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Von Gabriele Oertel 29.01.2010 / Inland

LINKE streitet über Tandem-Lösung

Ost-Politiker kritisieren Personalkompromiss – Lafontaine sieht Partei im Westen nicht stabil genug

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In die LINKE kehrt keine Ruhe ein. Die am Dienstagmorgen bekannt gewordene geplante Nachfolgeregelung an der Parteispitze wird in Ost-Landesverbänden heftig kritisiert. Parteichef Oskar Lafontaine sieht indes im Westen noch zu wenig Stabilität.

»Komm lieber Mai und mache ...«, dürfte mancher der Genossen derzeit nicht nur wegen des andauernden Winterwetters hoffen. Aber bis zum Rostocker Parteitag, auf dem eine neue Parteiführung gewählt wird – und Lafontaine wie auch Parteichef Lothar Bisky und Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch nicht mehr antreten –, gehen noch 15 Wochen ins Land. Zeit genug, nach den heftigen Gefechten der letzten Wochen wieder zum politischen Tagesgeschäft zurückzufinden – oder genügend Raum, um sich zwischen West und Ost weiterhin zu zerfleischen?

Derzeit sieht es eher nach Letzterem aus, auch wenn Niedersachsens Landeschef Diether Dehm »kein Misstrauen zwischen Ost und West« ausmachen kann. Am Mittwoch hatten sich Hamburgs Linksfraktionschefin Dora Heyenn und ihre hessische Amtskollegin Janine Wissler »zuversichtlich« und »froh« über die Doppelspitze und die schnell gefundene Lösung geäußert. Am Donnerstag meldete der sachsen-anhaltische Landeschef Matthias Höhn via »Süddeutsche Zeitung« seinen Widerspruch zur auch mit seiner Stimme in der Nacht zum Dienstag beschlossenen Nachfolgeregelung an. Der ausgehandelte Kompromiss sei für die östlichen Landesverbände eine »Zumutung«, erklärte Höhn. In besagter Nacht habe er vor der Alternative gestanden, dem Paket zuzustimmen »oder alles platzen zu lassen«. Zwei Tage danach hält Höhn insbesondere die Tandem-Lösung für die Bundesgeschäftsführung für falsch. »Die Geschäftsführung gehört in eine Hand«, ist der Landeschef gewiss. Er wird dabei auch vom Chef der Linksfraktion im Magdeburger Landtag, Wulf Gallert, und dessen Amtsbruder aus Mecklenburg-Vorpommern, Helmut Holter, unterstützt. Gallert gab zu Protokoll, dass für ihn die Struktur der Doppelspitze ohnehin »eine Menge Risiken« berge, aber möglicherweise bei den Parteichefs im Moment unumgänglich sei. Dass das aber gleich zweimal – mit zwei Bundesgeschäftsführern und zwei Vereinigungsbeauftragten – weitergetrieben werden soll, »spitzt die Situation zu«, so Gallert.

Die Gefahr einer Zuspitzung – wenn auch eher durch Äußerungen von Höhn, Holter und Gallert – sieht auch der Koordinierungskreis der Antikapitalistischen Linken in der Partei. Er äußerte »große Sorge« darüber, dass der erreichte Kompromiss über das künftige Spitzenpersonal der Partei »von einzelnen Parteifunktionären jetzt wieder infrage gestellt wird«. Notwendig sei »ein hohes Maß an Zurückhaltung«, um die erreichte Vertrauensbasis nicht zu gefährden und eine gute Zusammenarbeit zu gewährleisten.

Um die Zusammenarbeit bangt auch die dienstälteste Landeschefin Eva Bulling-Schröter. Sie, die seit 1990 PDS-Mitglied ist und zehn Jahre dem bayerischen Landesvorstand vorsteht, hat in der Nachtsitzung am Montag eine wieder größer gewordene »Distanz zwischen Ost und West« ausgemacht, die sie sich nicht erklären kann. »Dabei haben wir doch Probleme, die sich immer mehr angleichen«, sagte sie gegenüber ND mit Blick auf die Arbeitslosigkeit.

