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Von Susann Witt-Stahl, Hamburg 26.01.2010 / Inland

Albtraum in Blau-Gelb

Hamburger Geschäftsleute, CDU und Grüne wollen lieber IKEA als ein Stadtteilzentrum in Altona

Künstler und andere Kreative beklagen in einem Manifest unter dem Titel »Not In Our Name«, dass die Hansestadt als Marke Hamburg in die Medien eingespeist wird. Die Altstadt des Stadteils Altona, ein traditionsreiches Arbeiterviertel, droht nun sogar, zur Marke IKEA zu veröden.
Das Frappant-Gebäude in Hamburg-Altona. Eine Initiative wil
Das Frappant-Gebäude in Hamburg-Altona. Eine Initiative will verhindern, dass IKEA dort eine Innenstadt-Filiale errichtet.

Der schwedische Konzern hatte im Juli 2009 in Hamburg-Altona das Frappant-Gebäude am Ostende der Einkaufsmeile Große Bergstraße für 11,5 Millionen Euro von der bayerischen Immo Trading erworben. IKEA will den fünfgeschossigen grauen Betonklotz, der in den frühen 1970er Jahren errichtet wurde, abreißen und durch einen sechsgeschossigen blau-gelben Bau ersetzen: sein erstes innerstädtisches Möbelhaus in Kontinentaleuropa – und die dritte Filiale in Hamburg.

Vor allem benachbarte Geschäftsleute begrüßen die Ansiedlung »als Startschuss für die Revitalisierung«, wie die Interessengemeinschaft EinkaufsCityAltona (ECA) jubelt. Der Standort war nach dem Auszug des Karstadt-Kaufhauses aus dem Frappant-Komplex 2003 heruntergekommen – in kommerzieller Hinsicht.

Ateliers und Probenräume

In künstlerisch-kreativer Hinsicht, so meinen nicht wenige Anwohner, habe die Gegend eher gewonnen: In den vergangenen Jahren hatten sich rund 120 bildende Künstler, Musiker, Designer, Architekten und Fotografen im Frappant-Gebäude niedergelassen, Ateliers und Probenräume eingerichtet. Zusammen mit Anwohnern, die den Albtraum in IKEAs Blau-Gelb nicht vor ihrer Tür haben wollen, tägliches Verkehrschaos und steigende Mieten befürchten, arbeiten sie in der Initiative Kein IKEA in Altona! an einem alternativen Nutzungskonzept für den Komplex.

Entgegen dem IKEA-Werbeslogan »Wohnst Du noch oder lebst Du schon?« möchten die Mitglieder der Initiative schöner leben und schöner wohnen: Sie wollen dem Geisterhaus neues Leben einhauchen – und es in ein »StadtHaus« für verschiedene soziale und kulturelle Einrichtungen mit einer Kita, einem Seniorentreff und günstigem Wohn- und Freiraum für künstlerische Experimente umwandeln.

Faire Abstimmung verlangt

Diese Pläne gefallen der ECA, aus der eine Initiative Pro IKEA hervorgegangen ist, sowie der CDU-GAL-Bezirksregierung gar nicht: »Dieser Stadtteil ist dem Niedergang geweiht«, appellierte die grüne Fraktionschefin Gesche Boehlich an die Gegner des Möbel- McDonald’s, den schwedischen Großinvestor als Retter in der Not willkommen zu heißen.

Um die Aufmöbelung Altonas voranzubringen, brachte Pro IKEA einen Bürgerentscheid mit aufwendiger Werbekampagne auf den Weg. Die Wahlbeteiligung war mit 43 Prozent entsprechend groß. Letzten Donnerstag wurde das Ergebnis bekannt gegeben: 77 Prozent der Altonaer stimmten mit Ja. Eine klare Sache – wäre da nicht der Antrag für einen zweiten Bürgerentscheid, den die IKEA-Gegner bereits vor der Auszählung eingereicht hatten: »Wir brauchen eine faire Abstimmung, bei der alle Fakten auf dem Tisch liegen«, begründet Maarten Thiele, ein Sprecher der Initiative Kein IKEA in Altona!, ihr Vorgehen. »Die Fragestellung der Befürworter war nicht neutral, sondern suggestiv. Das war kein Bürger-, sondern ein Politikbegehren.«

Pro-IKEA-Sprecher Klaus-Peter Sydow, der »überwältigt von dem Erfolg« seiner Initiative ist, mahnt zur Eile und findet: »Die Politik muss sich jetzt etwas einfallen lassen.« Das meinen auch andere IKEA-Befürworter: Die Hamburger CDU und die Handelskammer fordern, der Senat möge die endgültige Entscheidung durch Evokation an sich ziehen. Das ist in Stadtstaaten möglich, wenn Landesinteressen durch kommunale Beschlüsse berührt werden: IKEA drängt auf eine rechtsgültige Zusage, weil die Rücktrittsfrist für den Kaufvertrag im Februar ausläuft. »Wenn IKEA wegen einer weiteren Verzögerung abspringt, würde der klar bekundete Bürgerwille ausgehebelt«, lautet der Vorwurf des GAL-Fraktionschefs in der Bürgerschaft, Jens Kerstan, an die IKEA-Gegner.

Schwarz-Grünes Spiel

Die zeigen sich aber unbeeindruckt. Sollte das zweite Bürgerbegehren verhindert werden, wollen sie mit der Hamburger Bewegung Recht auf Stadt – ein großes Bündnis, das sich unter anderem am Hafenrand gegen Gentrifizierung engagiert – im Rücken weiterkämpfen. Maarten Thiele: »Wir werden mit vielfältigen Aktionen gegen das undemokratische Spiel der schwarz-grünen Regierung antworten.« Wie inzwischen verlautete, wird auch die Möglichkeit einer Klage geprüft.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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