Foto: Isolde Ohlbaum
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An Vaters Hand hüpft die Kleine. »Fräulein Tongtong hat ein Pongpong ...« Hör mal, die kann schon dichten, sagt der Vater da. – Sie wird das nie vergessen: den kindlichen Übermut, das Lob. Sehnen wir uns alle nicht Zeit unseres Lebens nach solchen Momenten absoluten Behütetseins zurück? Geliebt sein, einfach so und für immer, verstanden werden, schon bevor man der Sprache mächtig ist. Auch wissen Eltern oft gar nicht, was Lob alles bewirken kann.
Freilich sind es selten gerade Linien, die sich durchs Leben ziehen. Der Vater wurde 1944 in Frankreich von einem Granatsplitter am Kopf getroffen, erlebte nicht, wie aus der kleinen Eva Braun die berühmte Eva Strittmatter wurde. Der Junge, der des Mädchens erste Liebe war, erlitt eine Kopfverletzung auf den Seelower Höhen und starb.
Wie viel Leid sich auf die Menschen häufte in dieser Zeit! Wie sie sich da hindurch-, herausarbeiten mussten, vorwärts, nicht zurück. Die Texte, die sie mit zwölf Jahren während eines Ernteeinsatzes schrieb und damals ihren staunenden Mitschülerinnen vortrug, lagen weit hinter ihr, als sie in Berlin Germanistik studierte, heiratete, ihr erstes Kind bekam und wieder geschieden wurde, als sie sich in Erwin Strittmatter verliebte und er sich in sie, als ein weiterer Sohn auf die Welt kam im heute so oft zitierten Jahr 1953, als das Paar 1954 nach Schulzenhof zog und sie die Rolle einer Landfrau übernehmen sollte, was ihr vorher nie in den Sinn gekommen war. Als sie wieder schwanger wurde und sich immer noch vor allem als Literaturkritikerin sah, schreiben, aber auch dem berühmten Mann an ihrer Seite Stütze sein wollte. Aber die Bäume, die auf sie als Zwölfjährige so tiefen Eindruck machten, die Bäume blieben ihr. Sie konnten trösten, wenn es ihr mal nicht gut ging, schon bevor sie Worte dafür fand.
Die Dichtung kam zu ihr wie eine Rettung, als sie in persönlich bedrängender Situation fast nicht mehr weiter wusste. In diesem Sinne existenziell notwendig ist das Schreiben für sie immer geblieben. Es geschah nicht wie bei anderen Autoren auf das Veröffentlichen hin; das war sekundär. Sie holte Worte zu sich heran, ließ sie in sich klingen, verband sie zu Versen, weil sie in dieser Mühe etwas Befreiendes fand. Wenn die Kinder in der Schule waren, Erwin beim Schreiben oder bei den Pferden, ging sie allein in den Wald – in ihre zweite Existenz, eine Geisteswelt. Und was sie bedrängte – das Banale, die Abgeschiedenheit, die Pflichten, die Befürchtung, etwas zu versäumen – all das ließ sich natürlich nicht abschütteln, aber es verband sich mit etwas Größerem, Weiterem, in anderen Zeiträumen Existierendem.
Das karge Gras, die sandigen Wege, »Kiefernwind« und »Ginstergelb«, »die Schlehen, die armen, der Wegerainschaum«, die immer gleichen Bäume im Wechsel der Jahreszeiten, der Himmel, der sich über sie wölbt und der die Frau, die zu ihm aufsieht, mit allen verbindet, die unter diesem Himmel sind. Ganz sie selbst ist sie in solchen Momenten, sich ihrer Zeitlichkeit bewusst und doch auch in der Ewigkeit. Wenn sie nach Hause kommt, das Essen bereitet, damit es für Mann und Kinder pünktlich auf dem Tisch steht, hat sie vielleicht schon wieder einen Reim im Hinterkopf, der nur ihr allein gehört.
Diese Arbeit im Geheimen ist ihr Refugium. Wie sie ihre Empfindungen in Worte fassen und sozusagen aus sich heraus vor sich hinstellen kann, wie sich der Rhythmus formt, der Reim auf eine gleichsam natürliche und unerklärliche Weise, erlebt sie als beglückend und erstaunlich. Insofern hat Eva Strittmatter zunächst immer ganz für sich selbst geschrieben, unbeirrt von Gedanken, was andere davon halten mochten. Vieles zeigte sie ihrem Mann, anderes nicht, manches veröffentlichte sie, einiges blieb in Mappen. Für ihren ersten Gedichtband, »Ich mach ein Lied aus Stille«, 1973, konnte sie schon aus einem großen Vorrat schöpfen. Und wer meint, Verleger und Lektoren (die später über die Publikumsresonanz jauchzten) seien ihren Texten mit offenen Armen entgegengerannt, der irrt. Ach, Gedichte, ach, auch noch gereimt wie anno dazumal, über die Natur, über Privates und nichts über unseren gesellschaftlichen Fortschritt. Und dann noch diese Traurigkeit ... Kann sie nicht mal was Optimistisch-Zukunftsweisendes schreiben, die Frau von Erwin Strittmatter?
