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Von Jens Grandt 23.01.2010 / Forum

Liebe deine Feinde, hasse deine Freunde?

Ich und Du – in der Linken hat der nachlässige Umgang miteinander Tradition

Zeichnung: Harlad Kretzschmar
Zeichnung: Harlad Kretzschmar

Nach einer Phase der Sammlung und Konzentration auf die brennenden Probleme bundesdeutscher Politik haben es einige Mandatsträger der LINKEN wieder verstanden, die eigene Küche in Aufruhr zu versetzen und sich in die Suppe zu spucken. Die Zeit des Festigens, Sich-Findens und Wiederfindens, von den Wahlerfolgen des Jahres 2009 begünstigt, währte nicht lange. Gespenstische Grabenkämpfe um die Position des Bundesgeschäftsführers Dietmar Bartsch in der Partei, gerüchteweise vorgetragene Zweifel an dessen Loyalität gegenüber Oskar Lafontaine offenbarten einmal mehr, zu welcher Leidenschaft Linke fähig sein können (übrigens nicht nur in Deutschland), wenn sie ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen: sich mit sich selbst zu befassen.

Die Sache hat Tradition. Erinnern wir uns nur der jüngsten Kontroversen: Zuvor tobte der Streit um die Interpretation des Lissabon-Vertrages und um die Europa-Abgeordneten der Linken, der mit einigem Stühlekippen und Parteiaustritten endete. Dem vorausgegangen war ein Kesseltreiben gegen André Brie, der zugespitzt diagnostiziert hatte, in der LINKEN dominierten »Verrats- und Verschwörungstheorien, hohle Links-Rechts-Klassifikationen, grobschlächtige Freund-Feind-Raster« und in diesem Zusammenhang Oskar Lafontaine fragte, ob er eine willfährige Klientelpartei heranziehen wolle. Vergleichbare Misshelligkeiten lassen sich zurückverfolgen bis zu den Angriffen gegen den Berliner Landesverband auf dem Geraer Parteitag der PDS 2002, der insgesamt ein Debakel war.

Auf Länderebene eskalierten im vergangenen Jahr Auseinandersetzungen in Meckenburg-Vorpommern, zum wiederholten Male in Sachsen, in Schleswig-Holstein, während des Wahlkampfes in Hessen. Fast immer waren die Attacken damit verbunden, Parteigenossen, also Gesinnungsgefährten zu beschädigen. Selbst auf der kommunalen Ebene war solch unlautere Praxis zu beobachten.

Was ist los mit der LINKEN? Keine Frage, dass dem »Hauen und Stechen« (»taz« über die sächsischen Linken) zumeist unterschiedliche Vorstellungen, ausdrücklich oder nur diffus empfunden, über Weg und Ziel der Partei zugrundeliegen. Der historischen Gerechtigkeit wegen muss vorausgeschickt werden, dass es die Linken schwerer als konservative Parteien haben, zu übereinstimmenden Auffassungen zu gelangen, denn letztere orientieren sich an mehr oder weniger ihren Interessen gemäßen, bewährten Modellen, oder sie kaprizieren sich, im Grundsatz, auf die Erhaltung des Status quo. Gesellschaftlich progressive Kräfte hingegen schauen über die Gegenwart hinaus, und die Zukunft ist offen. Unter dem, was künftig sein wird, kann man sich fast alles Mögliche vorstellen. Deshalb wird das Meinungsspektrum unter Linken stets breiter und bunter sein als unter Rechten. Doch nicht alle Diskrepanzen werden inhaltlich, gar programmatisch begründet. Oft vergiften persönliche Aversionen, Ehrgeiz, Verdächtigungen oder fundamentalistische Prinzipienreiterei die Debatten.

In dieser widersprüchlichen Gemengelage wird das einfache Parteimitglied nie ganz hinter die Absichten und Machenschaften der Protagonisten schauen. Dazu fehlen ihm die Interna. Eines aber weiß man an der Basis: Dass man nicht mit der Waffe des Gegners, eines wirklichen Gegners, seinen Freund bedroht, und dass man mit ihm reden sollte, wenn es Probleme gibt. Worüber jeder Genosse nachdenken sollte, ist die Art und Weise, wie Kontroversen ausgetragen werden. Das »öffentliche Dazwischenhauen« (Gesine Lötzsch) offenbart mehr als nur mangelnde Sensibilität.