Eine andere Angleichung treibt Oskar Lafontaine um. Der hat in einem Interview mit dem »Stern« auf die Frage, was die größte Schwäche der Linkspartei sei, geantwortet: »Dass sie im Westen nicht stabil genug ist«. Hier sei noch Aufbauarbeit zu leisten, weshalb er von einer ersten erfolgreich abgeschlossenen Aufbauphase spreche. Diese Auffassung teilt auch das für den Westaufbau zuständige Parteivorstandsmitglied Ulrich Maurer. »Es wäre ja auch ein Wunder, wenn wir schon alles innerhalb von zweieinhalb Jahren geschafft hätten«, erklärte Maurer gegenüber ND. Die LINKE habe im Westen »aus dem Stand« mehrere Landtagsfraktionen »aus dem Boden gestampft«. Eines ihrer größten Probleme wäre ihr Erfolg: »Nach der Gründung der Partei sind inzwischen doppelt so viele Mitglieder eingetreten, als wir ursprünglich hatten. Das ist eine riesige Integrationsaufgabe.«

Auch Hessens Linksfraktionschef Willi van Ooyen zeigte sich zuversichtlich. Nach heftigem »Rütteln und Schütteln« mit personellen Auseinandersetzungen und anderen Querelen im Landesverband ob zweier Wahlkämpfe unter »brutalsmöglichen Bedingungen« sei die LINKE heute in Hessen ruhiger aufgestellt als andere Landesverbände. Van Ooyen hält allerdings Streit nicht für einen Untergangs-Indikator und erinnert an die heftigen Zerwürfnisse bei Attac nach dem G8-Gipfel in Heiligendamm, die das globalisierungskritische Netzwerk dennoch wieder überwunden habe.

Doppelspitze

Die Doppelspitze ist keineswegs eine Erfindung der Grünen, obwohl sie hierzulande zumeist mit ihnen verbunden wird. Sie führten diese auch erst Anfang der 90er Jahre mit der Vereinigung der Grünen-West und Bündnis-90-Ost ein (zuvor gab es drei gleichberechtigte Sprecher bzw. Sprecherinnen).

Das wohl älteste bekannte Vorbild der Doppelspitze findet sich indes im Rom der vorchristlichen Zeit. Das Consulat (das höchste zivile und militärische Amt in der römischen Republik) wurde jeweils doppelt besetzt, auf ein Jahr gewählt, eine direkte Wiederwahl war nicht möglich. Die Kandidaten schlossen in der Regel einen Pakt, weil dieser die Wahlchancen für beide erhöhte. Nicht selten handelte es sich dabei um Rivalen, wie im Falle der Konsuln Pompeius und Crassus im Jahr 70 v.u.Z., die sich beide für die erfolgreichsten Heerführer hielten, namentlich bei der Niederschlagung des Sklavenaufstands.

In jüngerer Zeit wurden gelegentlich auch im außerpolitischen Raum Doppelspitzen installiert. Sie gelten als zeitweise geeignetes Instrument nach organisatorischen Vereinigungen oder zur Krisenbewältigung, so bei Airbus und ThyssenKrupp, beim Deutschen Fußballbund und in den Chefredaktionen von »Spiegel«, »stern« und »Der Tagesspiegel«.

In einigen Kommunalverfassungen wurde zeitweise auch mit einem Modell »unechter« Doppelspitzen experimentiert. In solchen Fällen sind die beiden Spitzenfunktionen nicht gleichberechtigt, sondern sie haben geteilte Aufgaben, etwa die Zuständigkeit für Verwaltung und die für politische Repräsentanz.

Bei der LINKEN gibt es eine Doppelspitze der Vorsitzenden seit ihrer Gründung im Juni 2007. Laut einer »Übergangsbestimmung« in der Bundessatzung der Partei soll die Doppelspitze bislang nur »bis zur Wahl des Parteivorstandes im Jahr 2010« gelten. jrs

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Führungswechsel in der LINKEN

    Das Dossier »Führungswechsel in der LINKEN« beleuchtet mit Interviews, Reportagen und Kommentaren die Frage die anstehenden Entscheidungen zur Führungsspitze der LINKEN. Mehr

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4 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Spitzmaus51, 29. Jan 2010 06:39

    Die Linke auf den Weg in die politische Bedeutungslosigkeit ?!

    Was hat die Linken geritten, in einer Zeit , in der die schwarz-gelben Volksvertreter an Unglaubwürdigkeit kaum noch zu übertreffen sind, sich im Rampenlicht der Medien auf dieses politische Glatteis zu begeben !
    Statt sich auf die Problemen derer zu konzentrieren, dessen Stimme man bekommen hat, verliert man sich in Grabenkämpfe.
    Man braucht sich dann nicht zu wundern, wenn der Wähler sich nun auch von den Linken abwendet, dasr Heer der Nichtwähler schein weiter zu wachsen ........!?

    Die da unten , die da oben....... !??
    Vorschlag an die Führung der Linkspartei, um nicht noch mehr Porzelan zu zerschlagen, sollte man keine Ideen mehr haben, diese Situation in den Griff zu bekommen, vielleicht mal die Basis befragen !
    Vielleicht nähert man sich auf diesem Weg den politischen Tagesaufgaben auf kurzen Weg , bis Mai ist noch ganz schön lang.

