Der Mord an Hatun Sürücü ist fünf Jahre her, vergessen ist er nicht. Mit einer Kranzniederlegung soll am Sonntag am Tatort in Tempelhof an das Opfer eines sogenannten Ehrenmordes gedacht werden. Die Deutsche kurdischen Ursprungs wurde am 7. Februar 2005 von ihrem jüngeren Bruder in der Nähe einer Bushaltestelle in Tempelhof mit mehreren Schüssen in den Kopf getötet. Begründet hat der damals 18-Jährige die Tat damit, dass die Schwester mit ihrem »freizügigen Lebensstil« die Ehre der Familie beschmutzt hätte.
Hatun Sürücü war 1998 vom Gymnasium genommen und in der Türkei zwangsverheiratet worden. Nach der Geburt ihres Sohnes in Berlin weigerte sich die junge Frau, in die Türkei zurückzukehren. Sie zog aus, begann eine Lehre und hatte kaum Kontakt zu ihrer Familie. Das Gericht entschied auf Mord aus niederen Beweggründen und verurteilte den Täter zu einer Jugendstrafe von neun Jahren Haft. Seine zwei älteren Brüder, die mitangeklagt wurden, wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Sie befinden sich derzeit in der Türkei.
Der Mord hatte eine bundesweite Debatte über Versäumnisse der Integrationspolitik sowie über Zwangsheiraten und Ehrenmorde ausgelöst. Leider wurde die Debatte sehr undifferenziert geführt. Obwohl es keine statistische Erhebung über Ehrenmorde in Deutschland gibt, sprachen Zeitungen von einer steigenden Zahl, denn auch Mordfälle aus Eifersucht, die in allen Kulturkreisen vorkommen und üblicherweise als Familiendrama bezeichnet werden, wurden zu Ehrenmorden gezählt. Die UNO schätzt die Zahl der jährlich im Namen der Ehre ermordeten Frauen auf weltweit 5000.
Laut UNO sind diese Straftaten auch in nicht-islamischen Kulturen bekannt, denn mit dem Islam hat der Ehrenmord genauso wenig wie die Zwangsheirat zu tun. »Die Motive liegen vielmehr in Gesellschaften, die von Männern und vom Stammesdenken dominiert werden«, weiß Volkskundlerin Caroline Cöster. Der Kultur- und Sozialanthropologe Werner Schiffauer warnte ebenfalls davor, »mit dem Etikett Ehrenmord die komplexe soziale Realität zuzukleben«. Längst setzt sich auch die türkisch-arabische Gemeinschaft mit diesem Problem auseinander, das in diesen Kreisen vielleicht vereinzelt, aber keineswegs mehrheitlich auf Akzeptanz stößt. Mit Vereinen wie »Heros« in Neukölln, wo Jugendliche in ihrer Schule Mitschüler für das Thema sensibilisieren, oder mit Diskussionsrunden des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB) über Geschlechterrollen soll das Thema aber auch weiterhin Gesprächsstoff bleiben.
»Beratungsstellen und Zufluchtseinrichtungen leisten einen wichtigen Beitrag. Wir führen gemeinsam mit den Communities einen kontinuierlichen Diskurs mit dem Ziel, Gewalt gegen Mädchen und Frauen in jeglicher Form zu ächten«, erklärte Carola Bluhm (LINKE), Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales. Volkskundlerin Caroline Cöster kritisierte hingegen, dass es solche Einrichtungen für Männer nicht gibt, denn auch Männer können Opfer von Ehrenmorden und Gewalt werden.
Im Gedenken an Hatun Sürücü: Kranzniederlegung am 7.2. um 11 Uhr, Oberlandgarten 1/Ecke Oberlandstr, Tempelhof.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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