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Von Michael Scheuermann 08.02.2010 / Ausland

Leidvolles Schächten unter EU-Aufsicht

In der spanischen Exklave Ceuta wird der Schlachttierschutz missachtet. Tierschützer dringen auf Einhaltung von islamischen und EU-Vorschriften.

In der spanischen Exklave Ceuta soll die muslimische Schächtpraxis dem EU-Recht angepasst werden. Nach einem ersten Treffen sollen Tierschützer der Stadtverwaltung Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Bis Ende Februar wollen sie dazu ein gemeinsames Papier vorlegen.
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In einem Schlachtzelt an der Avenida Madrid in Ceuta: geschächtet und ausgenommen unter den Augen der Artgenossen Foto: Scheuermann

Nach der Morgenpredigt zum muslimischen Opferfest Id al-Adha beginnt auch in Ceuta das traditionelle Schächtritual. Die Familie, Gäste und vor allem Bedürftige profitieren vom feiertäglichen Fleischsegen. Weltweit wird dafür Millionen von Schafen, Ziegen und Rindern durch Kehlschnitt ein jähes Ende bereitet. Der religiöse Brauch sieht aber auch vor, ganz im Einklang mit EU-Vorschriften, dass der Tod schnell und schmerzlos eintritt. Nicht so in den beiden spanischen EU-Exklaven Ceuta und Melilla an der marokkanischen Küste, wie Julia Havenstein von der internationalen Tierschutzorganisation Animals Angels herausfand. Jedes Jahr müssen dort Tausende von Opfertieren unnötig leiden, weil sie unvorschriftsmäßig transportiert und die Schächtungen ohne Fachkenntnisse durchgeführt werden.

Tierliebe in den islamischen Schriften

Seit 2004 dokumentiert die Juristin aus Baden-Württemberg die untragbaren Zustände gegenüber den Behörden, doch niemand schien das bisher zu interessieren. Seit sich Animals Angels vergangenes Jahr mit spanischen Tierschützern und islamischen Verbraucherorganisationen zusammengetan hat, ist die autonome Verwaltung von Ceuta nun erstmals bereit, Gespräche zu führen: über schonendere Halte- und Schlachtmethoden, lückenlose Kontrollen von der Lebendeinfuhr bis zur finalen Fleischbeschau und Schächtungen, die nur von Fachleuten ausgeführt werden dürften.

»Id Mubarak!« – frohes Fest! – lächelt die 17-jährige Nuria Ilhauri, während sie mit einem Wasserschlauch Blutlachen vom Asphalt spült. »Ganz normal«, sagt die jeansgekleidete Gymnasiastin, die fließend englisch, spanisch, und arabisch spricht. Seit sie sich erinnern kann, nimmt sie am alljährlichen Ritual teil. Neben ihr kniet der älteste Bruder über einem ausblutenden Schaf, das er vorschriftsmäßig und sekundenschnell mit einem einzigen Kehlschnitt getötet hat.

Zehn Familien, teils bunt orientalisch, überwiegend jedoch europäisch leger gekleidet, gehen sich in einem von der Stadtverwaltung am Straßenrand der Avenida Madrid aufgestellten Schlachtzelt gegenseitig zur Hand. Kinder tollen herum, packen mit an.

Kraftarbeit wie das Töten, Häuten und Zerlegen ist dabei traditionell Männersache. Vereinzelt versuchen sich auch Frauen in der männlichen Domäne. In der Regel kümmern sie sich jedoch um die Reinigung, entsorgen die Eingeweide und kokeln in beißendem Holzkohlenfeuer die abgetrennten Schädel aus. Vergleichbares geschieht in zwölf weiteren in den muslimischen Vierteln aufgestellten Zelten und unzähligen Privathäusern.

Trotz des hohen Stellenwerts der Tierliebe in den islamischen Schriften bringt an diesem Tag nicht jeder das nötige Können und Feingefühl auf. Ein Junghammel strampelt mit klaffender Halswunde minutenlang gegen den Tod an. Am anderen Zeltende ist ein Kehlschnitt ebenfalls missglückt und wird »nachgebessert«. Auch dort dauert es viel zu lange, bis das Tier mit weit aufgerissenen Augen lautlos zuckend das Bewusstsein verliert. Derweil drücken sich weitere angeleinte Schafe ringsum an die Außenplanen – gezwungen, auch noch mit anzusehen, wie anschließend ihre Artgenossen gehäutet und ausgenommen werden.

