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Von Thomas Lindner 02.02.2010 / Themen

Mit der »Pille danach« die Kriegsgräuel vergessen

USA-Studie untersuchte seelische Krankheiten von Angehörigen der Soldaten

In einer Untersuchung über die seelische Gesundheit der Ehefrauen von Soldaten aus den USA, die in den Jahren 2003 bis 2006 in Irak, in Saudi-Arabien oder in Afghanistan ihren Dienst taten, fand man heraus: Diese Frauen litten häufiger unter Depressionen, Schlafstörungen, Angst und akuten Stressreaktionen als jene, deren Männer dort nicht kämpften.

Waren Soldaten länger als elf Monate im Kriegseinsatz, nahm die Häufigkeit seelischer Krankheiten bei den Angehörigen weiter zu, so das Ergebnis einer Studie.

Die Autoren analysierten die Daten von über 250 000 Frauen und veröffentlichen ihre Ergebnisse jetzt im angesehenen New England Journal of Medicine. Sie verweisen auf die Unsicherheit ihrer Rückschlüsse, da man die Daten den Krankenunterlagen entnommen und die Frauen nicht einzeln untersucht hatte. So könnten die Frauen weniger psychiatrische Hilfe als erforderlich in Anspruch genommen haben, da seelische Krankheiten in militärischen Kreisen stigmatisiert sind. Die Wirklichkeit, vermuten die Wissenschaftler, könnte dramatischer sein als von ihnen beschrieben. Das US-amerikanische Gesundheitswesen, finden die Autoren, sollte gemeinsam mit militärischen Stellen staatliche Programme zur seelischen Gesundheit der Angehörigen auflegen. Die militärischen Führer sollten Angehörige über bevorstehende Operationen im Kriegsgebiet informieren. Zurückkehrende Veteranen sollten bezüglich der seelischen Gesundheit besser als bisher betreut werden.

In derselben Ausgabe der Zeitschrift beschäftigen sich andere Forscher mit der posttraumatischen Stress-Krankheit im Krieg. Diese seelische Krankheit kann unter schwer verletzten Zivilisten, unter Militärs, die ein Trauma überlebt haben oder bei Folteropfern, auftreten. Die traumatisierten Soldaten, die frühzeitig Morphium erhalten hatten, entwickelten diese seelische Krankheit seltener als anders behandelte Soldaten.

Im Kommentar zu beiden Untersuchungen gibt ein Militärarzt die Richtung der Forschung an: Wenn Ratten eine bestimmte Substanz in eine spezielle Region des Hirn gespritzt wird, entwickeln sie große Angstgefühle. Diese Reaktion lässt sich mit bestimmten Medikamenten – hier sind es Betablocker – reduzieren. »Diese Ergebnisse sollten Forscher motivieren, ihre Anstrengungen zu verdoppeln … [Substanzen] zu suchen, die als ›Pille danach‹ genommen werden können, um die Entwicklung einer posttraumatischen Stress-Krankheit bei Menschen nach einem großen Trauma zu verhindern.« Das würde dann auch die häusliche Situation entlasten, denn Männer mit einer posttraumatischen Stress-Krankheit belasten das Eheleben erheblich.

Fehlt nur noch die »Pille davor« für die Lieben zu Hause, wenn der Kampf beginnt. Wir kennen die »Pille danach« in einem anderen Zusammenhang. Jetzt heißt es anders als früher: »Make war – not love«. Damit der Krieg den Kämpfern (und deren Ehefrauen) nicht so weh tut, sollen neue Medikamente entwickelt werden, die man vor oder nach dem Kampf einnehmen kann. Die Einsicht, dass die Seelen selbst von Soldaten als auch deren Ehefrauen, nicht schadlos unmenschlich belastet werden können und die ins Auge springende Lösung, dass ein Truppenabzug die entscheidende Therapie« ist – darauf kommen die Wissenschaftler leider nicht.

Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin in Hennigsdorf bei Berlin

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