Zum Exempel der jüngste Streit: Wenn Dietmar Bartsch wortführenden Linken in Nordrhein-Westfalen öffentlich unter die Nase reibt, sie seien nicht regierungsfähig, spricht das nicht gerade für Feingefühl. Kein Wunder, dass sie darüber verschnupft sind. Bartsch hat seinen Unwillen gegenüber einigen Thesen im Entwurf des Landeswahlprogramms 2010, die derzeit nur Wunschvorstellungen oder, wie das »Recht auf Rausch«, irrelevant sind, in der »Bild«-Zeitung kundgetan. Warum in so zwielichtigem Blatt? Die Beleidigten in Köln und Stuttgart, denen Bartschs an pragmatischen Gegebenheiten orientiertes Reformstreben nicht geheuer ist, suchten nicht etwa das Gespräch mit dem Bundesgeschäftsführer, um eventuelle Missverständnisse auszuräumen; sie schrieben wie Schüler, die beim Lehrer petzen, »persönliche Briefe« an Gysi.

Aber wie ist die Kunde von den Briefen zum »Stern« gelangt? Wer war der Zuträger? Kurz darauf bezichtigte Klaus Ernst den Bundesgeschäftsführer mangelnder Loyalität gegenüber Lafontaine – in der »Welt«. Anlass dazu gab ihm eine Spekulation Dietmar Bartschs über die künftige Fraktionsführung – im »Spiegel«. Die eigene Meinung weit ins Land hinauszuläuten, scheint ein begehrter Sport zu sein. Auch André Brie hatte seinerzeit die Kritik an der einseitigen Ausrichtung der LINKEN an Lafontaine dem »Spiegel« anvertraut.

Die Konstellation ist absurd. Wer die anmaßende Entscheidungsgewalt und die Mainstream-Mentalität bestallter Redakteure kennt, weiß: Wenn ich dort meine Ansichten unterbringen will, muss ich den Redakteur, der mir und meiner Partei gar nicht wohlgesinnt ist, zumindest als Person achtungsvoll, ja tolerant gegenübertreten. Um dann einen Gesinnungsgenossen oder einen Parteiflügel in Sack und Pack zu hauen?

Wann werden Repräsentanten der LINKEN endlich aufhören, Parteipolitik über die Medien zu betreiben?

Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn in bürgerlichen Medien Positionen der Linken publik gemacht werden. Sie als Vehikel zu benutzen, um interne Streitigkeiten öffentlich auszutragen, ist ein Symptom dafür, dass Persönlichkeitswerte missachtet werden. Oder um es mit Worten Ludwig Feuerbachs zu sagen, dass die Beziehungen des Ich zum Anderen, das Ich-Du-Verhältnis nicht optimal entwickelt ist. Ein Problem von philosophischer Tragweite. Feuerbach bedachte: Weil es ohne ein menschliches Gegenüber, das er »Du« nennt, kein Ich gibt, bin ich angehalten, in dem Menschen, dem ich begegne, mit dem ich verkehre, gar zusammenarbeite, in dem Anderen eine Person meinesgleichen zu sehen, ein mir ebenbürtiges Ich.

Friedrich Engels hat Feuerbachs Formel vom »Ich und Du« als »allgemeinen Versöhnungsdusel« abgetan. Dieses Urteil wurde von der marxistischen Rezeption ungeprüft übernommen. Marx wiederum ging in seinen Schriften auf das Individualverhalten des Menschen kaum ein. Das kann man ihm nicht vorwerfen; er hatte genug damit zu tun, die Gesetzmäßgkeiten der kapitalistischen Produktion zu durchleuchten. Wenn wir die Theoriegeschichte der linken Bewegungen betrachten, müssen wir eingestehen: Die soziale Relevanz individueller Beziehungen, das, was die Philosophen »intersubjektive Anerkennung« nennen, die psychologischen Komponenten insgesamt sind vernachlässigt worden.