    Macht, bzw.scheinbare Macht macht blind ....und da sieht man nicht mehr, was im Volke los ist und das hatten wir schon mal !


    .

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  • WinfriedSobottka, 29. Jan 2010 09:13

    Verkleisterung von Gegensätzen

    Wenn es keine Gegensätze in der Partei gäbe, würde man keine "Lösungen" schaffen, die verschiedenen Seiten scheinbar und in Wahrheit niemandem gerecht werden.

    Das politische Spektrum in der Die Linke reicht von Schröder-SPD bis Luxemburg-KPD, was gar nicht möglich wäre, wenn man inhaltlichen Diskussionen irgendeinen Wert beimessen würde.

    Doch das ist genau das Parkett, das machtgeile Politiker benötigen, um sich "unersetzlich" zu machen, indem sie die Kiste durch charismatische Reden immer dann zusammenhalten, bevor sie unmittelbar auseinander fliegt.

    Das war die Spezialität von Joschka Fischer, von Gerhard Schröder, und wenn ich jetzt noch einen Namen nennen würde, der mit H. anfängt, dann stünde dieser Kommentar womöglich auf der Kippe, aber auch dessen Spezialität war es.

    Aus einer gesunden Buchecker kann eine gewaltige Buche werden, doch aus einer zehn Meter hohen Buche, deren Stamm bereits durch Fäulnis angegriffen ist, wird keine gewaltige Buche mehr werden.

    Anstatt die Partei inhaltlich und demokratisch von unten aufzubauen, ist es jeweils um Machtpolitik und das Schielen auf die nächsten Wahlergebnisse gegangen: Möglichst viele Hoffnungen wecken, möglich wenige Befindlichkeiten verletzen, möglichst keine grundlegenden inhaltlichen Aussagen, auf die man festgelegt werden könnte, möglichst keine Mitbestimmung von unten.

    Aber bevor das Ding auseinander fliegt, wird irgendwer eine flammende Rede halten. Irgendwer aus dem Kreis der Unersetzlichen.

    Winfried Sobottka, United Anarchists

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  • Spitzmaus51, 29. Jan 2010 22:49

    ...möglicherweise sollte man miteinander reden.......

    irgentwie hat er recht,.....mit der Basis......und jetzt muss sich nur noch der Vorstand mit der Basis beschäftigen, möglicherweise wäre eine "Vereinigungsparteitag "von "Ost" und "West"die Lösung........einfach miteinander reden, wie das so ist mit diesem Kapitalismus, die aus dem Westen mit der größeren Erfahrung mit diesem Gesellschaftsystem und die aus dem Ost, die glauben , durch "Mitregieren"den Kapitalismus in den Griff zu bekommen...........ob wir wollen oder nicht, dieses Kaptal ist erbarmungslos, die lIlosion, es zu bändigen, ,eine Hoffnung ,glaube daran, wer willl !..... es geht um Profit....die Banken sind zur Tagesordnung übergegangen.....Boni der Bänker,sie lebt, Obama und die Windmühlen des Kapitals....Don Kichot.........
    Es ist Zeit, das die Linke einfach sagt, wo sie hin will, damit die Menschen konkret wissen, wem sie ihre Wählerstimme geben bzw.in Zukunft geben sollen ...oder auch nicht ! Will man am Gesellschaftsystem dieser BRD rütteln....oder nicht ?!

    Der mit dem H..ich denke ich weiß wer gemeint ist ..war auch schon an der Macht ....und hat auch nichts geändert , oder ? Aber scheinbar an der Macht zu sein, war auch ganz schön ....

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  • sanio, 30. Jan 2010 20:08

    Ich sehe das ähnlich

    Es sieht so aus, als wenn hier einige Funktionsträger der Linken ihre durch das Vertrauen der Wähler und Sympathisanten errungene Bedeutung als Machtposition und Pfründe missdeuten, von der herab sie andere und anders Wahrnehmende und Denkende im eigenen Lager abkanzeln oder sich weitere Machtpositionen sichern können. Blinder geht es nicht. Die Linke ist dann und nur dann stark, wenn sie die Probleme der Menschen im Land aufgreift und Alternativen aufzeigt. Da gibt es kein Ost gegen West und kein schon seit ewig in der Partei gegen Neuling. Wer die Linke kaputtmachen will, soll so weitermachen und Konflikte schüren. Ich bin kein Mitglied der Linken, aber das Trauerspiel der Machtrangelei widert mich an.

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