Islamische Ernährungsgebote unterstreichen, dass die Tiere beim Ausbluten nicht leiden dürfen, das Fleisch nur so »halal«, also rein ist. Saudi-Arabien erlaubt deshalb Ritualschlachtungen nur an zentralen Stellen durch speziell ausgebildete Fachkräfte und unter Betäubung. Vergleichbares gibt auch die EU-Schlachtverordnung vor. Umso unverständlicher ist es deshalb für Julia Havenstein, dass in den beiden EU-Außengebieten so etwas geduldet wird. Dort sei als Teil einer Sonderregelung Schächten immer noch für jedermann und ohne Betäubung erlaubt.

»Rund 5500 Tiere« werden in Ceuta auf diese Weise an einem einzigen Tag getötet, erklärt die Animals-Angels-Mitarbeiterin – nur ein Bruchteil davon in den Zelten. Über 90 Prozent dagegen würden unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Höfen, Garagen oder auf dem Balkon geschlachtet. Als Gebietsverantwortliche für Portugal und Spanien besucht sie vom Atlantik bis zu den Balearen regelmäßig Tiermärkte und Schlachthöfe und inspiziert Tiertransporte auf Einhaltung der EU- Vorschriften. Seit nunmehr sechs Jahren setzt sie sich für eine Verbesserung der Halte- und Schlachtbedingungen in der knapp 80 000 Einwohner zählenden Hafenstadt mit über 40 Prozent Muslimen ein und erstattete sogar Anzeige.

Platzverweise für Animals Angels

»Ohne Resonanz«, erklärt die 37-Jährige. Jedes Jahr wieder nahm sie die Fähre über die Meerenge von Gibraltar, um Behörden, Veterinäre und Stallbesitzer davon zu überzeugen, dass die Opfertiere vor und bei den Schlachtungen über Gebühr leiden. In einigen Ställen bekommt sie regelmäßig Platzverweise. Resigniert habe sie deshalb nie, sagt sie – im Gegenteil. Dieses Mal holt sie sich gleich von mehreren Seiten Verstärkung, denn die Gesundheitsministerin der konservativen spanischen Volkspartei Ceutas, Adela Maria Nieto Sánchez, hat erstmals zum gemeinsamen Gespräch geladen. Ein Beschwerdebrief nach Madrid habe die Politikerin wohl zum Umdenken bewegt, vermutet die Tierschützerin.

Animals-Angels-Gründerin und Geschäftsführerin Christa Blanke kommt aus der Frankfurter Zentrale eingeflogen. Mit Alberto Diez von der spanischen Tierschutzorganisation ANDA gibt es bereits eine längere Zusammenarbeit. Direktorin Isabel Romero, Hanif Escudero und Imam Mustapha Hassan vom spanischen Instituto Halal reisen gemeinsam mit Kamila Toby von der muslimischen Verbraucherorganisation Vida Halal aus Cordoba an. Allzu hohe Erwartungen hegen sie vorerst jedoch nicht.

Das Treffen nutzen die Organisationsvertreter, um sich von den Zuständen an den fünf Verkaufsställen ein Bild zu machen. Was sie da sehen, gefällt ihnen gar nicht. Haben die Tiere für je 160 bis 170 Euro den Besitzer gewechselt, werden sie an Hörnern und Fell aus den Ställen geschleift, andere kopfüber auf Schubkarren geladen oder einfach an einem der Hinterläufe gepackt, rückwärts zu Pick-ups und Pkw gezerrt. Von mehreren Männern zu Boden gedrückt und mit Fußfesseln versehen, landen die Tiere zum Abtransport in die Stadtteile auf blanken Ladeflächen oder in stickigen Kofferräumen. Ganz im Widerspruch zur EG-Verordnung 806/2003, die all das ausdrücklich verbietet.

In Ceuta verliert sich die Spur

Die Stallungen, in denen die Tiere bereits drei Wochen vor dem Fest ankommen, entsprächen zwar »weitgehend EU-Vorgaben«, räumt Julia Havenstein ein. Und auch die Tiertransporte aus dem spanischen Mutterland würden korrekt kontrolliert. Sobald die Tiere aber in Ceuta angekommen sind, »verliert sich die Spur«, beklagt die Angels-Verantwortliche. Bis zur Abholung kümmere sich wochenlang kein Amt mehr um korrekte Herkunftsmarken und die Gesundheit der Tiere. Die verantwortlichen Veterinäre begründeten ihr Versäumnis damit, unterbesetzt zu sein.

