Lange hatte Stalin nicht wahrhaben wollen, was sein Geheimdienst ihm berichtete: Die USA arbeiteten am Bau einer Atombombe. Erst als am 6. August 1945 eine solche Waffe über Hiroshima explodierte, gab auch der Sowjetführer seine letzten Zweifel auf. Bis dahin nämlich hatte er befürchtet, die Nachricht von der militärischen Nutzung der Kernenergie sei ein Bluff der Westalliierten. Nun aber brachte Stalin innerhalb weniger Wochen das Atombombenprojekt der UdSSR auf Touren, welches damals immerhin auf Sparflamme lief.
Denn bereits im Sommer 1940 war dem sowjetischen Physiker Georgi Flerow bei der Durchsicht westlicher Fachzeitschriften aufgefallen, dass sich darin keine Veröffentlichungen mehr über das kurz zuvor entdeckte Phänomen der Kernspaltung fanden. Das könne nur eines bedeuten, schrieb Flerow eilig an Stalin: »Die Amerikaner und Briten sind dabei, eine Atombombe zu bauen.« Dass solche Pläne tatsächlich bestanden, berichtete im Herbst 1941 auch John Cairncross seinem sowjetischen Führungsoffizier Anatoli Gorskij in London. Cairncross gehörte dem britischen Geheimdienst an und war Mitglied des berühmten Spionagerings »Cambridge Five«, der während des Zweiten Weltkriegs die Sowjetunion mit wichtigen militärischen Informationen belieferte.
Doch Stalin blieb zunächst reserviert, was leicht verständlich ist, denn zu jener Zeit war die Rote Armee vollauf damit beschäftigt, die vor den Toren Moskaus stehende deutsche Wehrmacht zu stoppen. Erst nach dem Sieg bei Stalingrad entschied er, das Uranprojekt zu starten, zu dessen wissenschaftlichen Leiter er im Februar 1943 den Kernphysiker Igor Kurtschatow berief.
Kurtschatow wurde am 12. Januar 1903 als Sohn eines Landvermessers in der Nähe von Ufa geboren. Er studierte Physik an der Krim-Universität und arbeitete nach dem Diplom (1923) am meteorologischen Observatorium in Pawlowsk. 1925 wechselte er an das von Abram Joffe geleitete Leningrader Physikalisch-Technische Institut, wo er sich vor allem mit Problemen der Radioaktivität beschäftigte. Von 1937 bis 1939 entstand unter seiner Federführung das erste sowjetische Zyklotron. Nach dem Überfall der Nazis auf die UdSSR arbeitete Kurtschatow in der Rüstungsindustrie und entwarf unter anderem bessere Schutzvorrichtungen für Panzer.
Als einziger Forscher durfte er nach 1943 das aus den USA und Großbritannien eingehende Spionagematerial zur westlichen Atomforschung einsehen. Besonders intensiv studierte Kurtschatow die Berichte des deutschen Physikers Klaus Fuchs, der im Rahmen einer britischen Forschergruppe am Atombombenprojekt der USA mitarbeitete. Fuchs, der als Kommunist 1933 vor den Nazis geflüchtet war, übergab Moskau bereits im Juni 1945 eine detaillierte Beschreibung der amerikanischen Plutoniumbombe, die später über Nagasaki zum Einsatz kam.
Stalin befahl Kurtschatow, bis 1948 ebenfalls eine solche Bombe zu bauen, und legte die Oberaufsicht über das Projekt in die Hände von Geheimdienstchef Lawrenti Berija. Das größte Problem stellte sich gleich zu Anfang: Die UdSSR verfügte nicht über genug Uran für eine Bombe. Aus diesem Grund durchkämmten sowjetische Geologen im Juli 1946 das Erzgebirge, an dessen Nordrand sie fündig wurden. »Mindestens zwei Drittel des Urans für das sowjetische Atomprojekt stammten aus Deutschland«, vermutet der Historiker Rainer Karlsch.
Im November 1946 ließ Kurtschatow in Moskau den ersten Versuchsreaktor errichten, der bereits einen Monat später kritisch wurde. Wie man heute weiß, hielten sich die sowjetischen Physiker bei der Konstruktion ihrer ersten Atombombe weitgehend an die von Fuchs übermittelten Informationen. Um allerdings sicher zu gehen, dass die Amerikaner über diesen Weg den Sowjets keine falsche Daten in die Hände spielten, wurden Kurtschatow und seine Mitarbeiter von Berija angewiesen, alles noch einmal nachzurechnen und zu überprüfen.
Eine besonders heikle Aufgabe übernahm Georgi Flerow. Er versuchte im Experiment herauszufinden, wie groß die beiden Plutoniumhälften für die künftige Bombe sein mussten. Aber auch in Nazi-Deutschland »erbeutete« Kernforscher wurden ins sowjetische Atombombenprojekt integriert. Der Nuklearchemiker Nikolaus Riehl zum Beispiel leitete von 1945 bis 1950 die erste Urananreicherungsanlage in der Nähe von Moskau, während der Physiker Max Steenbeck eine Gaszentrifuge zur Isotopentrennung entwickelte.
Mit einer Verzögerung von einigen Monaten zündete die Sowjetunion am 29. August 1949 ihre erste Atombombe – zum Entsetzen der Amerikaner, die damit frühestens Anfang der 50er Jahre gerechnet hatten. Bei der nun folgenden hektischen Suche nach echten und vermeintlichen »Atomspionen« im Westen wurde auch Fuchs enttarnt und 1950 in England zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. 1959 kam er vorzeitig frei und arbeitete bis zu seinem Tod 1988 als Kernphysiker in der DDR. Übrigens: Der Mann, der den Sowjets vermutlich ein bis zwei Jahre Forschungsarbeit erspart hatte, erhielt aus Moskau nie eine offizielle Anerkennung.
Igor Kurtschatow war 1953 auch am Bau der sowjetischen Wasserstoffbombe beteiligt. Danach setzte er sich in Wort und Schrift für die friedliche Nutzung der Kernenergie ein und forderte einen weltweiten Stopp der Atombombentests. Außerdem leistete er als Wissenschaftler wichtige Beiträge zur Theorie der Atomkerne und zur Plasmaphysik. Er starb am 7. Februar 1960 in Moskau. Ihm zu Ehren nannten sowjetische Forscher das 1964 in Dubna erstmals hergestellte Element 104 »Kurtschatowium« (Ku). Doch es war Kalter Krieg, und im Westen zweifelte man den noch unsicheren Nachweis an. Als US-Forscher 1969 das Element 104 ebenfalls erzeugten, schlugen sie dafür den Namen »Rutherfordium« (Rf) vor, der nach einem langen Streit von einer internationalen Chemikerkommission 1997 endgültig bestätigt wurde.
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