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Von Andreas Heinz
28.01.2010

Mordanstalt Heilstätte

Totenbücher aus Meseritz-Obrawalde an das Landesarchiv übergeben

Zum offiziellen Gedenktag für die Opfer des Holocaust erinnerte am Mittwoch nicht nur das Land Berlin an die Massenmorde der Faschisten in Hitler-Deutschland. Auch viele Institutionen in der Hauptstadt mahnten, die Ermordeten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen – zum Beispiel Tausende von psychisch Kranken, die während der so genannten Euthanasie-Aktion in den zu Mordanstalten umfunktionierten Heilstätten systematisch umgebracht wurden.
Stolperstein für Paulina Frommholz ND-Fotos: Camay Sungu
Stolperstein für Paulina Frommholz

Die Berlinerin Paulina Frommholz hielt sich nicht so strikt an die Verdunklungsvorschriften während des Krieges im Jahre 1943. Das war ihr Todesurteil. Die 69-Jährige wurde von Ärzten als »gemeingefährlich geisteskrank« eingestuft und in die Heilstätten Meseritz-Obrawalde im heutigen Polen »verlegt«. Das war am 12. November 1943. Wenige Wochen später, am 3. Dezember, starb Paulina Frommholz. Offizielle Todesursache: Altersschwäche. »Wer nicht ordentlich verdunkelte, wurde schon als Gefahr für die Allgemeinheit eingestuft«, so Uwe Schaper vom Landesarchiv Berlin. Mit ihrem Mann August lebte Paulina Frommholz im Haus Kreuzbergstraße 72 im gleichnamigen Bezirk. Heute erinnert dort ein Stolperstein an die Ermordete.

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Ein Kranz im Schnee an der Gedenktafel an der Tiergartenstraße 4

So wie Paulina Frommholz erging es weiteren geschätzten 10 000 psychisch kranken, körperlich Behinderten und unbequem gewordenen Menschen allein in der 1904 eröffneten »Provinzial-Irrenanstalt Obrawalde bei Meseritz«. Jetzt übergaben der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Stiftung Topographie des Terrors die Sterbebücher mit 5000 Namen dort Getöteter an das Landesarchiv. 1942 begannen die Morde durch Verabreichung von tödlichen Dosen Skopolamin und Morphium. Skopolamin lähmt das zentrale Nervensystem und wurde gegen Reisekrankheit und zur »Beruhigung von Geisteskranken« gegeben. Der von den Nationalsozialisten benutzte Begriff »Euthanasie« müsse aus dem Sprachgebrauch verschwinden, forderte Barbara John, die Vorsitzende des Paritätischen. »Das war keine Sterbehilfe, das war Mord.«

»Wer waren die, die ihre Mitmenschen ermordeten?«, fragte Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors. »Es waren nach außen hin ganz durchschnittliche Menschen, die jedoch ganz genau wussten, was sie taten: Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger. Sie haben die ihnen anvertrauten Patienten einfach umgebracht.«

»Ein Mensch wird vergessen, wenn sein Name vergessen wird«, sagte Sigrid Falkenstein vom Runden Tisch Tiergartenstraße 4. Das war die Adresse der Planungszentrale in Berlin für die »Verlegungen« in die Tötungsanstalten. »Über diese NS-Medizinverbrechen wurde viel zu lange geschwiegen«, sagte Falkenstein. Über »Euthanasie im Nationalsozialismus« gebe es in etlichen Lexika heute noch beklemmende bis skandalöse Falschinformationen und Verharmlosungen, kritisierte Uwe Schaper. Und in der Politik sei die Aufarbeitung immer noch nicht richtig angekommen – eine »unanständige Nachlässigkeit«.

Mit einer Kranzniederlegung am Ort der Berliner Mordplanungszentrale Tiergartenstraße 4 erinnerte auch der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Huppe, an diese Opfer des Nationalsozialismus. »Über 100 000 Behinderte wurden getötet«, sagte Huppe. Bereits ab 1934 seien »Erbkranke« systematisch erfasst worden.

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