In der Sekundärliteratur überwiegt die Auffassung, dass Marx mit seiner Wissenschaftsgläubigkeit und seinem »geschichtsphilosophischen Omnipotenzanspruch«, so Volker Gerhardt, den Gestaltungsfaktor Individualität unterschätzt habe. Daran krankt die Linke bis heute. Gewiss rächt es sich, dass das Verhältnis von Nah- und Fernziel, Strategie und Taktik, Reform und/oder Transformation unter welchen Bedingungen in der LINKEN bis heute nicht geklärt wurde, auch nicht, was konkret wir unter »demokratischem Sozialismus« verstehen. Aber die immer wieder ausbrechenden, »fast bis zur Unbeherrschbarkeit heranreifenden Grabenkämpfe« (der Chemnitzer Landtagsabgeordnete Klaus Bartl) wurzeln vor diesem Hintergrund in der Missachtung der Persönlichkeit und Würde des Mitgenossen, des anderen Individuums. Dass den Beteiligten darüber manchmal in maßlosen, oft störrisch vorgetragenen Anfeindungen der Gemeinsinn verlorengeht, hat unter anderem den Grund in einem, mit Verlaub gesagt, nachlässigen Umgang miteinander.

Engels irrte, weil er die anthropologische Herleitung der für das Menschsein notwendigen Partnerschaft nicht nachvollziehen konnte. Und er hat den Philosophen aus Erlangen und Bruckberg auch nicht gründlich gelesen. Feuerbach hatte den Geltungsbereich seiner Ich-Dualität eingeschränkt: Natürlich können wir nicht mit »diesen oder jenen zufälligen anderen der Wahrheit unserer Sache bewußt und gewiß« werden, schrieb er. Das wäre ja auch illusorisch und der Realität unangemessen. Er setzt ein gewisses Einvernehmen voraus, das ein Du-Denken des Ich gewährleistet und betont, dass der »Gemeinsinn die Basis« seiner Ich-Du-Philosophie sei.

Auf die objektiven gesellschaftlichen Beziehungen angewendet, ist die Feuerbachsche Ich-Du-Konstellation also unbrauchbar. Oder sie führt zu einem konformistischen, das System stabilisierenden Verhalten. Im Individualbereich jedoch erweist sich die Achtung des Du als eines anderen Ich nicht nur als Basis jeder ersprießlichen Kommunikation, jedes vernünftigen Umgangs miteinander, sondern auch als Grundlage des Sozialverhaltens. Das sollte erst recht in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten gelten.

Zwar gibt es in einer Partei, die sich als pluralistisch versteht, folgerichtig konträre Meinungen, aber in ihrer grundsätzlichen Überzeugung stimmen die Mitglieder ja überein: Sie wollen die Gebrechen der Gegenwart überwinden. Im einzelnen Genossen ein Du nicht in dem oberflächlichen, kumpelhaften, mitunter anbieterischen Sinn zu sehen, sondern in dem tiefen inneren, Feuerbachschen Sinn, als ein Teil meiner selbst, als ein nur anderes, mir grundsätzlich gleichgesinntes, deswegen gleichwertiges Ich, diese edle Haltung des wahren Gesinnungsfreundes wurde nur von wenigen verinnerlicht.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

6 Kommentare zu diesem Artikel

  • WinfriedSobottka, 24. Jan 2010 13:05

    Die Vernunft in der Die Linke hat einen Namen:

    Bodo Ramelow. Ich zitiere ihn sehr gern: "Ich glaube, dass diese destruktive Form der Auseinandersetzung viel mit Männlichkeitsgebaren zu tun hat. Und ich werde daraus die Konsequenz ziehen, mich selber rausnehmen und vorschlagen, dass künftig ausschließlich Frauen Thüringen im Parteivorstand vertreten. Wir brauchen mehr weiblichen Führungsstil."

    Ihn und seine Thüringer Partei haben wir Anarchistinnen und Anarchistinnen im letzten Landtagswahlkampf wie im letzten Bundestagswahlkampf stark im Internet unterstützt. Dank unserer exzellenten Internetforce beherrschten wird die Googleseiten der Thüringer Parteien. Für keinen anderen linken Politiker hätten wir das getan, auch für keinen anderen Landesverband.

    Googeln unter: BODO RAMELOW PROTOTYP

    Der Mann hat verstanden, dass vernünftige (!) Frauen die besten Entscheidungsinstanzen sind. Und das ist die wichtigste Erkenntnis überhaupt.

