Von Steffen Schmidt
10.02.2010

Energie von der Resterampe

Studie der Internationalen Energieagentur über neuartige Biokraftstoffe aus Agrarabfällen

Die Produktion von Biokraftstoffen kann nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) bis 2030 mehr als verdoppelt werden, ohne Anbauflächen für Nahrungsmittel in Anspruch zu nehmen. Die Nutzung von nur zehn Prozent der weltweiten Abfälle aus der Land- und Forstwirtschaft würden genügen, um 125 Milliarden Liter Diesel bzw. 170 Milliarden Liter Ethanol pro Jahr herzustellen, heißt es in einer IEA-Studie, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Biokraftstoffe decken laut IEA heute 1,7 Prozent des globalen Kraftstoffbedarfs im Transportsektor. Nach anfänglicher Begeisterung über den Ersatz fossiler Brennstoffe sind die Mais, Zuckerrohr, Palmöl oder Raps hergestellten Biokraftstoffe der ersten Generation allerdings zunehmend in die Kritik geraten. Denn zum einen führten ihre Produktion zum Ansteigen von Nahrungsmittelpreisen, zum anderen holzte man für ihre Produktion in so großem Umfang Regenwälder ab, dass unterm Strich mehr Treibhausgase frei wurden als die angebauten Nutzpflanzen binden.

Anders als die bisherigen Biokraftstoffe – Diesel aus Pflanzenölen sowie Ethanol aus Zuckerrohr bzw. Getreide – werden die sogenannten Biokraftstoffe der zweiten Generation aus jeder Art von Biomasse hergestellt. Es besteht also nicht notwendig eine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion., weil in diesem Falle auch die Abfälle der Landwirtschaft verwertet werden können.

Als Beispiel einer solchen Nutzung nannte IEA-Studienautor Anselm Eisentraut eine brasilianische Pilotanlage, die mit Unterstützung eines dänischen Enzymherstellers gebaut wird. Dort sollen die pflanzlichen Rückstände der bereits laufenden Ethanolproduktion aus Zuckerrohr ebenfalls zu Ethanol umgewandelt werden. Das würde mit anderen Zellulosequellen wie Stroh oder Holz ähnlich funktionieren. Um das Potenzial der Biokraftstoffe zweiter Generation effektiv zu erschließen, müssen laut der Studie die Schwellen- und Entwicklungsländer einbezogen werden, da dort ein Großteil der Agrar- und Forstabfälle anfällt. Der IEA-Direktor für Energiemärkte und Energiesicherheit, Didier Houssin, sieht einen weiteren Grund für die Konzentration auf die Schwellenländer in deren schnell wachsenden Energiebedarf.

Konkurrierende Nutzungen gibt es allerdings auch bei Abfällen aus Land- und Forstwirtschaft. In einigen Entwicklungsländern sind sie unentbehrlich zur Düngung oder zum Heizen. Deshalb geht die IEA anders als frühere Untersuchungen davon aus, dass allenfalls 10 bis 25 Prozent dieser Abfälle für die Verarbeitung zu Biosprit oder Elektrizität zur Verfügung stehen. Zehn Prozent der weltweiten Abfälle aus Land- und Forstwirtschaft würden reichen, um – nach dem heutigen Stand der Technik – reichlich vier Prozent des weltweiten Kraftstoffverbrauchs im Transportsektor zu decken. Die Biokraftstoffe der ersten Generation kommen mittlerweile gerade mal auf 1,7 Prozent des globalen Kraftstoffbedarfs im Verkehr.

Mike Enskat, Programmkoordinator Energie für nachhaltige Energie bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), sieht allerdings neben einigen Risiken vor allem Chancen für den Agrarsektor von Entwicklungs- und Schwellenländern. »Allerdings dürfen die Fehler bei der Entwicklung der ersten Generation von Biokraftstoffen nicht wiederholt werden«, ergänzt Enskat. Er ist überzeugt, dass mit international vereinbarten Nachhaltigkeitsstandards für die Produktion von Biomasse und mit der Zertifizierung von Biokraftstoffen sicher gestellt werden kann, dass sowohl ökologische als auch soziale Belange bei der Biokraftstoffproduktion beachtet werden.

Während die großen Schwellenländer vor allem in Forschung und Entwicklung investieren müssen, steht in den meisten Entwicklungsländern der Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft und die Verbesserung der Infrastruktur im Mittelpunkt, sagte Paolo Frankl, Leiter der Abteilung Erneuerbare Energien der IEA.

Die Studie wurde von der GTZ im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums finanziert und fachlich begleitet.

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