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Von Ingrid Heinisch 27.01.2010 / Inland

Die letzte Station des Leidens

Während das Ende des Nationalsozialismus nahte, starben auf den Todesmärschen Tausende von KZ-Gefangene

Als die Rote Armee in den letzten Kriegsmonaten anrückte, wurden viele KZ-Häftlinge von den Nazis ins westliche Reich verlegt. Unzählige starben dabei. Das Internationale Ausschwitz Komitee widmet den Opfern der Todesmärsche eine neue Internetseite.
KZ-Überlebende erinnern im »Totenwald« in der N&#
KZ-Überlebende erinnern im »Totenwald« in der Nähe von Wittstock an die Opfer der Todesmärsche.

»Wir Überlebenden reden über unsere Verhaftung, wir erzählen, wie wir ins Gefängnis gekommen sind, danach ins Ghetto und dann ins Lager, aber nicht über diese letzte Etappe. Über sie reden wir kaum. Es war die letzte Station unseres Leidenswegs, wenn Sie so wollen: unserer via Dolorosa, gewissermaßen der Höhepunkt des Vernichtungswillen der Nationalsozialisten.« Marian Turski hat Auschwitz überlebt, und dann den Todesmarsch. Er beschreibt ein Tabu unter den ehemaligen Häftlingen – dass nach Auschwitz noch irgendetwas schlimmer sind konnte. Aber so war es. Die Todesmärsche waren schlimmer.

Als die Rote Armee am 27. Januar das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau erreichte, fand sie dort nur wenige Überlebende. Über eine Million Tote, das ist die Bilanz der fünf Jahre des Konzentrationslagers. Und 60 000 Überlebende. Es wären noch viel mehr gewesen, hätten sie alle bis zur Befreiung im Lager bleiben können. Aber die SS schleppte alle Häftlinge, die nur irgendwie in der Lage dazu waren, mit sich fort. Oft von einem Lager zum anderen, immer tiefer ins Gebiet des nationalsozialistischen Reiches hinein. Deshalb hat das Internationale Auschwitz Komitee auf seiner Homepage eine Seite zum Thema Todesmärsche eingerichtet und damit dem Wunsch der Überlebenden wie Marian Turski entsprochen. Dort finden sich Berichte über Schicksale und Etappen der Todesmärsche. Die Seite soll bis zum 8. Mai ständig erweitert werden.

»Es war«, so Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Ausschwitz Komitees, »eine zweite Apokalypse. Häftlinge wurden aus ihrem gewohnten Alltag, schrecklichen Alltag, aber doch gewohnt, hinaus gerissen in diese Unbehaustheit. Sie wussten doch, dass die Front und damit die Befreiung naht. Und jetzt zu wissen, wir gehen von dieser Freiheit weg, tiefer in die Hände des Feindes hinein, das war eine Horrorvision, ein nicht endender Albtraum.«

Die Häftlinge, die Kriegsgefangenen, die Zwangsarbeiter haben in diesen Monaten einen hohen Preis gezahlt. Hatten Anfang Januar noch 714 000 KZ-Häftlinge gelebt, so waren es vier Monate später noch höchstens 500 000. Mindestens ein Drittel hat in diesem kurzem Zeitraum noch den Tod gefunden: in den überfüllten Konzentrationslagern, auf den Todesmärschen und in den Todeszügen, die sie zu immer neuen Lagern bringen sollten, um zu verhindern, dass die Alliierten sie befreien konnten.

Immer nach Westen

Das Kapitel dieser Todesmärsche und -züge ist der Forschung lange entgangen. Erst vor etwa zehn Jahren hat die Wissenschaft begonnen, sich damit intensiver zu beschäftigen. Um es in Worten Noach Flugs, des Präsidenten des Internationalen Auschwitz Komitees, auszudrücken: »Auschwitz war schrecklich, ein nicht enden wollender Albtraum, aber der Todesmarsch und Ebensee (das Lager, in dem er befreit wurde) war die Hölle.«

Es begann im Januar mit der Evakuierung von Auschwitz, oft erst nur zum KZ Groß-Rosen in der Nähe von Breslau, und dann immer weiter nach Westen. Auch Raphaél Esrail glaubte, Schlimmeres als das, was ihm bisher geschehen war, könne ihm nicht mehr widerfahren, als er am 18. Januar mit seinen französischen Freunden das Lager verließ: »Wie oft hatten wir von der SS gehört: Hier gibt es nur einen Weg hinaus und der führt durch den Schornstein, und nun gingen wir aufrecht und mit Hoffnung hinaus.«

Es herrschten 20 Grad Frost, es war klar, ohne Schuhe würde er nicht weit kommen. »Mein Freund Michel hat mir im SS-Magazin für den Abmarsch ein wunderbares Paar Reitstiefel organisiert, die meine Holzpantinen ersetzen sollen. Sie sind mir ein wenig zu klein.«

In Gruppen zu 500 verließen die Häftlinge das Lager. Die französische Gruppe hielt zusammen. Selbst die Brotration für den Marsch trug immer einer für alle gemeinsam. Am Wegesrand lagen umgestürzte und verlassene Wagen, erfrorene Pferde, die Beine in die Luft gestreckt.

