ländern. Trotzdem sind die Befürchtungen der Lateinamerikaner nachvollziehbar. Bislang ist die USA-Regierung eine neue Politik für Lateinamerika schuldig geblieben. Der Antidrogenkrieg geht weiter, auch in Haiti. Auch beim Putsch in Honduras sind die Hoffnungen auf Obama nicht erfüllt worden. Die Kritik der Lateinamerikaner hat Gewicht und vielleicht auch Einfluss auf die Ausrichtung der Politik der USA in dieser Hinsicht.
Was muss sich in Haiti ändern, damit die Bevölkerung mit den Folgen von Naturkatastrophen besser zurechtkommt?
Es muss eine staatliche Infrastruktur aufgebaut werden, die soziale Infrastruktur sichert: Schulen, Universitäten, Gesundheitssysteme, eine ökonomische Entwicklung, an der alle partizipieren können. Das ist eine Aufgabe mehrerer Generationen. Das bislang herrschende Entwicklungskonzept, der freie Markt als Regulator und Motor, wird dabei nicht hilfreich sein.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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