    Winfried Sobottka, United Anarchists

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  • Doc, 23. Jan 2010 22:18

    Die verkommene politische Klasse

    Grandt schreibt u.a.: "In dieser widersprüchlichen Gemengelage wird das einfache Parteimitglied nie ganz hinter die Absichten und Machenschaften der Protagonisten schauen." Ja, warum eigentlich? Weil die Protagonisten offensichtlich etwas zu verbergen haben. Das, was ja doch jeder weiß: Zu allererst zieht es sie ans Geld. Deshalb will man Kandidat sein, deshalb will man ein Mandat haben. Für Ehre, Freiheit, Zukunft und Gewissen, für Gerechtigkeit und Solidarität zieht heute keiner mehr in Parlamente. Das sind Themen, die man bei der Kandiatenkür ganz nach oben stellt (als Protagonist, der seine wahren Absichten zu verbergen sucht) und erst wieder hervorkramt, wenn man dann fest im Sattel sitzt; wohl dotiert, versteht sich. Und da ist es weitaus wichtiger, viel Kraft und Energie in die Abwehr bisheriger und künftiger Konkurrenten um die "Plätze an den Fleischtöpfen" zu stecken. Und dann wundern sich einige dieser Platzhirschchen, dass zuweilen mit gewisser, zuweilen gar mit tiefer Verachtung auf sie geschaut wird. Na ja, in Wirklichkeit wundern sie sich natürlich nicht. Dass es in den anderen Parteien genauso zugeht, ist wahrlich kein Trost. Die politische Klasse (besser: Kaste) ist eine der verkommensten in diesem Land.

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    • WinfriedSobottka, 24. Jan 2010 06:15

      Sie bestätigen unsere Generalklage

      Sie schreiben: "Für Freiheit, Zukunft und Gewissen, für Gerechtigkeit und Solidarität zieht heute keiner mehr in Parlamente." Stimmt genau. Diejenigen, die sich tatsächlich aus ideellen Motiven irgeneiner Partei nähern, egal (!), welcher, werden von den Funktionären sofort instinktiv als Feinde erkannt und gemobbt. Wenn ich an die kommende Landagswahl in NRW denke, wird mir schlecht. Es gibt keine Partei, die ich wählen könnte, ohne mich schwarz zu ärgern. Also werde ich wohl nicht wählen gehen. In Thüringen würde ich Die Linke wählen, in NRW kann ich es nicht, weil ich zu gut weiß, was mit dieser Partei in NRW los ist.

      Im Grunde bestätigen Sie unsere Generalklage: Die psycho-sozial kranke, asozialisierte Gesellschaft ist zu sauberer Politik absolut unfähig. Entsprechend muss gesundes Sozialleben und der Weg dorthin zum öffentlich sauber diskutierten Thema gemacht werden. Winfried Sobottka (Lünen, NRW), United Anarchists.

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      • WinfriedSobottka, 24. Jan 2010 06:21

        Kleine Korrektur:

        Ich werde natürlich wählen gehen - und ungültig wählen, damit mein Unwille in die Wahlstatistik eingeht.

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  • WinfriedSobottka, 23. Jan 2010 15:04

    Man sollte sich das Urteil nicht zu einfach machen.

    Wer eine Organisation bekämpfen will, tut das am besten von innen, wer eine Organisation auf einen anderen Kurs bringen will, tut das auch am besten von innen. Die Neoliberalisierung der SPD begann u.a. mit dem "Seeheimer Kreis", bei den Grünen waren es die sog. "Realos" unter Führung von Fischer. Auf den ursprünglich öffentlichen Vorstandssitzungen der Grünen hat Fischer den cholerischen Macho abgegeben, die basisdemokratischen Frauen so zur Sau gemacht, dass sie weinten. Für Fischer hat es sich erkennbar ausbezahlt, wenn man die Wertmaßstäbe der kranken Gesellschaft zugrunde legt.

    Wer tatsächlich meinen sollte, in der Die Linken seien nur linke Idealisten am Werke, muss in bemerkenswerter Weise naiv sein. In der Partei gibt es die Pfründenritter, die Berufspolitiker, U-Boote des Staatsschutzes und des Kapitals, zudem linke Idealisten, die in Wahrheit keine klaren Zielvorstellungen haben.

    Wo verschiedene Menschen verschiedene Ziele haben, gibt es Konfliktpotential, gelegentlich entzünden sich dann Konflikte.

    Die Linke ist eben nicht wirklich anders als die anderen Parteien. Winfried Sobottka, United Anarchists

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  • karmad, 23. Jan 2010 12:48

    Oha, ...

    ... eine gefährlich ins Mark treffende Kritik, unangenehm nach allen Seiten und noch schlimmer: konstruktiv.

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