Der Marsch verlief während der Nacht nicht langsamer. Die Holzschuhe lösten sich auf und fielen von den Füßen. »Unsere geschwollenen Füße sind verletzt, eisig und schmerzen. Meine Schuhe drücken auf meine Knöchel. So dass sie bluten. Aber ich habe nicht den Mut sie auszuziehen, da ich genau weiß, dass ich nicht mehr im Stande sein werde, sie wieder anzuziehen. Viele von denen, die ihre Schuhe ausziehen, zahlen das mit dem Leben. Weil sie nicht weitergehen können, werden sie erschossen.«

Die Dörfer, die sie durchquerten, schienen verlassen. Wer deutsch oder polnisch sprach, wagte die Flucht, oft mit Erfolg. Schließlich erreichten sie einen Bahnhof und wurden in Waggons getrieben. Zur Wahl standen offene und geschlossene. Die kleine Gruppe von nur noch vier oder fünf Französen entschied sich für einen geschlossenen Waggon, weil es dort wärmer sein würde. Mit Hieben wurden die Häftlinge in die Waggons getrieben, bis sie so eng aneinander gepfercht waren wie Streichhölzer in der Schachtel.

Fünf Tage fuhr der Zug, einem unbekannten Ziel entgegen: »Ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne frische Luft. Es ist heiß, sehr heiß. Die Toten häufen sich in der Mitte des Waggons. Unser Wagen ist zum rollenden Grab geworden.« Einer der Kameraden halluzinierte. Er bat Raphaél, ihn zu taufen, er wollte katholisch sterben. Raphael schlug das Kreuz über ihm und sagte: »Pierre, ich mache dich zum Katholiken.« Ruhig starb Pierre in seinen Armen.

Schließlich erreichten sie Dachau. Erst dort wagte Raphaél Esrail, die Stiefel von den blutenden Füßen zu ziehen. Er hatte Glück im Unglück. Dachau war die Endstation seines Leidens. Dort wurde er befreit.

Völlig überfüllte Lager

Viele Häftlinge haben mehrere dieser Todesmärsche mitmachen müssen. Das führte zur völligen Überfüllung einiger Lager, etwa in Bergen-Belsen, Ravensbrück und Ebensee, und zu fürchterlichen Lebensbedingungen für die Häftlinge. Am Ende konzentrierten sich die Transporte und Häftlingsmassen an der Ostsee, in Bayern und in Mauthausen und seinem Nebenlager Ebensee in Österreich. Das waren die Orte, die die Alliierten erst in den letzten Tagen des Krieges erreichten.

Zuerst hatten diese Transporte vor allem ein Ziel: die Arbeitskraft der Häftlinge rücksichtslos auszubeuten. Dies galt für die ungarischen Juden, die als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, dies galt für die unterirdischen Rüstungsanlagen, die bis zuletzt geplant wurden, z. B. die gigantischen Stollen von Dora Mittelbau, in denen schon Produktion stattfand und die gleichzeitig immer weiter ausgebaut wurden. In Ebensee rückten die Häftlinge bis zuletzt aus, um mit Hacke und Schaufel Stollen für riesige Fabrikhallen zu graben.

Aber es ging nicht nur um die Ausbeutung der Häftlinge, sondern sie sollten, so ein Himmler-Befehl vom 14. April 1945, keinesfalls »lebend in die Hände des Feindes fallen«. Ob die SS fürchtete, die Häftlinge könnten ihre Verbrechen bezeugen, ist nicht sicher. Viele SS-Leute hielten ihr Handeln ja nicht einmal für ein Verbrechen. Es war ihnen offensichtlich unvorstellbar, ihre Macht über diese Menschen aufzugeben. Es waren oft die Entscheidungen von relativ unwichtigen NS-Funktionären, die den Tod von hunderten, wenn nicht sogar tausenden Häftlingen verursachten. Sicher ist: In diesen allerletzten Kriegsmonaten kam das KZ vor der Haustür der Deutschen an. Unübersehbar waren die endlosen Kolonnen von Menschen, die sich durch die Dörfer quälten, unübersehbar ihr Leid, unübersehbar die Leichen, die ihren Weg säumten: erschossen, erfroren, aus Schwäche liegen geblieben.

Im Netz: www.auschwitz.info/d/testimonials/todesmarsch.de.html

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