Animals Angels verlangt daher gemeinsam mit ANDA neben dem Transport zum Schlachtort ohne Gewaltanwendung und Fesselungen auch lückenlose Kontrollen bis zur abschließenden Fleischbeschau. Schächtungen dürften nur von Fachkräften in Schlachthäusern und unter Betäubung ausgeführt werden. Die Schlachthofpflicht hält Animals Angels angesichts des Massenandrangs derzeit jedoch nicht für durchsetzbar und schließt sich dem Instituto Halal an. Das will Schlachtungen weiter in Stadtteilzelten, aber dann ohne Ausnahme und nur von Fachleuten ausgeführt, zulassen. Die Tiere sollten dabei in von den Schlachtzelten abgeschirmten Bereichen untergebracht sein. Betäubung unterstützt Halal als mit dem Koran konform ebenfalls, aber nur wenn sie schonend und jederzeit rücknehmbar sei. Die Behörden müssten sicherstellen, dass nur gesunde Tiere zur Schlachtung kommen und beim Ausbluten nicht litten.

Ministerin Sánchez tritt resolut aber höflich auf. Sie wundert sich, warum sich die Tierschützer um ihren Bezirk und nicht um das noch problematischere Melilla weiter ostwärts kümmerten. Dann lenkt sie ein. Nur wenn die geistlichen Führer, die Imame, überzeugt würden, sei auch die muslimische Bevölkerung bereit, striktere Schächtbestimmungen hinzunehmen. Da baut das spanische Halal Institut bereits erste Kontakte auf.

3 Kommentare zu diesem Artikel

  • Rotspoon, 09. Feb 2010 18:38

    Da haben die Schweine aber Glück

    Das Schächten liegt Tierschützern schon länger auf der Zunge. Da ließe sich was draus machen. Denken wir doch nur mal an die ungeheure Anzahl der schächtenden Muslime, die hinter Al Kaida stehen, aber auch die noch ungeheuer größere Anzahl der schächtenden Muslime, die nicht hinter Al Kaida stehen. Eine richtig große Sau ließe sich durchs Dorf jagen. Einen Anfang wagt das ND hier schon und läßt Frau Havenstein vorangehen. Aber leider wird daraus kein großes Ding, den auch die jüdische religiöse Tradition verlangt das Schächten. Wer nun denkt, da haben die Schweine noch mal Glück gehabt, der irrt gewaltig. Es stirbt sich für ein Schwein nicht leicht auf europäischen Schlachthöfen. Es reist ein Schwein auch nicht besonders schön mit europäischen Viehtransporten. Wie wir hier sehen, kann M. Scheuermann nicht nur schreiben, sondern auch fotografieren (neben bei, woher stammt das Bild?). Soll er doch mal mit Frau Havenstein und Rindern, Schweinen oder Puten auf Europas Straßen in eu-richtlnien-gerechte Schlachthöfe fahren. Das Erlebte dann auf einer ganzen Seite im ND in Schrift und Bild wiedengeben. Wetten, das die Hälfte der ND-Leser danach zu den Veganern überläuft? Er kann aber auch mal koscher schlachtenden Fleischern oder muslimischen Schlachtern in germany über die Schulter sehen. "Kein Vergleich" - wie meine 1879 geborene Großmutter sagen würde.

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  • fuerTiere, 09. Feb 2010 15:00

    Beim Schächten wird einem unbetäubten Tier

    der Hals mit einem Messer von der Kehle aus durchschnitten. Dabei werden bei vollem Bewusstsein Haut, Muskeln, die Halsschlagadern, die Luft- und Speiseröhre sowie die daneben befindlichen Nervenstränge durchtrennt. Die Tiere durchleiden einen Todeskampf, der Minuten andauern kann, mit höllischen Schmerzen, Atemnot und Todesangst und sterben schließlich durch Verbluten. Dieses betäubungslose Schlachten ist Bestandteil verschiedener Religionen und wird vor diesem Hintergrund auch in Deutschland praktiziert.

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    • Rotspoon, 09. Feb 2010 18:46

      Hallo FUERTIERE,

      auch für Tiere sollst Du nicht falsch Zeugnis reden!

      • Permalink

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