Wenn es ihr Mann auch erkannte, so wie einige andere Schriftstellerkollegen auch, das eigenständige Talent von Eva Strittmatter fand in der Öffentlichkeit lange nicht die gebührende Würdigung. Das mochte auch damit zusammenhängen, dass eine männlich dominierte Literaturkritik mit so weiblich geprägten Texten schwer zurecht kam. Sich ihnen anzunähern hätte eines Wortschatzes bedurft, den man erst einmal für sich selbst annehmen muss. Wer über Eva Strittmatter schreibt, kann das nicht unpersönlich sachlich tun. Ihre Texte, die mitunter eingängig wie Volkslieder sind, entfalten ihre Wirkung dennoch erst demjenigen, der sich ihnen zu öffnen wagt. Den starke und widerspruchsvolle Gefühle nicht erschrecken – was überhaupt nicht heißt, dass diese Gedichte nur etwas für Frauen seien. Vielleicht schwingen sich Frauen müheloser darauf ein, Männern dagegen kommen in Lesungen nicht selten die Tränen.
Dabei scheint es oft wie einfaches Sagen – dazu passt Eva Strittmatters Ausspruch, sie sei »so simpel wie Brot« –, an das sich die Leser ihrer Gedichte halten. Da ist weniger zu entschlüsseln als mitzufühlen, woraus bestärkende Mitmenschlichkeit erwächst. Wenn andere Künstler darum ringen, ihrer Einmaligkeit Ausdruck zu geben, geht Eva Strittmatter einen anderen Weg. »Was uns von anderen trennte:/ Das ist gemeinsame Not«, heißt es in ihrem Gedicht »Poetik«. So besonders ein jeder ist – in der Tiefe, im Allerpersönlichsten, Geheimgehaltenen liegt das Verbindende: die Erfahrung der Gattung. Den mühseligen Weg, dorthin vorzustoßen, macht diese Dichterin Lesern leicht. Dafür sind sie ihr dankbar.
Wer Gedichte schreibt, sagt Eva Strittmatter in »Poesie und andre Nebendinge«, habe »wohl ein besonders ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Er versucht, durch Poesie Kräfte und Gegenkräfte ins Gleichgewicht zu bringen. Auch Kräfte und Gegenkräfte, die in ihm selber sind«. Kann man vielleicht sogar sagen, dass ihre Gedichte um so stärker wirken, je mehr sie im Moment ihrer Entstehung aus dem Gleichgewicht war? Lohn und Preis. Beengung und Ringen um Lebensfülle. Sehnsucht nach unbefangenem Glück. Wie damals beim Hüpfen an Vaters Hand: »Fräulein Tongtong hat ein Pongpong ...« Verloren in den Tiefen der Zeit – und doch kam immer wieder ein »blauer Tag«, ein »Schneemorgen«, ein »Nachtigallenmond« ...
Kinderbücher, Prosa, zwölf Gedichtbände – vor kurzem der jüngste, »Wildbirnenbaum« – ein Leben, in dem es immer die Liebe gab, Kinder, Enkel –, und die begeisterten Leser scheinen sogar immer mehr zu werden: Heute wird Eva Strittmatter 80 Jahre alt. »Der einsame Hof. Die zwei Islandpferde ...«, so beginnt ihr Gedicht »Nachricht«, Hermann Kant gewidmet. Heute wird dort viel los sein, die Diele in Schulzenhof wird die Gäste kaum fassen. Und alles voller Blumen, die Eva Strittmatter so liebt. Glückliche und anstrengende Stunden für die Dichterin im Rollstuhl, die irgendwann Ruhe ersehnen wird. Es wird dunkel werden und hell – »und wieder beginnt der Beginn ...«
Ihre literarische Kraft, wird sich auch im Oktober 2010 (Berliner Buchpremiere) in einem Fotobuch fortsetzen, dass in einem Leipziger Verlag mit ausgewählten Gedichten Eva Strittmatters erscheinen wird. Die Berliner Künstlerin und Fotografin Rengha Rodewill, hat die Gedichte Eva Strittmatters in einen Dialog zu den Fotografien gestellt, die in der Deutschen Oper Berlin aufgenommen wurden. Das Buch wird ein besonderer Highlight, man darf jetzt schon sehr gespannt darauf sein!
.....und sie versinkt im tiefer im Sumpf des Kapitals..........
19:30 Uhr, Berlin
Preis: 24,90 €
Preis: 9,95 €