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Von Martin Ling 26.01.2010 / Nord-Süd

Haiti bedarf radikalen Wandels

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Faktisch ist an Wiederaufbau in Haiti noch eine geraume Zeit nicht zu denken. Theoretisch kann nicht früh genug damit begonnen werden, den Neustart des gebeutelten Staats vorzubereiten. Auf dem Krisentreffen am Montag im kanadischen Montréal sollten erste Schritte beschlossen werden. Theoretisch liegen ein paar notwendige wiewohl nicht hinreichende Bedingungen auf der Hand: Haitis Auslandsschulden müssen komplett gestrichen und der Wiederaufbau über Schenkungen statt wie üblich über Darlehen finanziert werden. In der Vergangenheit wurde aus Haiti rausgepresst, was herauszupressen war. 2010 stehen 17 Millionen Dollar Schuldendienst an, danach pro Jahr laut Weltbank 10 Millionen mehr, sodass Haiti schon 2013 wieder das Niveau vor der Teilentschuldung 2009 erreicht hätte. Gesamtwirtschaftliche Entwicklung ist so a priori ausgeschlossen.

Ohnehin ist die Auslandsverschuldung seit der Unabhängigkeit 1804 einer der entwicklungshemmendsten Faktoren überhaupt. 150 Millionen Francs musste Haiti Ende der 1820er an Frankreichs König Charles X. zahlen, um als Staat anerkannt zu werden. Den Gegenwert von 22 Milliarden Dollar stellte 2004 der damalige Präsident Aristide Frankreich in Rechnung – erfolglos.

Mit Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beim Londoner Schuldenabkommen 1953 weit pfleglicher umgegangen und neben einer Teilschuldenstreichung die Schuldenbedienung an eine zentrale Entwicklungsbedingung geknüpft: Zahlbar nur bei Leistungsbilanzüberschüssen. Doch um Haiti in die Lage zu versetzen, statt am Tropf zu hängen, Überschüsse zu erzielen, müsste exakt die Liberalisierungspolitik umgedreht werden, die Haiti schon weit vor dem Erdbeben maßgeblich ins Elend gestoßen hat.

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